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V2001: Sir Richard Charles Nicholas Branson dürfte sich heute noch einen von der Palme wedeln, wenn er nur an dieses Kürzel denkt. V2001 bezeichnet nämlich die Katalognummer, unter der das Solo-Debüt von Mike Oldfield als erster Release überhaupt bei Virgin Records erschienen ist. Die Entscheidung, dieses Album überhaupt zu veröffentlichen - noch dazu als ersten Release - war typisch für das Selbstverständnis von Bransons Imprint seinerzeit. Tangerine Dream, Faust und Gong folgten Oldfield nach und haben ebenfalls Musikgeschichte geschrieben. In den 80ern legte Virgin eine Wende zu kommerzielleren Acts wie den Sex Pistols, Culture Club, Human League, Simple Minds und XTC hin. Am Anfang stand jedoch Oldfield mit seinem Unterfangen, einem Label ein Album unterzujubeln, das bar jedweder geschäftlicher Überlegungen instrumental gehalten war. Auf A- und B-Seite befand sich jeweils nur ein Track, was einer Vermarktung mittels Singles schon von vorneherein einen Riegel vorschob. Letztlich erschien dennoch das einleitende Thema im Single-Format. Das Thema fand im Film "Der Exorzist" Verwendung. Mike Oldfield war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Mammut-Werks gerade einmal 20 Jahre alt. Hört man sich die Aufnahmen heute an, kann man ungefähr erahnen, welchen Größenwahn den jungen Engländer damals geritten hat, mit einer solchen Komposition an Labels heranzutreten. Auf dem Album spielte er die Instrumente bis auf wenige Ausnahmen selbst ein. Oldfield bastelte seit seinem 17. Lebensjahr an diesem Opus Magnum. Erste Sporen verdiente er sich im Duett mit seiner Schwester Sally unter dem Projektnamen The Sallyangie bereits mit 16 Jahren, ehe er als Session- und Live-Musiker für diverse Bands Engagements annahm. Die künstlerische Ausdrucksfähigkeit wuchs bei ihm mit der Zeit immer weiter an, so dass ein Musizieren im Band-Kontext nur eine Limitierung seiner Ambitionen bedeutet hätte. Nachdem er seine Demos den Toningenieuren des The Manor Studios vorspielte, einigten sich diese mit deren Boss Richard Branson, Oldfield den künstlerischen Freifahrtschein zu erteilen. Sie sollten es nicht bereuen. Longtracks zu produzieren war Anfang der Siebziger sicher nicht der allerneueste Einfall, diese aber mittels Overdubs (alles in allem über 2.000 an der Zahl) Schicht um Schicht auf- und übereinander zu stapeln hingegen schon eher. So erschuf Mike Oldfield ein Meisterwerk, das für ihn zum Segen und Fluch gleichermaßen werden sollte: er wird wohl bis zu seinem Tod an diesem Album gemessen werden. Hatte er sich den Spielregeln des Business schon verwehrt, setzte er sich - nur konsequent - auch stilistisch zwischen alle Stühle. Klassik, Rock, Folk, Pop: In eine einzige Schublade kann man dieses Album gar nicht packen, selbst wenn es heute meist unter 'Progressive Rock' firmiert. Schon die Eröffnungssequenz in Moll, die jedem Horrorfilm-Fan bekannt sein dürfte, klingt rhythmisch sehr ungewöhnlich. Ein 7/8-Takt vermählt sich mit einem 8/8 zu einem 15/8. Langsam entwickelt sich "Tubular Bells Part One" aus den melancholischen Tiefen des Beginns zu lichteren Höhen. Das Zählen der Instrumente, die hier nacheinander oder gleichzeitig zu hören sind, gleicht einer Sisyphos-Aufgabe, der man sich aber gar nicht widmen braucht. Für Oldfield ist die ausufernde