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Électronique - Erschienen am 12. März 2012 | 4AD

Auszeichnungen Qobuz' Schallplattensammlung - Pitchfork: Best New Music - Sélection Les Inrocks - Stereophile: Record To Die For
"Ich mag die Idee einer Kultur, die auf reiner Ästhetik basiert." Was Claire Boucher in einem Pitchfork-Interview so beiläufig mitteilt, fasst ihr Selbstverständnis präzise zusammen. Als "Post-Internet-Artist" bedient sich die Kanadierin ganz unbefangen aus der Kulturmasse der Online-Welt. Erscheinungs- wie Soundbild setzt Grimes ununterbrochen aus gefundenen Fragmenten zusammen, weil sie "seit der Kindheit Zugriff auf alles hatte". Für die Optik bedeutet das mal rote, blonde, brünette, schwarze, dann wieder anrasierte oder bunt gefärbte Haare. Beim Fotoshoot war man gestern noch Cyborg-Goth im Fake Fur, ist heute Todesengel mit Schoßhund und morgen überdrehtes Ravemädchen. Dieses Prinzip der ultimativen Wandelbarkeit erinnert nicht bloß ungefähr an Lady Gaga. Genau wie Gaga hat es die 23-Jährige in Windeseile zur Fashion-Ikone geschafft, und auch im Sound gilt das Gebot der freien Rekombination. Das clusterhafte Popverständnis erlaubt es ihr, Einflüsse wie Mariah Carey und Cyndi Lauper, Chopin-Partituren und Operesken, New Age-Enya, billige HipHop-Beats und Rave-Fanfaren fast nahtlos zu vermendeln. Dafür greift sie ausgiebig auf spooky-jenseitige Vocals und zugehörige Manipulatoren, vor allem anderen aber auf Fernost zurück: Synthesizer und Grimes' äußerst kindhaftes Falsett referieren regelmäßig auf J- und K-Pop. Genre-Importe übrigens, deren Relevanz für Witch House nach der Salem-LP hiermit erneut unterstrichen wird. Gerierten sich die Tracks der selbstveröffentlichten Vorgänger "Geidi Primes" und "Halfaxa" noch regelmäßig eher als experimentelle Skizze, hat Grimes diesmal ein paar Terrabytes Pop über Glasfaser ins Schlafzimmer geladen. "Visions" gelingt der seltene Spagat zwischen reduzierter elektronischer Versuchsanordnung – Vocal Pedals, Keyboard, Sampler, Sequenzersoftware – und einem ausufernden Pop-Appeal. In Momenten beinahe in Yo-Landi Vi$$ers Stimmlage, ansonsten gern mit Robyn auf Augenhöhe, leihen sich die besten "Visions"-Momente ("Be A Body", "Vowels=Space And Time") eine unnachgiebige Zugänglichkeit, ohne darüber die grundlegende Weirdness der in Montreals DIY-Kunstszene erwachsenen Boucher zu ersticken. Das Album prahlt mit eingängigen Hooks, knüpft sie aber an eine digitale LoFi-Ästhetik, schon weil es für Perfektionismus viel zu sprunghaft ist. Gerade in dieser Volatilität der Stilebenen erreicht Grimes ästhetische Formvollendung. Die widersprüchlichen Referenzen an Genres und Gefühlszustände gehen auf, weil sich die Künstlerin konsequent auf eine Meta-Authentizität beruft: Nicht als schöpferisches Genius möchte die Kanadierin verstanden werden, nicht als Sinnstifterin in semantischer oder emotionaler Hinsicht. Sondern als Sammlerin digitaler Fragmente und Kompositeurin in sich schlüssiger Soundcollagen. Es sind bekanntlich Archetypen, die uns einen bestimmten Songmoment z.B. als sehnsüchtig wahrnehmen lassen. Zu Bouchers nächster Geistesverwandtschaft zählen daher sowohl Ambient-Produzent Oneohtrix Point Never, der sich auf seinem jüngsten Werk analytisch mit Begriff und Gestalt musikalischer Nostalgie auseinandergesetzt hat, als auch Lana Del Rey. Letztere mag sich, vermutlich aus kommerziellen Gründen, noch auf Schöpfertum berufen. Tatsächlich rückt jedoch auch in Del Reys Musik ein geschmeidiger Nostalgie-Ästhetizismus an die Stelle des authentischen Ich-Erzählers. © Laut
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CD16,49 €

