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Die Alben

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KicK iii

Arca

Electronic - Erschienen am 1. Dezember 2021 | XL Recordings

Hi-Res Auszeichnungen Pitchfork: Best New Music
Wenn wir Arcas Geschichte erzählen wollen, suchen wir oft nach Parallelen. Ein bisschen ist sie ja wie Aphex Twin, weil beide die Abgründe des elektronischen Genres ausloten. Ein bisschen ist sie auch wie Björk, nicht nur, weil sie zusammenarbeiten, sondern weil sie auch beide jedes neue Album als eigene Ära im eigenen Universum mit eigener Logik und eigenem Look begreifen. Ganz besonders ähnelt sie SOPHIE, denn ihre beiden Geschichten handeln vom Ans-Licht-Treten einer visionären Untergrund-Produzentin, als Gesicht der Musik, als ihre eigene Definition eines Star, als Frau. Keiner von diesen Vergleichen mag falsch sein, aber sie nähern sich halt nur an. Denn auch, wenn Arca bislang nicht den selben Legenden-Status erreichte, hat sie doch schon lange bewiesen, dass sie nicht unter "ferner liefen" gehört. Und die jetzige Ära beweist das: Drei Alben in drei Tagen, und auf jedem weiteren Ableger der "Kick"-Serie mutiert sie ihren Sound weiter. Dieses Mal nicht nur ins Extremere, sondern auch ins Rundere. "Kick III" im Besonderen fühlt sich wie die Kernthese ihrer bisherigen Laufbahn an. Hier fusioniert sie Musik als Ausdruck und Worldbuilding, und die beiden Funktionen komplimentieren sich. Fangen wir mit dem Aspekt des Worldbuildings an: Diesen Begriff hört man ja im musikalischen Kontext eher selten, aber Arca war eine Meisterin darin, ihre Soundpools und Stimmungsbilder so aufeinander abzustimmen, dass sie eine sehr spezifische Welt heraufbeschwören. "Kick III" zitiert diese finstere, synthetische Latex-Ästhetik, die sie auf "Xen" oder "Mutant" eingeführt hat. Songs wie "Incendio" verweben Percussion, die wie das Mahlen von futuristischer Schwerindustrie klingen, mit robotisch manipulierter Stimme und Synth-Echos wie dem Rauschen der Datenautobahn. Kein Wunder, dass sie dieses Mal so in die Cover-Ästhetik investiert hat, denn die immer absurder und grenzüberschreitend wirkenden Cyberpunk-Illustrationen lassen sich auf diesem Album nahtlos ansiedeln. Jedes Element, vom Sound-Design über die Bilder bis zur Atmosphäre schafft mehr Rahmenbedingungen zur atmosphärischen Wirklichkeit dieser Platte, die in den kleinen Entscheidungen des Songwritings überraschend viele Feinheiten bietet. Die leisen Ambient-Einschübe auf "Skullqueen" zum Beispiel, die sie auf "Kick IIIII" weiter erkundet, die perkussive Komplexizität von "Rubberneck", auf die sie fast in Skat-Gesang ausbricht. Und das liefert die Grundlage für die Ausdrucks-Ebene dieses Albums. Denn im Gegensatz zu "Xen" und "Mutant", die ihre Künstlerin hinter der schroffen Klangwelt verbergen, stellt sie sich hier als Popstar nach ganz eigener Fasson in den Vordergrund. Gut möglich, dass die Club-Banger aufs erste Hören