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Jaimie Branch — letzter Atemzug

Von Marc Zisman |

Mit dem Tod der großartigen US-amerikanischen Trompeterin mit nur 39 Jahren geht eine charismatische Person der Contemporary Jazz-Avantgarde von uns…

Es gibt nicht nur die “neue britische Szene”, die die Jazzosphäre seit den 2010er Jahren aufrüttelt… Auch auf der anderen Seite des Atlantiks, vor allem in New York und Chicago, hält eine Bande von Rastlosen den Jazz davon ab, sich im Kreis zu drehen. Und hinter dem charismatischen Schlagzeuger Makaya McCraven, dem medienwirksamsten im Bunde, verbirgt sich eine Handvoll ebenso inspirierter Rebellen, zu denen auch eine Außerirdische gehörte, die am 22. August 2022 im Alter von 39 Jahren starb: Jaimie Branch. Die 1983 auf Long Island geborene, überaus freisinnige Trompeterin war mit 14 Jahren mit ihrer Familie in Chicago gelandet, bevor sie nach Boston zog, um am New England Conservatory of Music zu studieren. Nach einigen ersten Versuchen in obskuren Formationen (Princess, Princess und Block & Tackle) kehrte sie 2012 auf die Schulbank zurück, diesmal in Baltimore an der Towson University. Jahre, in denen Jaimie Branch auch mit einer schweren Heroinsucht kämpft, die Anfang 2008 begonnen hatte und die sie im März 2015 in Hampton Bays auf Long Island behandeln lässt. Nach diesem Schritt wirft sie den Anker in New York und zieht nach Red Hook in Brooklyn, wo sie letztendlich auch verstarb. Ihre Arbeit nimmt Fahrt auf und sie spielt mit Bands, eigenen Vorhaben, Nebenprojekten (wie Anteloper, ihr Elektro-Duo mit Jason Nazary) und anderen Featurings. Ihr Name verbreitet sich in der Independent Jazz-Szene und spätestens 2017 verschafft sie sich Geltung mit der Veröffentlichung ihres ersten Soloalbums Fly or Die, das sie mit Tomeka Reid, Jason Ajemian, Chad Taylor, Matt Schneider, Ben LaMar Gay und Josh Berman für International Anthem Records aufnimmt, dem Label, das die vielfältige neue Szene Chicagos am besten symbolisiert. Zwei Jahre später folgt Fly or Die II: Bird Dogs of Paradise, dann Fly or Die Live in 2021.

© Abdesslam Mirdass

Auf ihren Platten hat Jaimie Branch natürlich die Trompete geblasen, aber manchmal auch gesungen… Aus ihr sprudelte ein scharfer Diskurs aus libertären, feministischen, antirassistischen und oppositionellen Überzeugungen - ein menschlicher politisch-sozialer Zündstoff. Einerseits wohnte ihr ein leidenschaftliches Feuer inne, andererseits große Poesie. Frei zu sein ist eine Sache. Freiheit mit so viel Charisma auszurufen, eine andere. Die spirituelle Tochter von Lester Bowie, Don Cherry und Booker Little begnügte sich vor allem nicht ausschließlich mit dem Vektor Jazz, um ihre Ideen in Noten oder Worten zu verpacken.

Das Klischee besagt, Amerika sei ein Patchwork. In der Realität ist das auch der Fall, was die Musik von Jaimie Branch angeht. Ein Patchwork voll mit Jazz, free oder ausgedehnt, aber auch Blues, indianischen Klängen oder zeitgenössischer und avantgardistischer Musik, die sie je nach zu vermittelnder Botschaft flüsternd oder schreiend verbreitete. Der Jazz ist keineswegs tot, aber er verliert heute eine seiner abgefahrensten und originellsten Stimmen. Nicht nur eine Aktivistin der Avantgarde, nein. Es war schlicht und einfach eine großartige Musikerin.

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