Électronique - Erschienen am 21. Februar 2020 | 4AD

Hi-Res Auszeichnungen Pitchfork: Best New Music
Der "Art Angels"-Ausflug in Pop-adhärente Gefilde ist vorbei; Grimes macht wieder Musik, die kompromisslos durch alle Breitengrade des Genre-Atlas taumelt. Sie muss. Nach medial turbulenten Jahren spürt man dem neuen Album Frust, Isolation und Zweifel an, die durch direkte Konfrontation nicht behoben wären. Stattdessen schweift Grimes auf "Miss Anthropocene" ins große Unbekannte ab: Ein diffus verkopftes Konzeptalbum über eine moderne Dämonologie will sie abliefern. Zurück zu den Rollen, zurück zu den Masken, weg davon, ihre Privatperson zum Epizentrum der Kunst zu machen. Ein Versuch, die Weltuntergangsängste der Gegenwart als Kabinett an Science-Fiction-Schurken aufzustellen. Ein Versuch, die komplizierte Gegenwart gegen alle Überforderung wieder konsumierbar zu machen. Diese Konzept-Ebene geht vielleicht auf, wenn man jede begleitende Illustration, jedes Video und alle (sich teils widersprechenden) Aussagen in Interviews und Social Media mit betrachtet. Vielleicht geht das Konzept von "Miss Anthropocene" auch überhaupt nicht auf. Das Album ist verworren, verkopft, emotional instabil und in seiner Kreativität zugänglich wie eine Rauchgranate. Vielleicht sollte man "Miss Anthropocene" nicht als Plot-befeuertes Science-Fiction-Opus ansehen. Die Brillanz, die in der Platte zu finden ist, liegt in der fragmentierten Uneindeutigkeit ihrer Gefühle: ein kaleidoskopisches Mood-Board der Postapokalypse. Statt aus den kaum verständlichen, spärlichen Texten der Songs konzeptuelle Bedeutung zu wringen, lohnt es sich, zu identifizieren, was dieses Album klanglich zusammenhält. Obwohl musikalisch binnen weniger Tracks zwischen akustischem Folk, Drum'n'Bass und Bollywood-Samples geschaltet wird, verwendet Grimes nämlich klangliche Techniken, die "Miss Anthropocene" kohärent machen. Man könnte diese Techniken als musikalische Denaturalisierung bezeichnen, zum Beispiel durch bewusste Übersteuerung, der Infusion von akustischem Schlamm, präsenter Noise-Spuren oder überlagerndem Reverb. Die Songs klingen bewusst überfrachtet, gegrillt, ein wenig kaputt, immerzu begleitet von einem ominösen Wabern einer alles erodierenden Wall of Sound. Das steht in Tradition industrieller Musik, irgendwo zwischen "Endless Summer" von Fennesz und "Untrue" von Burial, wie es auch Lorn oder Yeule in die Jetztzeit übertragen haben. Damit entstehen Passagen, die in ihrer Ausarbeitung an Pre-"Visions"-Grimes erinnern. Gerade die Opener "So Heavy I Fell Through The Earth" und "Darkseid" betreiben kein klassisches Songwriting, nichts mit Strophe-Chorus-Strophe-Bridge, sondern folgen Ideen von Loop-Musik, die die Texturen der Klänge und Stimmen zu größtmöglichem Effekt ausstellt, wie Grimes es schon auf "Halfaxa" und "Geidi Primes" tat. Ersterer wurde von Illangelo abgemischt und orientiert sich laut Grimes an dessen Beat zu "The Hills". Klingt dementsprechend auch, als hätte Enya auf einem The Weeknd-Song gesungen. Ein eindrucksvoller, destruktiver Vibe, aber gerade bei mehrmaligem Hören können diese Songs Längen aufweisen. Besonders viel passiert eben nicht. Die bräsierenden Synthesizer und dunklen Bässe mäandern ihren Weg durch Wälle aus Echo und Mandarin-Raps von Pan Wei-Ju, nur um alle paar Minuten in einem lichtenden Song-Übergang zu branden. Ähnlich verhält es sich mit den ausklingenden drei Tracks. "Before The Fever" und "IDORU" hätten in ihrer dekonstruierten Simplizität musikalisch eins zu eins auf "Visions" oder der "Darkbloom"-EP landen können. Manche Fans wird dieser Rückbezug freuen, allerdings wäre es spannend gewesen, wenn sie die Ästhetik mit ihren neu gefundenen Songwriting-Erfahrungen von "Art Angels" ein wenig dichter und direkter gemacht hätte. Hier handelt es sich um ein Stück Stimmung, das man sich erschließen kann, wenn man denn will. Zubewegen wird es sich auf den Hörer nämlich nicht. Der echte Kern, der Pop von "Miss Anthropocene", findet im Mittelteil statt. Zwischen "Delete Forever" und "My Name Is Dark" zimmert Grimes Volltreffer nach Volltreffer und findet die perfekte Synthese aus ihrer alten und neuen Musik. Beginnend mit dem Indie-Folk-Song "Delete Forever", der mit verzerrten Klampfen-Klängen und einschneidenden Lyrics über PTSD zur Opiat-Epidemie menschlich und demaskiert klingt. Inspiriert vom Tod des Rappers Lil Peep, der die Erinnerung an den ähnlichen Tod alter Freunde wachrief, charakterisiert sie das Gefühl von Taubheit und Verlust. "Funny how they think us naive when we're on the brink/ Innocence was fleeting like a season/ Cannot comprehend, lost so many men/ Lately, all their ghosts turn into reasons and excuses/" singt sie und könnte Heroin und Benzos in der Musikszene genau so wie die Klimakrise meinen. Das effektive Anschneiden der Universalität von Gefühlen der Überforderung trägt auch die folgenden Songs. "Violence" wurde bereits mehrfach als Song aus Perspektive der Erde erklärt, die sich für die ihr angetane Gewalt an ihren Bewohnern rächt. Doch gerade im Kontext des vorigen Songs wirkt Stimme und Fokalisierung der Sängerin auch wie zum Selbstschutz aufrecht erhaltener Zynismus einer tief verletzten Person, die sich mit einer Romantisierung ihrer Traumata ein wenig Freiheit erringen will. Ein bisschen wie es viele großen Leitfiguren dieser Generation tun, sei es ein Lil Peep oder eine Billie Eilish. Die wörtliche Deutung entpuppt sich als einschneidender als jede Metapher, die Maskenlosigkeit als undurchschaubarer als jede Maske. Mit "4AEM" und "My Name Is Dark" (auf der Bonus-Edition möge man noch "We Appreciate Power" dazurechnen) gibt es dann noch einmal ein paar Banger in der Tracklist, über die man viel nachdenken kann, aber Gott sei Dank nicht muss, weil sie ohne genauere Zuschreibung ordentlich scheppern. "4AEM" hat nahezu keine Lyrics, dafür einen absurden Wechsel zwischen Grimes-Vocals und an frühen EDM erinnernden Techno-Breakdown mit Bollywood-Vocals. Klingt absurd, aber ist laut, macht Krach und liefert für die richtige Party den richtigen Song. "My Name Is Dark" wurde im Vorfeld schon als das "Kill V Maim" der Platte beschrieben und tut genau das: Ein musikalisch überrumpelnder Power-Trip mit absurd-komischem Mitsing-Chorus und endlosem Wiederhörwert. "Hands reaching out for new gods/ You can't give me what I want/", so steht die Ballade "New Gods" in der Mitte des Albums wie ein Zwischenfazit und fasst zusammen, was "Miss Anthropocene" dem Hörer anbietet: Alles, nur keine Antworten. Natürlich bietet es keine Antworten. All der Anspruch, all das Konzept scheinen unterm Strich nur Beiwerk für eine emotionale Trance zu sein. Eine Trance aus Taubheit und Überforderung, die zwar gleichzeitig so persönlich und emotional erkundet wird, und doch für das Leben 2020 erschreckend universell erscheint. Es bietet kein Portrait des Popstars als junge Frau, weil Claire Boucher nie das Zentrum ihrer Musik darstellte. Grimes neues Album ist ein transhumanistisches Steampunk-Manifest über das Leben einer anonymen Einzelnen in einer Welt, die sich womöglich zurecht am Abgrund wähnt. Es ist eine Erkundung aller emotionalen und klanglichen Facetten, das die starrende Apokalypse dem Menschen abringen kann. © Laut
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CD13,99 €