quasi in offener Sicht versteckt sind. Aber immer wieder brechen die schweren Noise-Elemente auf und Reggaeton-Rhythmen betreten die Landschaft, Techno-Beats, mal schwere, mal leichtfüßige Electronica. Und unter der finsteren Fassade wird "Kick III" wahnsinnig tanzbar, zum Beispiel auf "Electra Rex" oder "Skullqueen". Da agiert Arca nicht als DJ, sondern als Performerin, als unwirklicher Popstar ihrer eigenen Paralleldimension. Heraus kommen ein paar der eingängigsten Songs, die sie je gemacht hat. "Fiera" zum Beispiel bricht von der ersten Note an in eine so erschütternde Euphorie aus, die Kick schlägt wie ein Herz ans Jochbein, die Synthesizer recken sich in ihrer verzerrten Unförmigkeit zu einer energetischen Melodie auf – der Song praktiziert Gender-Euphorie für die letzte halbe Stunde Dancefloor vor dem Sonnenaufgang. Auf dem Opener "Bruja" agiert Arca als MC, wie die Reggaeton-Seelenverwandte von Princess Nokia oder Shygirl, mit einem magnetischen Charisma. Das sind die Momente, in denen man auch die Progression zu alten Platten spürt. Auf ihre Weise waren die alle schon geil, radikal und prägend, aber in ihrer Fokussierung auf einen Effekt haben sie sich in sich selbst verschanzt. Hier kommen die besten Stellen zusammen, die Wut zur Performance von "KLK", die komplette klangliche Eigenwilligkeit von "Mutant" und die kompositorischen Bewegungs-Ideen von "Xen". Die Songs sind surreale, atmende Motive, die in ihren Lovecraft-schen Formen die Form von Popsongs andeuten. "Pity the fool, pity the fool", singt sie auf "Intimate Flesh", als wolle sie sich über die vergebene Liebesmüh lustig machen, die sie leistet. Es gibt nämlich kein Verstehen dieser Musik, kein "das verstehe ich", kein "das verstehe ich aber nicht", es ist einfach nur eine offene und verwundbare Darbietung von Arcas Jetztzustand. Von der Energie und dem Triumph, dass Arca 2021 nicht nur existiert, sondern blüht. Aber all die Energie, all der Triumph, er ist unter einem Schleier versteckt. Ein Schleier aus Sprachbarrieren, aus sperriger Musik. Arca hatte im Gegensatz zu all ihren Vergleichspunkten nie den Anspruch, auf uns zuzugehen. Sie hatte nie die Absicht, ein Star in unserer Welt zu sein. Deswegen muss man den Willen zur Grenzüberschreitung ein bisschen zu ihr tragen, denn erst, wenn man sich auf ihren Boden begibt, ihrer musikalischen Logik folgt und gemeinsam die Barriere erodiert, merkt man: Arca ist das, was Aphex Twin in den Neunzigern war, was Eliane Radique in den Siebzigern war, was sie vor ein paar Jahren noch mit Sophie geteilt hat. Sie ist der verdammte brodelnde Nexus der musikalischen Progressivität, auf dem letzten Ende des Extremitäts-Spektrum. Sie wird ihr Ding machen – und jetzt gerade können wir nur zusehen und warten, bis die nächste große Produzenten-Generation uns ins zehn Jahren erklärt, was hier gerade wirklich passiert. © Laut
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Red (Taylor's Version)

