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The Armed

Ein Portrait zu einer Band wie The Armed zu schreiben, ist eine Herkulesaufgabe. Nicht etwa weil das amerikanische Kollektiv eine besonders umfangreiche Vita aufzuweisen hätte, sondern weil es nur auf dem Papier wirklich existiert. "This is considered a band only because that's how the world exists", erzählt ein Mitglied dem polnischen Musikmagazin Undertone. In Wahrheit seien The Armed vielmehr ein multimediales Kunstprojekt. "We're a bunch of art school nerds", heißt es im Interview weiter. Und ergo sei das Auftreten in der Öffentlichkeit und das Spiel mit deren Wahrnehmung ebenso Bestandteil ihrer Kunst wie ihrer Musik. So plakativ das klingen mag, so konsequent und kreativ ziehen The Armed dieses Konzept seit ihrer Gründung durch. Konkret heißt das, dass die Band sich mit fast schon absurden Promo-Aktionen einen eigenen Mythos um sich herum erschaffen hat. Selbst ihre Gründung ist Teil davon. 2009 schießen The Armed "These Are The Lights" als ihr offizielles Debüt in den endlosen Äther des Internets. Für umme, ohne Vorwarnung, ohne Promo. Danach? Lange nichts. Heute ist das Album außerhalb von Youtube nur noch schwer aufzutreiben. Die originale Webseite zum Download des Albums ist inaktiv, und selbst auf dem offiziellen YouTube-Channel von The Armed finden sich nur noch fragmentarische Teaser und kurze Clips, die auf die Existenz der LP hinweisen. Ebenso schwer zu rekonstruieren ist das originale Line-Up der Band. Drummer Tony Wolski und das Interview, das er MetalSucks 2010 gibt, ist einer der wenigen Anhaltspunkte. Er bestätigt unter anderem das Involvement einiger Mitglieder der Band Slicer Dicer und die des Converge-Gitarristen Kurt Ballou, der für das Mixing von "These Are The Lights" zuständig gewesen sei. Auf musikalischer Ebene legt "These Are The Lights" den Grundstein für die waghalsige Entwicklung, die The Armed mit ihren nächsten Alben beschreiten werden. Dreißig Minuten straight gespielten Metalcore reichern die Jungs aus Detroit mit Saxophonen und Klarinetten an und schaffen damit eine Diversität im Klangbild , die sie später in fast schon größenwahnsinniger Marnier ausdefinieren werden. Doch eins nach dem anderen. Nach einigen spärlich gesäten EPs folgt 2015 mit "Untitled" das zweite Studioalbum, das die Karriere der "Detroit Punk Band", wie sie sich zu dieser Zeit selbst bezeichnen, so richtig ins Rollen bringt. Wieder sind die Einsichten in die Zusammensetzung der Band rar gesät. Kurt Ballous Arbeit an den Reglern und die Arbeit mit Baptists-Drummer Nick Yacyshyn sind die einzigen definitiv bestätigten Kollaborationen. Das tut der kritischen Rezeption jedoch keinen Abbruch. Im Gegenteil: "Untitled" schlägt im Metal-Untergrund ein wie eine Bombe. Mit dem wachsendem Erfolg wächst auch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, was die Band in den folgenden Jahren dazu verleitet, mit ihrer mysteriösen Selbstinszenierung erst so richtig in die Vollen zu gehen. Live-Auftritte geben sie fast nur noch ohne Ankündigung bei sporadisch ausgewählten Open-Mic-Nächten, für ihr Promo-Material lassen sie wahllos zusammengewürfelte Models ablichten, und zu Interviews schicken sie Schauspieler, Kameramänner oder Freunde der Band. Sollte tatsächlich doch einmal ein echtes Mitglied hinter ein Mikrofon treten, dann unter falschem Namen und meist nicht in der Rolle, die er oder sie tatsächlich in der Band einnimmt. Dieses kalkulierte Verwirrspiel mit den Medien nimmt über die Jahre immer absurde Ausmaße an. Für "Role Models", die Lead-Single ihres dritten Albums "Only Love", angeln sie sich beispielsweise The Room-Schauspieler Tommy Wiseau und bitten ihn, sich im Video ein Sumpfmonster-Kostüm anzuziehen und einfach nur nach Lust und