Électronique - Erschienen am 6. November 2015 | 4AD

Hi-Res Auszeichnungen Pitchfork: Best New Music
Die Klangwelt der Claire Elise Boucher ist eine wundersame, bunte. Und sie hat vor dem großen, vermeintlich bösen Mainstream keine Angst. Ganz im Gegenteil. Man erinnere sich beispielsweise an die "Kontroverse" um ihre "Best of 2012"-Playlist, die zum Missfallen einiger Geschmäckler und Geschmäcklerinnen auch Taylor Swift, Psys Gangnam Style, Lana Del Rey und Justin Bieber enthielt. Mariah Carey nannte sie in einem Essay an die Kritiker/Hater (hier nachzulesen, sehr empfehlenswert) überhaupt den Grund, warum es Grimes in dieser Form gibt. Grimes schielt nicht nach dem Mainstream sondern spielt damit, bedient und konstruiert aus allen möglichen Ecken und Blickwinkeln und schafft somit mitreißende und im wahrsten Sinne des Wortes kontemporäre Popmusik. Dass Boucher die verschiedensten Spiel- und Produktionsarten genau analysiert, sich angeeignet und zunutze gemacht hat, kommt auf "Art Angels" vollendet zum Vorschein. Nachdem sie ihr 2012 erschienenes Album "Visions" in wenigen Wochen auf dem Apple Standard-Programm GarageBand produzierte und damit zum Pop-Liebkind der progressiveren Sphären avancierte, hat sie sich auch auf ihrem vierten Longplayer nicht lumpen lassen und hielt nicht nur alle Produktions- und Aufnahmegeschicke in eigenen Händen (von GarageBand ist sie mittlerweile übrigens auf Ableton Live gewechselt), sondern lernte auch eine Reihe an Instrumenten zu spielen, um neue Ideen und Klangfarben umsetzen zu können. "Art Angels" ist ein ständiger Spagat, ein ständiges Ausloten, unter Strom stehen. Drones und Bubblegum-Pop, verzerrte Single-Line-E-Gitarren, knarzende Beats und sonnengetränkte Harmonien, Electronica, Synthesizer, Hip Hop. Eine dringliche, kurze Streicherouvertüre eröffnet, ein Klavier lässt Akkorde liegen, Boucher singt sirenenhaft. Deutlich unter zwei Minuten liegt "Laughing and Not Being Normal", der Opener des Albums, ein atmosphärisch vielschichtiges Intro, darauf folgt das ungemein eingängige California. Dann übernehmen verzerrte, rudimentäre E-Gitarrenlicks, für "Scream" featured sie die taiwanesische Rapperin Aristophanes. Mit "Flesh without Blood" schüttelt sie den perfekten Popsong aus dem Ärmel, bei "Belly Of The Beat" legt sie noch mal nach. "I've been thinking / Everybody dies, we cut out their eyes and we dance like angels do / Breaking our name in a world that feigns some knowledge of you" heißt es da. Überschwänglichkeit, Groteske, Aggression, Obskurität, Schmerz, Melancholie - auch emotional ist "Art Angels" ein ständiger Informationsfluss. Und die Informationsdichte ist enorm. "Venus Fly" ist ein surrealer Cheerleader-Dancetrack, "Kill V. Maim" ein 80er-Jahre-Synth-Song aus der Perspektive von Al Pacino, der einen Vampir spielt (großartige Themenvorgabe!), "Life In A Vivid Dream" ein atmosphärisches, anderthalbminütiges Balladenintermezzo, ehe mit "Butterfly" wieder so ein Popsong in Überdimension den musikalischen Bewusstseinsstrom zu einem Ende führt. Dass das alles Pop sei, will Grimes nicht hören - es sei ohnehin unmöglich, sie in ein Genre zu stecken, auch wenn man das stets versuchen würde, meinte sie im Zuge der Veröffentlichung. Recht hat sie. Grimes hat ein Universum an Musik kanalisiert, sich zu eigen gemacht. Ihre Klangschaften bersten vor Details, ihre Songs changieren zwischen Mystik, Obskurität und absoluter Eingängigkeit. Diese meilenweite Öffnung auf "Art Angels" war nach "Visions" der nächste logische Schritt für Grimes. Sie ist ihn konsequent und bravourös gegangen. © Laut