Taylor Swift

Pop - Erschienen am 12. November 2021 | Taylor Swift

Hi-Res Auszeichnungen Pitchfork: Best New Music
"Folklore" hatte einen interessanten Effekt auf die öffentliche Wahrnehmung von Taylor Swifts gesamter Diskographie. Erst als sie sich im seit jeher von Kritikern fetischisierten musikalischen Korsett des Folk bewies, wurde auch ihrem oft als schnödem Pop abgestempelten Frühwerk mehr und mehr die Bedeutung zugeschrieben, das es schon lange verdient. Als hätten all die Holzfällerhemd tragenden Hornbrillen-Redakteure nur auf diesen Beleg gewartet, dass sie eine 'echte' Künstlerin sei, um sich endlich ohne Schuldgefühle eingestehen zu können, dass "Love Story" ein verdammtes Meisterwerk ist und sie ja eigentlich lieber "Wild Dreams" als "Float On" beim Karaoke singen würde. Wie passend, dass Taylor so nett ist und diese Retrospektive mit den Neuveröffentlichungen ihres gesamten Katalogs ankurbelt, die in Form eines übermenschlich großen ausgestreckten Mittelfingers gegenüber ihrem früheren Manager Scooter Braun daher kommen. Das spült ihr nicht nur noch mehr Geld in die Kassen und gibt ihr das Gefühl Alleininhaberin ihres geistigen Eigentums zu sein, es gibt uns auch die Möglichkeit, kurz innezuhalten und dieses Mal so vollkommen ohne Vorbehalte über das vielleicht beste Pop-Album der letzten Dekade zu sprechen. Wie schon bei "Fearless" ist auch im Falle von "Red" Swifts Ziel, ihre alten Songs so wenig wie möglich zu verändern. 'Taylor's Version' ist kein Zertifikat, das besagt, so hätten diese Songs schon immer klingen sollen, vielmehr ist es eine akribische Restauration vergangener musikalischer Entwicklungsprozesse. Der rote Faden in Swifts Diskographie verläuft vom Country zum Pop zum Folk. "Red" ist der Moment, in dem erstmals ein markanter Übergang hörbar wurde. Die intimen Gitarren-Balladen und naiven Jugend-Romanzen kollidierten mit erwachsenem Herzschmerz und dem explosiven Songwriting eines Max Martin. Retrospektiv betrachtet bildet das Album das perfekte Bindeglied zwischen der unschuldigen Taylor Swift, die mit ihrer Klampfe die Herzen Amerikas eroberte, und der überlebensgroßen Pop-Ikone zu der sie ihre weiteren Releases machten. Verlief die Kollision der verschiedenen Klangwelten 2012 nahezu organisch und nahtlos, offenbaren die Neuaufnahmen allerdings eine gewisse Diskrepanz. Max Martin war für dieses Release nicht mehr an Bord, und das hört man. Der Dubstep-Breakdown auf "I Knew You Were Trouble" ist gealtert wie Milch, "22" und "We Are Never Ever Getting Back Together" fehlen die Energie und der Bombast der Originalaufnahmen. Auch "Starlight", der ohnehin einzige wirkliche Fehltritt in der Tracklist, kommt ein wenig blass daher. Es ist kein Wunder, dass gerade ihre Versuche, die Songs zu rekonstruieren, die so symptomatisch für den verspielten Pop-Zeitgeist der letzten Dekade stehen, etwas ungelenk wirken. Man merkt, dass Swifts Mindset ein anderes ist, ein ernsteres und erwachseneres. Im Umkehrschluss kommt das allerdings nahezu jedem anderen Song auf "Red (Taylor's Version)" zugute. Das Songwriting ist so wasserdicht wie immer, niemand schreibt bessere Bridges als Taylor Swift, aber auch die Emotionalität der Songs, die fast alle vom Finden und Verlieren einer jungen Liebe erzählen, ist über die Jahre nicht verloren gegangen. Swift ist seit 2017 mit Joe Alwyn zusammen, singt also nun aus der Perspektive einer gefestigten Beziehung, während ihr Liebesleben zur Entstehungszeit von "Red" für mehr Schlagzeilen sorgte als ihre Musik. Die jugendliche Naivität ist aus ihrer Stimme verschwunden, Taylor rezipiert die Texte voller Nostalgie, mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Das macht “Red” trotz der Monothematik besonders in dieser Version evokativ wie nur wenig Vergleichbares in diesem