Instrumentierung lediglich Mittel zum Zweck, um den Hörer auf eine musikalische Berg- und Talfahrt mitzunehmen. Refrains oder erkennbare Strukturen, wie man sie von Pop-Songs her kennt, sucht man hier vergebens. Vielmehr geben sich melodische Themen die Klinke in die Hand, die in ihrer Schönheit für Dutzende Popsongs als Blaupause hätten herhalten können. Gegen Ende des ersten Teils, wenn die Rhythmik drängender schiebt, deutet sich schon die später speziell auf "Incantations" zelebrierte hypnotische Monotonie an. Die sich anschließende Vorstellung (übrigens die einzigen gesprochenen Worte des Albums) der einzelnen Instrumente von Vivian Stanshall war und ist hingegen nicht wirklich notwendig und stört eher den Flow der Musik. Einen hymnischen Höhepunkt markieren schließlich die namensgebenden Röhrenglocken, die dem Hörer zum Abschluss von "Part One" ordentlich die Synapsen durcheinander zwirbeln. Der Bruch zum zweiten Teil des Albums ist wohl nur dem physischen Umstand geschuldet, dass nach einer gewissen Zeit bei einer Vinyl-Platte einfach Schluss sein muss. Zu Beginn plätschert die Fortsetzung verträumt dahin, ehe nach knapp neun Minuten verzerrte Gitarren das Zepter übernehmen. Jene klingen wie Dudelsäcke, könnten aus einem imaginären "Highlander"-Film stammen und öffnen ein weiteres Kapitel im ohnehin schon reichhaltigen instrumentalen Fundus der Scheibe. Am Ende dieses Parts leiten Pauken und Schlagzeug den Part ein, der gemeinhin "Caveman" genannt wird. Hier röchelt, knurrt und growlt sich Oldfield einen zurecht, dass es klingt, als habe er eine Socke im Mund. Die epischen Zeilen lauten: "Shogoh wrach douch gwenoguah. Flumoh guach dough wenooooh. Shlogo guach dough gwenoguah. Flogoh wach dogh wenoooh". Oldfield war der Erste, der dieses Thema in die öffentliche Diskussion einbrachte. Es wurde auch Zeit, dass das mal jemand anspricht. Der Legende nach lieferte Oldfield diesen Nonsens nur ab, weil Virgin-Boss Branson ihn dazu drängen wollte, an einer Stelle Lyrics in die Musik zu integrieren. Erbost über diesen Eingriff in seine künstlerische Freiheit, goss er sich eine Buddel Whisky hinter die Binde und stellte sich dann - volltrunken, wie er war - hinters Mikro. Ergebnis: Die Schaumgeburt des Höhlenmenschen. Scherz beiseite. Wer Oldfield nur aus den Popcharts her kennt, dürfte eine rundum geleckte Produktion erwarten. Dies ist keineswegs der Fall. Vielmehr holpert es hier und dort, einige Parts sind nicht hundertprozentig sauber gespielt und eher Ausdruck einer erfrischend lockeren Sicht auf da eigene Werk. Hinzu gesellt sich am Ende ein weiterer satirischer Einwurf. Wer nach all dem Gezupfe und Geklöppel ein höchst snobistisches und pathetisches Ende erwartet, dem haut Oldfield zum Kehraus anderthalb Minuten das Traditional "Sailor's Hornpipe" um die Löffel, das sich zum Ende im Tempo fast überschlägt. Mit den nachfolgenden Alben "Hergest Ridge", "Ommadawn" und "Incantations" konnte er künstlerisch das Level noch halten, aber spätestens mit seiner Hinwendung zur Popmusik rümpften mehr und mehr Fans die Nase. Ein "Moonlight Shadow" hat - so genial es auch als Popsong funktioniert - mit diesem Debüt kaum etwas gemein. Oldfield wandert in verschiedenen musikalischen Welten, aber so erfrischend eindringlich wie hier klang er danach nie wieder. © Laut
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