Électronique - Erschienen am 1. Januar 2021 | 4AD

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CD13,99 €

Électronique - Erschienen am 21. Februar 2020 | 4AD

Hi-Res
Der "Art Angels"-Ausflug in Pop-adhärente Gefilde ist vorbei; Grimes macht wieder Musik, die kompromisslos durch alle Breitengrade des Genre-Atlas taumelt. Sie muss. Nach medial turbulenten Jahren spürt man dem neuen Album Frust, Isolation und Zweifel an, die durch direkte Konfrontation nicht behoben wären. Stattdessen schweift Grimes auf "Miss Anthropocene" ins große Unbekannte ab: Ein diffus verkopftes Konzeptalbum über eine moderne Dämonologie will sie abliefern. Zurück zu den Rollen, zurück zu den Masken, weg davon, ihre Privatperson zum Epizentrum der Kunst zu machen. Ein Versuch, die Weltuntergangsängste der Gegenwart als Kabinett an Science-Fiction-Schurken aufzustellen. Ein Versuch, die komplizierte Gegenwart gegen alle Überforderung wieder konsumierbar zu machen. Diese Konzept-Ebene geht vielleicht auf, wenn man jede begleitende Illustration, jedes Video und alle (sich teils widersprechenden) Aussagen in Interviews und Social Media mit betrachtet. Vielleicht geht das Konzept von "Miss Anthropocene" auch überhaupt nicht auf. Das Album ist verworren, verkopft, emotional instabil und in seiner Kreativität zugänglich wie eine Rauchgranate. Vielleicht sollte man "Miss Anthropocene" nicht als Plot-befeuertes Science-Fiction-Opus ansehen. Die Brillanz, die in der Platte zu finden ist, liegt in der fragmentierten Uneindeutigkeit ihrer Gefühle: ein kaleidoskopisches Mood-Board der Postapokalypse. Statt aus den kaum verständlichen, spärlichen Texten der Songs konzeptuelle Bedeutung zu wringen, lohnt es sich, zu identifizieren, was dieses Album klanglich zusammenhält. Obwohl musikalisch binnen weniger Tracks zwischen akustischem Folk, Drum'n'Bass und Bollywood-Samples geschaltet wird, verwendet Grimes nämlich klangliche Techniken, die "Miss Anthropocene" kohärent machen. Man könnte diese Techniken als musikalische Denaturalisierung bezeichnen, zum Beispiel durch bewusste Übersteuerung, der Infusion von akustischem Schlamm, präsenter Noise-Spuren oder überlagerndem Reverb. Die Songs klingen bewusst überfrachtet, gegrillt, ein wenig kaputt, immerzu begleitet von einem ominösen Wabern einer alles erodierenden Wall of Sound. Das steht in Tradition industrieller Musik, irgendwo zwischen "Endless Summer" von Fennesz und "Untrue" von Burial, wie es auch Lorn oder Yeule in die Jetztzeit übertragen haben. Damit entstehen Passagen, die in ihrer Ausarbeitung an Pre-"Visions"-Grimes erinnern. Gerade die Opener "So Heavy I Fell Through The Earth" und "Darkseid" betreiben kein klassisches Songwriting, nichts mit Strophe-Chorus-Strophe-Bridge, sondern folgen Ideen von Loop-Musik, die die Texturen der Klänge und Stimmen zu größtmöglichem Effekt ausstellt, wie Grimes es schon auf "Halfaxa" und "Geidi Primes" tat. Ersterer wurde von Illangelo abgemischt und orientiert sich laut Grimes an dessen Beat zu "The Hills". Klingt dementsprechend auch, als hätte Enya auf einem The Weeknd-Song gesungen. Ein eindrucksvoller, destruktiver Vibe, aber gerade bei mehrmaligem Hören können diese Songs Längen aufweisen. Besonders viel passiert eben nicht. Die bräsierenden Synthesizer und dunklen Bässe mäandern ihren Weg durch Wälle aus Echo und Mandarin-Raps von Pan Wei-Ju, nur um alle paar Minuten in einem lichtenden Song-Übergang zu branden. Ähnlich verhält es sich mit den ausklingenden drei Tracks. "Before The Fever" und "IDORU" hätten in ihrer dekonstruierten Simplizität musikalisch eins zu eins auf "Visions" oder der "Darkbloom"-EP landen können. Manche Fans wird dieser Rückbezug freuen, allerdings wäre es spannend gewesen, wenn sie die Ästhetik mit ihren neu gefundenen Songwriting-Erfahrungen von "Art Angels" ein wenig dichter und direkter gemacht hätte. Hier handelt es sich um ein Stück Stimmung, das man sich erschließen kann, wenn man denn will. Zubewegen wird es sich auf den Hörer nämlich nicht. Der echte Kern, der Pop von "Miss Anthropocene", findet im Mittelteil statt. Zwischen "Delete Forever" und "My Name Is Dark" zimmert Grimes Volltreffer nach Volltreffer und findet die perfekte Synthese aus ihrer alten und neuen Musik. Beginnend mit dem Indie-Folk-Song "Delete Forever", der mit verzerrten Klampfen-Klängen und einschneidenden Lyrics über PTSD zur Opiat-Epidemie menschlich und demaskiert klingt. Inspiriert vom Tod des Rappers Lil Peep, der die Erinnerung an den ähnlichen Tod alter Freunde wachrief, charakterisiert sie das Gefühl von Taubheit und Verlust. "Funny how they think us naive when we're on the brink/ Innocence was fleeting like a season/ Cannot comprehend, lost so many men/ Lately, all their ghosts turn into reasons and excuses/" singt sie und könnte Heroin und Benzos in der Musikszene genau so wie die Klimakrise meinen. Das effektive Anschneiden der Universalität von Gefühlen der Überforderung trägt auch die folgenden Songs. "Violence" wurde bereits mehrfach als Song aus Perspektive der Erde erklärt, die sich für die ihr angetane Gewalt an ihren Bewohnern rächt. Doch gerade im Kontext des vorigen Songs wirkt Stimme und Fokalisierung der Sängerin auch wie zum Selbstschutz aufrecht erhaltener Zynismus einer tief verletzten Person, die sich mit einer Romantisierung ihrer Traumata ein wenig Freiheit erringen will. Ein bisschen wie es viele großen Leitfiguren dieser Generation tun, sei es ein Lil Peep oder eine Billie Eilish. Die wörtliche Deutung entpuppt sich als einschneidender als jede Metapher, die Maskenlosigkeit als undurchschaubarer als jede Maske. Mit "4AEM" und "My Name Is Dark" (auf der Bonus-Edition möge man noch "We Appreciate Power" dazurechnen) gibt es dann noch einmal ein paar Banger in der Tracklist, über die man viel nachdenken kann, aber Gott sei Dank nicht muss, weil sie ohne genauere Zuschreibung ordentlich scheppern. "4AEM" hat nahezu keine Lyrics, dafür einen absurden Wechsel zwischen Grimes-Vocals und an frühen EDM erinnernden Techno-Breakdown mit Bollywood-Vocals. Klingt absurd, aber ist laut, macht Krach und liefert für die richtige Party den richtigen Song. "My Name Is Dark" wurde im Vorfeld schon als das "Kill V Maim" der Platte beschrieben und tut genau das: Ein musikalisch überrumpelnder Power-Trip mit absurd-komischem Mitsing-Chorus und endlosem Wiederhörwert. "Hands reaching out for new gods/ You can't give me what I want/", so steht die Ballade "New Gods" in der Mitte des Albums wie ein Zwischenfazit und fasst zusammen, was "Miss Anthropocene" dem Hörer anbietet: Alles, nur keine Antworten. Natürlich bietet es keine Antworten. All der Anspruch, all das Konzept scheinen unterm Strich nur Beiwerk für eine emotionale Trance zu sein. Eine Trance aus Taubheit und Überforderung, die zwar gleichzeitig so persönlich und emotional erkundet wird, und doch für das Leben 2020 erschreckend universell erscheint. Es bietet kein Portrait des Popstars als junge Frau, weil Claire Boucher nie das Zentrum ihrer Musik darstellte. Grimes neues Album ist ein transhumanistisches Steampunk-Manifest über das Leben einer anonymen Einzelnen in einer Welt, die sich womöglich zurecht am Abgrund wähnt. Es ist eine Erkundung aller emotionalen und klanglichen Facetten, das die starrende Apokalypse dem Menschen abringen kann. © Laut
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Électronique - Erschienen am 21. Februar 2020 | 4AD