Genre. Es ist das definitive Zeugnis für die Songwriter-Qualitäten eines Pop-Powerhouses. Die vokale Intimität von "Folklore" fühlt sich auf einem Großteil der Balladen wie zuhause an und wertet Songs wie "Treacherous", "I Almost Do", "The Last Time", "Sad Beautiful Tragic", "The Lucky One" oder allen voran "Holy Ground" ungemein auf. Es sind kleine Änderungen, wie wenn die vertrauten Akkorde irgendwie noch melancholischer klingen oder wenn ihre Stimme von wunderschönen geflüsterten und gesummten Background Vocals akzentuiert wird, die Swifts musikalische Progression seit 2012 verbildlichen und aus ohnehin schönen Lovesongs regelrechte emotionale Bulldozer machen. In dieser Hinsicht steht "All Too Well" nach wie vor über allem. Es ist der beste Song, den Swift jemals schrieb. Das schwummrige Licht eines offenen Kühlschranks, ein vergessener Schal, fallende Blätter, ein zerknülltes Stück Papier: Swift blättert mit uns durch das Fotoalbum in ihrem Herzen, blutet ihre Unfähigkeit, zu Vergessen aufs Papier und treibt einem damit die Tränen in die Augen. Der Song ist eine fünfminütige Meisterleistung in evokativem Storytelling und Herzschmerz, vollkommen frei von der jugendlichen Naivität und den großen Hollywood-Gesten ihres Frühwerks. "Just between us, did the love affair maim you all too well?" - Als wäre das nicht schon genug, so hält 'Taylor's Version' von "Red" auch eine von Jack Antonoff produzierte Version des Songs bereit, der die Geschichte weiterspinnt und sowohl die Laufzeit als auch den emotionalen Impact mit einem himmlischen Outro verdoppelt. Es ist, so schwülstig die Bezeichnung auch klingen mag, ein perfekter Song. Bezeichnend für das Level an Qualität, dass die Sessions zu "Red" zu Tage förderten sind auch die bisher unveröffentlichten "From The Vault"-Tracks, die im Gegensatz zu den erneut veröffentlichten, wenig aufregenden Bonus-Tracks dem originalen Album weitere, moderne Aspekte hinzufügen. Mit Ausnahme des etwas arg glatt produzierten "Message In A Bottle" hätte jeder dieser Songs, jedes Swift-Album bereichert. Zwischen den nostalgischen Pop-Throwbacks "Babe" oder "The Very First Night" und den warmen Indie-Balladen "Better Man" und dem Phoebe Bridgers-Duett "Nothing New" schlägt Swift nahtlos die Brücke zu ihrem jüngsten Output, was wieder einmal veranschaulicht, dass sie schon immer die begabte Musikerin und Texterin war zu der man sie jüngst so gerne in fast übertriebenem Maße stilisierte. Als Gesamtprodukt ergibt das ein Album mit einer 120-minütigen Spielzeit, das nahezu keinerlei Füllmaterial beinhaltet und nur wenige Aussetzer. Trotzdem lässt sich die Neuauflage von "Red" nicht an einem Stück hören, ohne an Qualität einzubüßen. Swifts Talent als Songwriterin trägt dieses Album, aber es trägt es eben nicht über seine gesamte Länge. Ab einem bestimmten Punkt fühlt man sich satt, möchte auf Pause drücken und alles erst mal in Ruhe verdauen. Die Bonustracks hätten an für sich ein großartiges Projekt abgegeben, fühlen sich hier allerdings an wie die Reste, die man sich noch auf vollen Magen reinhaut, weil man den Teller leer zurückgehen lassen will, um zu beweisen, dass es geschmeckt hat. Wer sich den Langspieler jedoch als Drei-Gänge Menü aufbereitet, den erwartet die beste Version von "Red" sowie schmackhafter Fan-Service vom Feinsten. Egal, ob man sich erst von einem Album wie "Folklore" bekehren lassen musste, oder seit Stunde eins Swiftie ist, wer mit ihrer Musik in der Vergangenheit etwas anfangen konnte, wird fast alles an diesem Album lieben. Und wer bisher immer noch der unpopulären Meinung ist, dass Taylor Swift ihren Status als Grande Dame des modernen Pop nicht verdient hat, der hat hiermit den ultimativen Gegenbeweis vorliegen. © Laut
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Valentine

