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Denkt man im populärkulturellen Erinnerungsvermögen an die Wortkombination Elektronik, Wien und Jahrtausendwende, dürfte dem Großteil wohl als Allererstes der überpräsente Downtempo-Lounge-Sound von Kruder & Dorfmeister in den Sinn kommen. Allem voran das zu Legendenstatus gekommene Remix-Album "The K&D Sessions" aus dem Jahr 1998. In einer ganz anderen Ecke, nämlich dem Grenzen auslotenden, avantgardistischen Kosmos des Peter-Rehberg-Labels Mego, avancierte Christian Fennesz Anfang der Nullerjahre zu einem der wichtigsten kontemporären Musiker der experimentellen Elektronik. Er krempelte mit seinem 2001 erschienenen Longplayer "Endless Summer" die elektronische Musik gehörig um. Der gebürtige Burgenländer wechselte 1992 nach dem Ende seines experimentellen Rock-Trios Maische von der elektrischen Gitarre an den Laptop. Zu festgefahren und einschränkend kam ihm das klassische Bandformat vor. 1997 erscheint sein Debütalbum "Hotel Parallel", ein dem Glitch-Universum verhaftetes Klanggebilde aus Abstraktion, Clicks und Cuts. Ein radikaler Gegenpol zum Lifestyle-Objekt Lounge/Downbeat. Die verschiedenen Szene-Kosmen dieser Zeit sind in den Worten der Protagonisten im empfehlenswerten Nachschlagewerk "Wien.Pop" bestens belegt. 1999 folgt "Plus Forty Seven Degrees 56' 37" Minus Sixteen Degrees 51' 08", erneute zwei Jahre später legte Fennesz nach. Und wie. "Endless Summer" verbindet augenscheinliche Antipoden. Es bringt die Songhaftigkeit in die avantgardistische Elektronik, Melodik in die Welt von Clicks & Cuts und Romantik in den Rechner. Fennesz schuf ein Wechselspiel von Melodie, Abstraktion, Pathos, Vertrautheit und digitaler Verfremdung. The Beach Boys hatte er bereits 1999 auf der EP "Fennesz Plays" (wie auch The Rolling Stones) gecovert. Oder besser: sich an ihnen abgearbeitet. Übrig blieben Soundfetzen und der Nachhall von Akkordfolgen und Strukturen, über die sich, kaum sind sie da, ganze Wände von White Noise und Verzerrung legen. Dass digitales weißes Rauschen ebenso schön und bewegend sein kann wie das des Meeres: "Endless Summer" bewies es furios. Auch die Gitarre kommt wieder zum Einsatz. Sowohl in akustischer als auch in elektrischer Form. Sie deutet an, gibt kurze Akkord- und Melodiefolgen vor. Diese prozessieren und abstrahieren ins Unendliche, schwellen ab- und wieder an und fungieren hier als Basis und Anhaltspunkt und dort als flüchtiges Wetterleuchten. Und die Melodien? Die kommen entweder so offensichtlich daher wie ein Song der Beach Boys oder entstehen erst im Ohr über die und aus den fremd anmutenden und scheinbar statischen Fragmente. Der Opener "Made In Hongkong" deutet alles erst einmal an und baut sich sukzessive auf. Der Titeltrack "Endless Summer" fußt dann gleich von Anfang an auf der melodischen Komponente, unsere Ohren halten sich an der Akustikgitarre und ihrer minimalen, aber effektiven Akkordfolge fest. "Endless Summer" ergießt sich in Verzerrung, Geräusch und in deren Wechselspiel mit großen Gefühlen. Bei "Caecilia" treffen Drones auf glasklare Glockenspiel-Klänge, digitale Störgeräusche und Modulationen verzerren das Strandbild. Alles tönt gleichermaßen gelassen, friedlich und chaotisch. Knapp vor der zweiten Minute des Stücks taucht diese wunderschöne melancholische Hookline auf. Ohne jegliche Berührungsangst zur Eingängigkeit ruft sie Erinnerungen wach, die gleich darauf wieder verfremden und in andere Blickwinkel abdrehen. Der ungewöhnlichste Track wartet im letzten Drittel der Platte: "Before I Leave" lebt von einem gesampleten Ton einer Beach Boys-Orgel, der immer wieder moduliert und fragmentiert wird und in anderen Texturen und rhythmischen Kontexten auftaucht. "Happy Audio" beendet die Originalversion des Albums mit einem Loop als Epilog. Die remasterte Edition bietet zwei weitere stimmige, allerdings nicht unbedingt essenzielle Tracks. Die Geräuschhaftigkeit steigert sich gegen Ende hin ins Sinfonische, als regnete es auf den Ozean, als ziehe der Himmel kurzfristig zu, als Abgesang auf diesen obskur vertrauten Sommer. Am Ende erscheinen all die Erinnerungen gleichzeitig wie Fremdkörper, Nostalgie und der weite, zeitlose Horizont verschmelzen. Man sieht die Wellenreiter in Sepia-Farben die letzten Wogen des Tages nehmen. Christian Fennesz schuf einen einzigartigen Klangkosmos. Mit "Endless Summer" avancierte er zum internationalen Star, erlag aber dennoch nie der Versuchung, seinen Mega-Erfolg einfach zu wiederholen und den Lorbeeren nachzurennen. Fennesz entwickelte sein Sound-Universum mit den Folgealben "Venice" und "Black Sea" konsequent weiter. Neben seinen eigenen Werken gab es seit jeher zahlreiche Kollaborationen, unter anderem mit Mark Linkous und Ryuichi Sakamoto. Es steht im Kontext einer stetigen Evolution. Erst mit dem Album "Bécs" wirkte Fennesz 2014 erstmalig ein wenig selbstreflexiv und zitierte sich mit einem kleinen Augenzwinkern selbst. Kurze Fußnote zu "Bécs": Auf diesem Album hat Fennesz mit dem Titeltrack sein melodistischstes, eingängigstes und sinfonischstes Stück überhaupt erschaffen. Aber das ist eine andere Geschichte. Nämlich eine von einem ureigenen Klang, in den einzutauchen mehr als lohnt. "Endless Summer" markiert nicht Anfang oder Ende davon, aber den ersten Grundpfeiler, der in den Himmel ragt. Ein einzigartiges, eigenartiges und zeitloses Stück Musik von einem musikalischen Schwergewicht. © Laut
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