Der "Art Angels"-Ausflug in Pop-adhärente Gefilde ist vorbei; Grimes macht wieder Musik, die kompromisslos durch alle Breitengrade des Genre-Atlas taumelt. Sie muss. Nach medial turbulenten Jahren spürt man dem neuen Album Frust, Isolation und Zweifel an, die durch direkte Konfrontation nicht behoben wären. Stattdessen schweift Grimes auf "Miss Anthropocene" ins große Unbekannte ab: Ein diffus verkopftes Konzeptalbum über eine moderne Dämonologie will sie abliefern. Zurück zu den Rollen, zurück zu den Masken, weg davon, ihre Privatperson zum Epizentrum der Kunst zu machen. Ein Versuch, die Weltuntergangsängste der Gegenwart als Kabinett an Science-Fiction-Schurken aufzustellen. Ein Versuch, die komplizierte Gegenwart gegen alle Überforderung wieder konsumierbar zu machen. Diese Konzept-Ebene geht vielleicht auf, wenn man jede begleitende Illustration, jedes Video und alle (sich teils widersprechenden) Aussagen in Interviews und Social Media mit betrachtet. Vielleicht geht das Konzept von "Miss Anthropocene" auch überhaupt nicht auf. Das Album ist verworren, verkopft, emotional instabil und in seiner Kreativität zugänglich wie eine Rauchgranate. Vielleicht sollte man "Miss Anthropocene" nicht als Plot-befeuertes Science-Fiction-Opus ansehen. Die Brillanz, die in der Platte zu finden ist, liegt in der fragmentierten Uneindeutigkeit ihrer Gefühle: ein kaleidoskopisches Mood-Board der Postapokalypse. Statt aus den kaum verständlichen, spärlichen Texten der Songs konzeptuelle Bedeutung zu wringen, lohnt es sich, zu identifizieren, was dieses Album klanglich zusammenhält. Obwohl musikalisch binnen weniger Tracks zwischen akustischem Folk, Drum'n'Bass und Bollywood-Samples geschaltet wird, verwendet Grimes nämlich klangliche Techniken, die "Miss Anthropocene" kohärent machen. Man könnte diese Techniken als musikalische Denaturalisierung bezeichnen, zum Beispiel durch bewusste Übersteuerung, der Infusion von akustischem Schlamm, präsenter Noise-Spuren oder überlagerndem Reverb. Die Songs klingen bewusst überfrachtet, gegrillt, ein wenig kaputt, immerzu begleitet von einem ominösen Wabern einer alles erodierenden Wall of Sound. Das steht in Tradition industrieller Musik, irgendwo zwischen "Endless Summer" von Fennesz und "Untrue" von Burial, wie es auch Lorn oder Yeule in die Jetztzeit übertragen haben. Damit entstehen Passagen, die in ihrer Ausarbeitung an Pre-"Visions"-Grimes erinnern. Gerade die Opener "So Heavy I Fell Through The Earth" und "Darkseid" betreiben kein klassisches Songwriting, nichts mit Strophe-Chorus-Strophe-Bridge, sondern folgen Ideen von Loop-Musik, die die Texturen der Klänge und Stimmen zu größtmöglichem Effekt ausstellt, wie Grimes es schon auf "Halfaxa" und "Geidi Primes" tat. Ersterer wurde von Illangelo abgemischt und orientiert sich laut Grimes an dessen Beat zu "The Hills". Klingt dementsprechend auch, als hätte Enya auf einem The Weeknd-Song gesungen. Ein eindrucksvoller, destruktiver Vibe, aber gerade bei mehrmaligem Hören können diese Songs Längen aufweisen. Besonders viel passiert eben nicht. Die bräsierenden Synthesizer und dunklen Bässe mäandern ihren Weg durch Wälle aus Echo und Mandarin-Raps von Pan Wei-Ju, nur um alle paar Minuten in einem lichtenden Song-Übergang zu branden. Ähnlich verhält es sich mit den ausklingenden drei Tracks. "Before The Fever" und "IDORU" hätten in ihrer dekonstruierten Simplizität musikalisch eins zu eins auf "Visions" oder der "Darkbloom"-EP landen können. Manche Fans wird dieser Rückbezug freuen, allerdings wäre es spannend gewesen, wenn sie die Ästhetik mit ihren neu gefundenen Songwriting-Erfahrungen von "Art Angels" ein wenig dichter und direkter gemacht hätte. Hier handelt es sich um ein Stück Stimmung, das man sich erschließen kann, wenn man denn will. Zubewegen wird es sich auf den Hörer nämlich nicht. Der echte Kern, der Pop von "Miss Anthropocene", findet im Mittelteil statt. Zwischen "Delete Forever" und "My Name Is Dark" zimmert Grimes Volltreffer nach Volltreffer und findet die perfekte Synthese aus ihrer alten und neuen Musik. Beginnend mit dem Indie-Folk-Song "Delete Forever", der mit verzerrten Klampfen-Klängen und einschneidenden Lyrics über PTSD zur Opiat-Epidemie menschlich und demaskiert klingt. Inspiriert vom Tod des Rappers Lil Peep, der die Erinnerung an den ähnlichen Tod alter Freunde wachrief, charakterisiert sie das Gefühl von Taubheit und Verlust. "Funny how they think us naive when we're on the brink/ Innocence was fleeting like a season/ Cannot comprehend, lost so many men/ Lately, all their ghosts turn into reasons and excuses/" singt sie und könnte Heroin und Benzos in der Musikszene genau so wie die Klimakrise meinen. Das effektive Anschneiden der Universalität von Gefühlen der Überforderung trägt auch die folgenden Songs. "Violence" wurde bereits mehrfach als Song aus Perspektive der Erde erklärt, die sich für die ihr angetane Gewalt an ihren Bewohnern rächt. Doch gerade im Kontext des vorigen Songs wirkt Stimme und Fokalisierung der Sängerin auch wie zum Selbstschutz aufrecht erhaltener Zynismus einer tief verletzten Person, die sich mit einer Romantisierung ihrer Traumata ein wenig Freiheit erringen will. Ein bisschen wie es viele großen Leitfiguren dieser Generation tun, sei es ein Lil Peep oder eine Billie Eilish. Die wörtliche Deutung entpuppt sich als einschneidender als jede Metapher, die Maskenlosigkeit als undurchschaubarer als jede Maske. Mit "4AEM" und "My Name Is Dark" (auf der Bonus-Edition möge man noch "We Appreciate Power" dazurechnen) gibt es dann noch einmal ein paar Banger in der Tracklist, über die man viel nachdenken kann, aber Gott sei Dank nicht muss, weil sie ohne genauere Zuschreibung ordentlich scheppern. "4AEM" hat nahezu keine Lyrics, dafür einen absurden Wechsel zwischen Grimes-Vocals und an frühen EDM erinnernden Techno-Breakdown mit Bollywood-Vocals. Klingt absurd, aber ist laut, macht Krach und liefert für die richtige Party den richtigen Song. "My Name Is Dark" wurde im Vorfeld schon als das "Kill V Maim" der Platte beschrieben und tut genau das: Ein musikalisch überrumpelnder Power-Trip mit absurd-komischem Mitsing-Chorus und endlosem Wiederhörwert. "Hands reaching out for new gods/ You can't give me what I want/", so steht die Ballade "New Gods" in der Mitte des Albums wie ein Zwischenfazit und fasst zusammen, was "Miss Anthropocene" dem Hörer anbietet: Alles, nur keine Antworten. Natürlich bietet es keine Antworten. All der Anspruch, all das Konzept scheinen unterm Strich nur Beiwerk für eine emotionale Trance zu sein. Eine Trance aus Taubheit und Überforderung, die zwar gleichzeitig so persönlich und emotional erkundet wird, und doch für das Leben 2020 erschreckend universell erscheint. Es bietet kein Portrait des Popstars als junge Frau, weil Claire Boucher nie das Zentrum ihrer Musik darstellte. Grimes neues Album ist ein transhumanistisches Steampunk-Manifest über das Leben einer anonymen Einzelnen in einer Welt, die sich womöglich zurecht am Abgrund wähnt. Es ist eine Erkundung aller emotionalen und klanglichen Facetten, das die starrende Apokalypse dem Menschen abringen kann. © Laut
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CD8,99 €