Snail Mail

Alternativ und Indie - Erschienen am 5. November 2021 | Matador

Hi-Res Auszeichnungen Pitchfork: Best New Music
"Valentine" läutet eine neue Ära für Snail Mail ein. Daran besteht schon nach fünf Sekunden kein Zweifel. Sobald der Titeltrack und Openener erklingt, ist alles anders. Nichts mehr mit dem Midtempo-Slacker Indie von "Lush". "Valentine" ist größer, ausufernder, ambitionierter. Synthesizer und Bass spielen größere Rollen, die Gitarre scheint nur noch sporadisch. Es ist ein, um eine alte Floskel zu bemühen, erwachsenes Album. Oder zumindest etwas mehr erwachsen als der Vorgänger. Passend dazu klingt Lindsey Jordan, Songschreiberin, Sängerin und Kopf hinter Snail Mail auch erwachsener. Ihre Stimme ist tiefer, voller und aufgekratzter. Auch ihre Texte, die einer der großen Gründe für ihren stratosphärischen Aufstieg nach "Lush" waren, klingen gereifter und bedrohlicher. Schon im Opener "Valentine" schleudert sie einer Ex-Freundin entgegen: "Why'd you wanna erase me / darling, valentine". Sie will abrechnen, anklagen, ihre Wunden zeigen, damit sie sich vielleicht doch schließen. "Lush" war bevölkert mit junger Liebe, die sich zaghaft anbahnt und daran scheitert, dass niemand sich kennt. "Valentine" handelt nicht mehr von der Highschool, sondern dem brutalen Prozess des Erwachsenwerdens. Die Wunden, die dabei entstehen, sind tiefer, verheilen langsamer. Das mag auch daran liegen, dass Jordans Leben deutlich anders aussieht als 2018. Inzwischen wurde sie unzählige Male zum "next big thing in indie" ausgerufen, wurde zum Star, sogar außerhalb des klassischen Indie-Rahmens. "Be careful in that room / there's parasitic cameras, don't they top and stare at you?", fragt sie gleich zu Beginn. War sie auf "Lush" noch alleine und liebeskrank in ihrem Zimmer, ist Alleinesein jetzt eine wertvolle Ressource. So wertvoll, dass es sie für sie eine Zeit lang kaum gab. In Folge ihres Aufstiegs brach sie unter dem Druck zusammen und verbrachte 45 Tage in einer Klinik. Von dieser Zeit handelt das groovige "Ben Franklin". Basierend auf einem wahrlich coolen Basslauf erzählt Jordan von der Klinik, einer desaströsen Beziehung, der Suche nach Nähe und droppt, wie beiläufig, die vielleicht beste Zeile der Platte: "Got money / I don't care about sex". Auch ansonsten regiert der Trotz auf "Ben Franklin". Jordans "huh, honey" klingt wunderbar arrogant und verletzt zugleich, wie Trauer und Wut gemeinsam. Erst recht, wenn sie ihre Ex anklagt "Sucker for the pain / huh, honey", klingt es nach dem kleinstmöglichen Triumph. In der Klinik entstanden auch einige der Texte, komplett ohne Gitarre oder Kontakt zur Außenwelt. Vielleicht klingen sie deshalb manchmal, als wären sie nachlässig auf den Song geworfen worden. Im stampfenden "Automate" verbiegt sich alles, damit die Zeile "And when the party's empty" noch reinpasst, inklusive Jordans Stimme. Sie verlässt ihre Komfortzone, zieht den Ton nach oben. Sie klingt unsicher, leicht schräg und deshalb perfekt passend. "Valentine" ist nicht das Album einer Teenagerin, die obsessiv versucht, die eigenen Emotionen in gelenkte Bahnen zu führen. "Valentine" ist ein Album über emotionale Extremsituationen. Ordnung gibt es hier nur zufällig. "Glory" beginnt als Uptempo Alt-Rock-Hymne. So eine richtige klassische Abrechnung mit der toxischen Ex. Die erste Zeile "You want it all, superstar / Jesus died just to save you" ist voller Hohn. Doch innerhalb von nur zweieinhalb Minuten dreht Jordan ihre eigenen Gefühle auf den Kopf. Aus dem anklagenden "you owe me" wird ein unterwürfiges "you own me", bis sie am Ende gestehen muss: "Couldn't even look at you straight on / Shining in your glory". Hier zeigt sich, was "Valentine" so interessant macht. Es ist ein Album über Abgeschlossenes und trotzdem schmerzt hier noch so vieles. Der beste Song dieses großartigen Albums "Forever (Sailing)" weiß es besser, versteht, warum es vorbei ist. Trotzdem bettelt Jordan, verbiegt sich, gesteht ihre Liebe tausendfach, wirft alle guten Vorsätze über Bord. "Doesn't obsession just become me?", fragt sie, während sie ihre Ex stalkt. Dazu schunkelt ihre Gitarre wie ein Ozeandampfer, voller Selbstgewissheit bereitet sie Jordan ein warmes Bett. Vorangetrieben wird sie von einem sanften Klavier und stoischen Drums. Nur ganz selten, im Refrain, stößt eine E-Gitarre dazu, ihre Riffs sind härter. Als wollte sie Jordan anstacheln, doch noch zu eskalieren. Nur einmal gönnt sich "Valentine", dieses hochromantische Album, einen wahren Liebessong. "Light Blue" wird von einer sanften Akustikgitarre getragen, das Fingerpicking wirkt durchdacht, fließt vor sich hin. Nur hier, in dieser Country-Folk-Seligkeit, akzentuiert von zaghaften Streichern, drückt Jordan so etwas wie Zuversicht aus. "Wann wake up early everyday / just to be awake in the same world as you" ist so wunderbar liebevoll und zärtlich, ich möchte dieser Zeile einen Heiratsantrag machen. Auch der Closer "Mia" bleibt ruhig und fasst dennoch den Spirit von "Valentine" perfekt zusammen. Dieses laute, unordentliche und stellenweise schmerzhafte Album findet ganz zum Schluss seinen Ruhepunkt in einer ganz klassischen Ballade. Wieder gibt die Akustikgitarre den Ton an, erst später kommen Klavier und Streicher hinzu. In dieser bedächtigen Stimmung erzählt "Mia" eine herzzerreißende Geschichte von zerflossener Liebe. "Mia, don’t cry. I love you forever / But I gotta grow up now / No, I can’t keep holding onto you anymore / Mia, i’m still yours". Hier verdichten sich die Themen des Albums. Dieses diffuse Gefühl, dass die Zeit der jungen unschuldigen Liebe vorbei ist. Die Trauer um dieses Gefühl. Es ist zum Heulen schön. © Laut
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I Don’t Live Here Anymore

