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Schon jetzt hat Klaus Schulze mehrere 100 Platten veröffentlicht. Auch wenn er sich selbst nicht gern als Pionier der elektronischen Musik bezeichnen lässt, "weil sich das für mich immer nach Pfadfinderlager anhört", haben wohl wenige Musiker das Genre der elektronischen Musik so sehr geprägt wie der Berliner. Auch deshalb ist ein neues Album wie das vorliegende "Shadowlands" noch immer ein Ereignis. Eine schöne Doppel-CD für junge Entdecker und alte Krautdegen gleichermaßen. Dazu im Booklet ein herzerwärmender, sehr persönlicher Brief Christopher von Deylens aka. Schiller. Es fängt gut an. Die erste CD ist eine relativ untypische Midtempo-Orgie, eine Art perkussives Pegelhalten, dessen Reiz in den hintergründigen Nuancen liegt. Ferne Vocals, teils im Duett mit Thomas Kagermanns kongenialen Violinen- und Flötenimpromptus, teils so selbstbezogen und verweht wie der Wind. Dabei fast durchgängig als Koitus Interruptus inszeniert. Immer, wenn der Hörer glaubt, jetzt gehe es gesanglich so richtig los, verliert sich die Spur wieder im Malstrom der Elektrizität. So etwas als Spannungsbogen über eine Dreiviertelstunde zu dehnen ("Shadowlights"), ohne dass sich die Komposition wie Kaugummi zieht, weist eine künstlerische Weltklasse aus, die in dieser Form ihresgleichen sucht. Den Gesangsparts von Chrysta Bell und Julia Messenger kann man hier auch nichts vorwerfen. Die beiden kommen nicht aus der egozentrischen Epigonenabteilung des "Global Pop", sondern agitieren kraftvoll und mit Gefühl für die zugrundeliegende Songmasse. Sehr David Lynch, sehr gut. Trotzdem stehen beide Chanteusen augenblicklich auf dem akustischen Abstellgleis, sobald die letzte der echten Vestalinnen, Lisa Gerrard, das Parkett betritt. Ihr Volumen, ihr Charisma und die - bei aller handwerklichen Perfektion - stets überbordende Wärme der stimmlichen Leidenschaft degradiert alle weiblichen Kolleginnen ungewollt zu unfertigem Nachwuchs aus der Feenschule. Allein schon die seit einigen Jahren zu beobachtende Hinwendung der Koloraturkönigin zu einer stärkeren Betonung einer Tonlage in Altstimme verleiht den Schulzewerken einen Kontrapunkt, der die Kompositionen im Nu komplett entert und erobert. Mehr Erscheinung als Sängerin. Unbezwingbar. Auf dem zweiten Silberling setzt der meist spontan in der momentanen Improvisation komponierende Moogfather lässig noch einen drauf. Das 55-minütige "The Rhodes Violin" beginnt als langer, ruhiger Fluss im Stile von Großtaten wie etwa "Crystal Lake" ("Mirage", 1977). Wie sich windende, schneckenhaft langsame Lava samt gezupfter Violine. Fast zeitgleich setzen die charakteristisch pluckernden Sequencer ein, wenn Saitenhexer Kagermann sein Instrument zu streichen beginnt. Beide verschmelzen in vollkommener Anmut. Allen, die seit vielen Jahren vergebens auf eine echte Sternstunde der ehemaligen Tangerine Dream-Mitstreiter warten, sei dieses tolle Stück empfohlen. Musik ohne harte Konturen, dabei so klar wie Dalis "Weiche Uhren". Ein Stück für die Ewigkeit. Wer sich darin nicht verlieren kann, hat längst selbst verloren. Nicht nur wegen der schier unerschöpflichen Anzahl an Stücken wird einst der Tag kommen, ab dem man den Mann mit der herrlich hemdsärmeligen "Berliner Schnauze" in einem Zug mit Bach und Co. nennen wird. © Laut
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