Électronique - Erschienen am 1. Oktober 2010 | Arbutus Records

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CD6,99 €

Électronique - Erschienen am 18. April 2011 | Arbutus Records

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CD8,99 €

Électronique - Erschienen am 5. Oktober 2010 | Arbutus Records

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CD13,99 €

Électronique - Erschienen am 6. November 2015 | 4AD

Die Klangwelt der Claire Elise Boucher ist eine wundersame, bunte. Und sie hat vor dem großen, vermeintlich bösen Mainstream keine Angst. Ganz im Gegenteil. Man erinnere sich beispielsweise an die "Kontroverse" um ihre "Best of 2012"-Playlist, die zum Missfallen einiger Geschmäckler und Geschmäcklerinnen auch Taylor Swift, Psys Gangnam Style, Lana Del Rey und Justin Bieber enthielt. Mariah Carey nannte sie in einem Essay an die Kritiker/Hater (hier nachzulesen, sehr empfehlenswert) überhaupt den Grund, warum es Grimes in dieser Form gibt. Grimes schielt nicht nach dem Mainstream sondern spielt damit, bedient und konstruiert aus allen möglichen Ecken und Blickwinkeln und schafft somit mitreißende und im wahrsten Sinne des Wortes kontemporäre Popmusik. Dass Boucher die verschiedensten Spiel- und Produktionsarten genau analysiert, sich angeeignet und zunutze gemacht hat, kommt auf "Art Angels" vollendet zum Vorschein. Nachdem sie ihr 2012 erschienenes Album "Visions" in wenigen Wochen auf dem Apple Standard-Programm GarageBand produzierte und damit zum Pop-Liebkind der progressiveren Sphären avancierte, hat sie sich auch auf ihrem vierten Longplayer nicht lumpen lassen und hielt nicht nur alle Produktions- und Aufnahmegeschicke in eigenen Händen (von GarageBand ist sie mittlerweile übrigens auf Ableton Live gewechselt), sondern lernte auch eine Reihe an Instrumenten zu spielen, um neue Ideen und Klangfarben umsetzen zu können. "Art Angels" ist ein ständiger Spagat, ein ständiges Ausloten, unter Strom stehen. Drones und Bubblegum-Pop, verzerrte Single-Line-E-Gitarren, knarzende Beats und sonnengetränkte Harmonien, Electronica, Synthesizer, Hip Hop. Eine dringliche, kurze Streicherouvertüre eröffnet, ein Klavier lässt Akkorde liegen, Boucher singt sirenenhaft. Deutlich unter zwei Minuten liegt "Laughing and Not Being Normal", der Opener des Albums, ein atmosphärisch vielschichtiges Intro, darauf folgt das ungemein eingängige California. Dann übernehmen verzerrte, rudimentäre E-Gitarrenlicks, für "Scream" featured sie die taiwanesische Rapperin Aristophanes. Mit "Flesh without Blood" schüttelt sie den perfekten Popsong aus dem Ärmel, bei "Belly Of The Beat" legt sie noch mal nach. "I've been thinking / Everybody dies, we cut out their eyes and we dance like angels do / Breaking our name in a world that feigns some knowledge of you" heißt es da. Überschwänglichkeit, Groteske, Aggression, Obskurität, Schmerz, Melancholie - auch emotional ist "Art Angels" ein ständiger Informationsfluss. Und die Informationsdichte ist enorm. "Venus Fly" ist ein surrealer Cheerleader-Dancetrack, "Kill V. Maim" ein 80er-Jahre-Synth-Song aus der Perspektive von Al Pacino, der einen Vampir spielt (großartige Themenvorgabe!), "Life In A Vivid Dream" ein atmosphärisches, anderthalbminütiges Balladenintermezzo, ehe mit "Butterfly" wieder so ein Popsong in Überdimension den musikalischen Bewusstseinsstrom zu einem Ende führt. Dass das alles Pop sei, will Grimes nicht hören - es sei ohnehin unmöglich, sie in ein Genre zu stecken, auch wenn man das stets versuchen würde, meinte sie im Zuge der Veröffentlichung. Recht hat sie. Grimes hat ein Universum an Musik kanalisiert, sich zu eigen gemacht. Ihre Klangschaften bersten vor Details, ihre Songs changieren zwischen Mystik, Obskurität und absoluter Eingängigkeit. Diese meilenweite Öffnung auf "Art Angels" war nach "Visions" der nächste logische Schritt für Grimes. Sie ist ihn konsequent und bravourös gegangen. © Laut
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Électronique - Erschienen am 21. Februar 2020 | 4AD