The War On Drugs

Alternativ und Indie - Erschienen am 29. Oktober 2021 | Atlantic Records

Hi-Res Auszeichnungen Pitchfork: Best New Music
Adam Granduciel ist ein Magier. Er hat es geschafft, seine Band The War On Drugs wie unantastbare amerikanische Indie-Rock-Ikonen erscheinen zu lassen und gleichzeitig mit den Besten des Classic Rock zu jonglieren. Mit Lost In The Dream, einem Album, das 2014 in vielen Jahresendcharts die Pole Position belegte, konnte er seine musikalischen Einflüsse perfekt einsetzen: vor allem Bruce Springsteen, ziemlich viel von Bob Dylan, Tom Petty war auch dabei und sogar etwas von Mark Knopfler (Dire Straits-Zeit) in bestimmten Gitarrenparts. Das Mastermind von The War On Drugs hüllte seine Songs zwar in einen betäubenden Klangteppich, der einen Hauch von Shoegaze versprüht, bewegte sich aber auf einem recht unaufgeregten Pfad ohne künstlerische Ecken und Kanten. A Deeper Understanding hat 2017 den Nagel auf den Kopf getroffen. Eine Pandemie später startet Granduciel zwar keine Revolution, verfeinert jedoch seine Kunst, die er von ihren jugendlichen Träumereien befreit. Dylanesker denn je macht er I Don't Live Here Anymore ab dem Eröffnungsstück Living Proof zu einem Gipfel der Effizienz. Wie bei dem Titeltrack handelt es sich um eine berauschende Melodie, unterbrochen von einem bewegenden Rhythmus, oder wie bei Harmonia's Dream, wobei er klare Gitarrensound mit 80er-Jahre-Synthies verbindet... Dieses fünfte Album ist vor allem eine schöne Ode an die Entschlossenheit. Selbst in seinen metaphysischen Fragen zeigt sich Adam Granduciel reif: “Ich bin erwachsen geworden, ich bin gereift, ich ziehe weiter” - all diese Klischees haben in seiner Stimme einen überraschend einzigartigen Geschmack. Es wirkt zwar wie ein Klischee, ist es aber nicht. Man kann sich bereits vorstellen, wie die Songs von I Don't Live Here Anymore in ausverkauften Stadien erklingen, aber es kann auch ein liebenswerter Soundtrack eines einsamen Abends sein, für diejenigen, die sich zu Hause isolieren. Kurz gesagt, wie seine oben erwähnten illustren Vorgänger berührt der Anführer von The War On Drugs jeden, und dieser Jahrgang 2021 könnte durchaus sein größter Jahrgang sein. © Marc Zisman/Qobuz
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Shade