Laune auf den Song zu reagieren. Wenig später erscheint die Single "FT. Frank Turner", für die die Band Archivaufnahmen von eben jenem Frank Turner (ohne dessen Erlaubnis) ausgräbt, an seiner Stelle jedoch seinen Namensvetter Frank Carter auf's Single-Cover packt. Es ist auch zu dieser Zeit, als der Name Dan Greene immer prominenter in Berichten über die Band auftaucht. Er soll der mysteriöse Mastermind hinter The Armed sein, der Strippenzieher hinter dem Mythos. In Interviews nennen ihn seine Bandkollegen "different". Er benutze nur ein Flip-Phoneund rede nicht viel. Und gemäß dieser Erwartungshaltung inszeniert sich Dan Greene selbst. Über eine cheesy kultartige Website, gefüllt mit antiker Clipart und kryptischen Slogans, erhält man Zugang zu einem Discord-Server, über den Dan mit seinen Anhängern kommuniziert. Ein Aspekt, der der Band trotz allem Heimlichgetue wichtig zu sein scheint. In einem Telefoninterview mit Revolvermag sagt er: "The Armed ist Dan Greene, but Dan Greene is everyone". Derweil überschlagen sich im restlichen Teil des Internets Theorien, wer denn wirklich in The Armed spielen könnte, und was das überhaupt alles zu bedeuten hat. Die Website Metalinjection sammelt im Januar 2021 die gängigsten Theorien, die da unter anderem lauten: Kurt Ballou ist das einzige Mitglied der Band. Andrew W.K. und Tony Hawk sind finanziell und kreativ involviert. Es ist alles eine Werbefirma. Wie falsch alle drei dieser Theorien sind, beweisen The Armed dann wenige Wochen später selbst. Denn mit der Single "All Futures" bricht die Band ihr Schweigen und veröffentlicht erstmals das vollständige Lineup aller Kollaborateure, die an ihrem vierten Album "Ultrapop" beteiligt sind. Tony Hawk und Andrew W.K. sucht man da vergebens, dafür sind unter anderem Chelsea Wolfe, Converge-Drummer Ben Koller, QOTSA-Gitarrit Troy Van Leeuwen, METZ-Gitarrist Chris Slorach und Grunge-Altmeister Mark Lanegan gelistet. Wieso der plötzliche Sinneswandel? The Armed wären nicht The Armed wenn sie eben nicht genau das machen würden, was man am wenigsten von Ihnen erwartet. "I think Dan's idea was always to zag when people expect you to zig", erzählt ein Bandmitglied. Das gilt auch für ihre Musik, die schon auf "Only Love" eine deutlich hörbare Progression erfuhr, aber erst mit "Ultrapop" eine neue Tür für die Band öffnet. Wie der Titel vermuten lässt, ist Pop in gewisser Weise der Kerninhalt ihres Viertlings. Pop im wörtlichen und im übertragenen Sinne. Selbst in einem Genre wie dem für sie heimischen extremen Metal ist die kreative Stagnation, die dort seit Jahren zu beobachten ist, auf gewisse Weise mit den immer gleichen braven Refrains der UKW-Wellen gleichzusetzen. "Terrorizer made a cool grindcore album in 1989. Do we really need the same one 30 years later from 500 other bands?", erzählt Gitarrist Adam Valley dem Revolgermag, "Maybe it's just as hardcore to be super into Dua Lipa as it is to be into just pre-Jane Doe Converge albums." Wer jetzt jedoch ein reines Pop-Album erwartet, wird ebenso vor den Kopf gestoßen, wie der, der ein reines Metal-Album erwartet. "Ultrapop" ist beides und alles dazwischen. Ein wahnsinniges Konglomerat aus Wänden an Sounds, die The Armed binnen Minuten aufbauen und wieder einstampfen. "Ultrapop" ist ohrenbetäubend, verzaubernd, abgründig, hässlich und wunderschön zugleich. Und wer denkt, dass The Armed mit "Ultrapop" ihren schlitzohrigen Charakter verloren haben, der täuscht sich. Denn einen Gitarre-spielenden Adam Valley sucht man in den Unweiten des Internets vergebens. Trevor Naud, der das oben referenzierte Interview mit der Band führte, fügt stattdessen hinzu, dass er erschreckende Ähnlichkeit mit deinem gewissen Tony Wolski aufweise.
© Laut
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