Der "Art Angels"-Ausflug in Pop-adhärente Gefilde ist vorbei; Grimes macht wieder Musik, die kompromisslos durch alle Breitengrade des Genre-Atlas taumelt. Sie muss. Nach medial turbulenten Jahren spürt man dem neuen Album Frust, Isolation und Zweifel an, die durch direkte Konfrontation nicht behoben wären. Stattdessen schweift Grimes auf "Miss Anthropocene" ins große Unbekannte ab: Ein diffus verkopftes Konzeptalbum über eine moderne Dämonologie will sie abliefern. Zurück zu den Rollen, zurück zu den Masken, weg davon, ihre Privatperson zum Epizentrum der Kunst zu machen. Ein Versuch, die Weltuntergangsängste der Gegenwart als Kabinett an Science-Fiction-Schurken aufzustellen. Ein Versuch, die komplizierte Gegenwart gegen alle Überforderung wieder konsumierbar zu machen. Diese Konzept-Ebene geht vielleicht auf, wenn man jede begleitende Illustration, jedes Video und alle (sich teils widersprechenden) Aussagen in Interviews und Social Media mit betrachtet. Vielleicht geht das Konzept von "Miss Anthropocene" auch überhaupt nicht auf. Das Album ist verworren, verkopft, emotional instabil und in seiner Kreativität zugänglich wie eine Rauchgranate. Vielleicht sollte man "Miss Anthropocene" nicht als Plot-befeuertes Science-Fiction-Opus ansehen. Die Brillanz, die in der Platte zu finden ist, liegt in der fragmentierten Uneindeutigkeit ihrer Gefühle: ein kaleidoskopisches Mood-Board der Postapokalypse. Statt aus den kaum verständlichen, spärlichen Texten der Songs konzeptuelle Bedeutung zu wringen, lohnt es sich, zu identifizieren, was dieses Album klanglich zusammenhält. Obwohl musikalisch binnen weniger Tracks zwischen akustischem Folk, Drum'n'Bass und Bollywood-Samples geschaltet wird, verwendet Grimes nämlich klangliche Techniken, die "Miss Anthropocene" kohärent machen. Man könnte diese Techniken als musikalische Denaturalisierung bezeichnen, zum Beispiel durch bewusste Übersteuerung, der Infusion von akustischem Schlamm, präsenter Noise-Spuren oder überlagerndem Reverb. Die Songs klingen bewusst überfrachtet, gegrillt, ein wenig kaputt, immerzu begleitet von einem ominösen Wabern einer alles erodierenden Wall of Sound. Das steht in Tradition industrieller Musik, irgendwo zwischen "Endless Summer" von Fennesz und "Untrue" von Burial, wie es auch Lorn oder Yeule in die Jetztzeit übertragen haben. Damit entstehen Passagen, die in ihrer Ausarbeitung an Pre-"Visions"-Grimes erinnern. Gerade die Opener "So Heavy I Fell Through The Earth" und "Darkseid" betreiben kein klassisches Songwriting, nichts mit Strophe-Chorus-Strophe-Bridge, sondern folgen Ideen von Loop-Musik, die die Texturen der Klänge und Stimmen zu größtmöglichem Effekt ausstellt, wie Grimes es schon auf "Halfaxa" und "Geidi Primes" tat. Ersterer wurde von Illangelo abgemischt und orientiert sich laut Grimes an dessen Beat zu "The Hills". Klingt dementsprechend auch, als hätte Enya auf einem The Weeknd-Song gesungen. Ein eindrucksvoller, destruktiver Vibe, aber gerade bei mehrmaligem Hören können diese Songs Längen aufweisen. Besonders viel passiert eben nicht. Die bräsierenden Synthesizer und dunklen Bässe mäandern ihren Weg durch Wälle aus Echo und Mandarin-Raps von Pan Wei-Ju, nur um alle paar Minuten in einem lichtenden Song-Übergang zu branden. Ähnlich verhält es sich mit den ausklingenden drei Tracks. "Before The Fever" und "IDORU" hätten in ihrer dekonstruierten Simplizität musikalisch eins zu eins auf "Visions" oder der "Darkbloom"-EP landen können. Manche Fans wird dieser Rückbezug freuen, allerdings wäre es spannend gewesen, wenn sie die Ästhetik mit ihren neu gefundenen Songwriting-Erfahrungen von "Art Angels" ein wenig dichter und direkter gemacht hätte. Hier handelt es sich um ein Stück Stimmung, das man sich erschließen kann, wenn man denn will. Zubewegen wird es sich auf den Hörer nämlich nicht. Der echte Kern, der Pop von "Miss Anthropocene", findet im Mittelteil statt. Zwischen "Delete Forever" und "My Name Is Dark" zimmert Grimes Volltreffer nach Volltreffer und findet die perfekte Synthese aus ihrer