Grouper

Rock - Erschienen am 22. Oktober 2021 | kranky

Hi-Res Auszeichnungen Pitchfork: Best New Music
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im hole

AYA

Electronic - Erschienen am 22. Oktober 2021 | Hyperdub

Hi-Res Auszeichnungen Pitchfork: Best New Music
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Una Rosa

Xenia Rubinos

Alternativ und Indie - Erschienen am 15. Oktober 2021 | Anti - Epitaph

Hi-Res Auszeichnungen Pitchfork: Best New Music
Die New Yorker Musikerin und Sängerin Xenia Rubinos ließ schon vor fünf Jahren mit ihrem zweiten Album "Black Terry Cat" aufhorchen, arbeitete sich aber damals noch an Vorbildern wie Beyoncé, Alicia Keys, D'Angelo und vor allem Neneh Cherry ab. Nun lässt sie auf "Una Rosa" diese Vorbilder größtenteils hinter sich. Die Tracks legte sie zunächst visuell an und spielte sie in nur einem Take ein, um im Nachhinein an ihnen herumzubasteln. Ihre Stimme nutzte sie als Vehikel zur Erkundung, um in verschiedene Rollen zu schlüpfen, mit dem Ziel, über ihre eigene Person hinauszuwachsen. Am Ende steht ihr bislang elektronischstes Werk. Dabei ergeben experimentelle Klänge und Beats, treibende karibische Clave-, Rumba-, Bolero- und Salsa-Rhythmen, Hip Hop, 90s-R'n'B, Jazz, Funk und noch vieles mehr eine in sich geschlossene Einheit, wobei die Scheibe in eine kraftvolle "Red"- und eine reflektiertere "Blue"-Seite aufgeteilt ist. "There she is", heißt es zu loungigen Klängen im eröffnenden "Ice Princess". Danach gestaltet sich der Beginn des Titeltracks, der eine Neuinterpretation eines Stückes des Komponisten José Enrique Pedreira darstellt, mit viel Geflöte und karibischer Rhythmik noch recht traditionell. Wenn sich aber gegen Mitte eisige Synthies und Sounds, die einem C64-Computer aus den 80ern entsprungen sein könnten, über den Song legen, befindet man sich mittendrin in der eigentümlichen Klangwelt dieser Platte. Dabei kommt, wie in "Ay Hombre", wenn Rubinos Autotune dazu nutzt, zu traditionell tänzerischen Rhythmen und dramatischer Elektronik ihre Stimme genüsslich zu dehnen, Romantik nicht zu kurz. Weitaus zerrissener klingt sie später auf diesem Audio-Effekt in "Did My Best", das sich um ein trauerndes Partygirl dreht. Das Album hat jedoch auch politischere Töne zu bieten. "Who Shot Ya?" stellt eine rasiermesserscharfe Abrechnung mit Polizeigewalt zu Karibik- und R'n'B-Rhythmen dar, die von maschinengewehrartigen Gesangs-Salven abgelöst werden. Zudem borgt sich Xenia in dem Song Teile von Bob Marley & The Wailers' "I Shot The Sheriff". "Don't Put Me In Red" wirkt dagegen musikalisch vergleichsweise schwül, aber gerade dieses Schwüle soll ihre Erfahrungen mit Rassismus klanglich zum Ausdruck bringen, da ihre Bühne von Bühnentechnikern so gern in ein schwülstiges rotes Licht getaucht wird, was ein möglichst klischiertes Bild einer Latina bedienen soll. Ansonsten gibt es eine ganze Menge auf dieser Platte zu entdecken. Das Rumba-inspierierte "Sacude" fällt durch die harten, verzerrten Industrial-Beats und dem schroffen Gesang äußerst kämpferisch aus, während sich "Cógelo Suave" anhört, als hätten sich Destiny's Child in einem Latin-Pop-Song verirrt, der im Refrain aus allen Nähten platzt. Das folgende, die blaue Seite des Albums einleitende "Darkest Hour", das ein Sample der berühmten Duschszene aus Alfred Hitchcocks "Psycho" enthält, knipst das Licht dann kurzzeitig völlig aus. Danach stehen größtenteils etwas entspanntere Töne auf dem Programm. "Worst Behavior" erweist sich als elegantes, dunkel schimmerndes Kleinod, das dynamische Trap-Hats und Elektro-Beats, blinkende Synthies und etwas verzerrter, melancholischer Gesang durchziehen. "Si Llego" mutet durch die federleichten, von sphärischer Elektronik umrahmten karibischen Rhythmen und durch die smoothe Stimmführung der New Yorkerin wie ein modernes Update der frühen Sade an. Im Grunde genommen hat Xenia Rubinos, was die spezielle, retrofuturistisch geprägte Klangästhetik betrifft, genau die Scheibe aufgenommen, die man sich vor drei Jahren von Rosalía als Nachfolger des wunderbar ergreifenden und emotional tiefgründigen "Los Ángeles"-Albums erhofft hatte. Ihre Verquickung traditioneller und moderner Einflüsse repräsentiert nämlich nicht unbedingt einen Zeitgeist, sondern vielmehr eine eigene, farbenprächtige Nische. Definitiv eine der besten Pop-Platten des Jahres. © Laut
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Colourgrade