alten und neuen Musik. Beginnend mit dem Indie-Folk-Song "Delete Forever", der mit verzerrten Klampfen-Klängen und einschneidenden Lyrics über PTSD zur Opiat-Epidemie menschlich und demaskiert klingt. Inspiriert vom Tod des Rappers Lil Peep, der die Erinnerung an den ähnlichen Tod alter Freunde wachrief, charakterisiert sie das Gefühl von Taubheit und Verlust. "Funny how they think us naive when we're on the brink/ Innocence was fleeting like a season/ Cannot comprehend, lost so many men/ Lately, all their ghosts turn into reasons and excuses/" singt sie und könnte Heroin und Benzos in der Musikszene genau so wie die Klimakrise meinen. Das effektive Anschneiden der Universalität von Gefühlen der Überforderung trägt auch die folgenden Songs. "Violence" wurde bereits mehrfach als Song aus Perspektive der Erde erklärt, die sich für die ihr angetane Gewalt an ihren Bewohnern rächt. Doch gerade im Kontext des vorigen Songs wirkt Stimme und Fokalisierung der Sängerin auch wie zum Selbstschutz aufrecht erhaltener Zynismus einer tief verletzten Person, die sich mit einer Romantisierung ihrer Traumata ein wenig Freiheit erringen will. Ein bisschen wie es viele großen Leitfiguren dieser Generation tun, sei es ein Lil Peep oder eine Billie Eilish. Die wörtliche Deutung entpuppt sich als einschneidender als jede Metapher, die Maskenlosigkeit als undurchschaubarer als jede Maske. Mit "4AEM" und "My Name Is Dark" (auf der Bonus-Edition möge man noch "We Appreciate Power" dazurechnen) gibt es dann noch einmal ein paar Banger in der Tracklist, über die man viel nachdenken kann, aber Gott sei Dank nicht muss, weil sie ohne genauere Zuschreibung ordentlich scheppern. "4AEM" hat nahezu keine Lyrics, dafür einen absurden Wechsel zwischen Grimes-Vocals und an frühen EDM erinnernden Techno-Breakdown mit Bollywood-Vocals. Klingt absurd, aber ist laut, macht Krach und liefert für die richtige Party den richtigen Song. "My Name Is Dark" wurde im Vorfeld schon als das "Kill V Maim" der Platte beschrieben und tut genau das: Ein musikalisch überrumpelnder Power-Trip mit absurd-komischem Mitsing-Chorus und endlosem Wiederhörwert. "Hands reaching out for new gods/ You can't give me what I want/", so steht die Ballade "New Gods" in der Mitte des Albums wie ein Zwischenfazit und fasst zusammen, was "Miss Anthropocene" dem Hörer anbietet: Alles, nur keine Antworten. Natürlich bietet es keine Antworten. All der Anspruch, all das Konzept scheinen unterm Strich nur Beiwerk für eine emotionale Trance zu sein. Eine Trance aus Taubheit und Überforderung, die zwar gleichzeitig so persönlich und emotional erkundet wird, und doch für das Leben 2020 erschreckend universell erscheint. Es bietet kein Portrait des Popstars als junge Frau, weil Claire Boucher nie das Zentrum ihrer Musik darstellte. Grimes neues Album ist ein transhumanistisches Steampunk-Manifest über das Leben einer anonymen Einzelnen in einer Welt, die sich womöglich zurecht am Abgrund wähnt. Es ist eine Erkundung aller emotionalen und klanglichen Facetten, das die starrende Apokalypse dem Menschen abringen kann. © Laut
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Électronique - Erschienen am 31. Oktober 2019 | 4AD

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Hip-Hop/Rap - Erschienen am 17. Juni 2020 | Parlophone UK

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Électronique - Erschienen am 1. Januar 2021 | 4AD

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Électronique - Erschienen am 12. März 2015 | 4AD

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Électronique - Erschienen am 20. Februar 2012 | 4AD

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Électronique - Erschienen am 12. Februar 2020 | 4AD

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Électronique - Erschienen am 15. November 2019 | 4AD

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Électronique - Erschienen am 13. Dezember 2019 | 4AD

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Électronique - Erschienen am 3. Juli 2014 | 4AD