Tirzah

Alternativ und Indie - Erschienen am 1. Oktober 2021 | Domino Recording Co

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Half God

Wiki

Hip-Hop/Rap - Erschienen am 1. Oktober 2021 | Wikset Enterprise

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Frech grinsend und dabei ungeniert die nicht unerhebliche Zahnlücke offenbarend blickt es für gewöhnlich aus der Lower East Side in Manhattan, New York. Wiki, mit 28 Jahren im Rap-Kosmos wahrlich kein unbekanntes Gesicht mehr, gilt aus guten Gründen als so etwas wie die personifizierte Antithese zu den materialistischen und verherrlichenden Weltbildern, die in den übrigen Hip Hop-Epizentren des Landes anhaltende Konjunktur erfahren. Um "Half God", das beste Album in Patrick "Wiki" Morales ohnehin bemerkenswertem Œuvre, zu verstehen, wagen wir zunächst ein kleinen Blick zurück in die Anfänge des vergangenen Jahrzehnts. Mit knapp 20 Jahren zählt Wiki als Member des später aufgelösten Trios Ratking mit seinem anti-autoritären Ansatz aus Noise- und Experimental-Rap zu den progressivsten Kräften der Branche, wovon unter anderem frühe Kollaborationen mit King Krule oder Skepta zeugen. Veröffentlichungen wie "So It Goes" oder "700–Fill" besitzen in Szenekreisen noch oder gerade heute Kultstatus. "No Mountains In Manhattan", Wikis erstes großes und nach wie vor exzellentes Solo-Projekt, seinerzeit noch über XL Recordings erschienen, mutete im direkten Vergleich schon fast zugänglich an und lässt gerade in der Rückschau Konturen großer Gesten erkennen. Features mit Kindheitsidolen, sorgfältig ausproduzierte Songs, Kreuzverweise zu anderen Genres: Das Album gilt heute als so etwas wie die (verfrühte) Ehrenrunde, obwohl sich Wiki doch gerade erst noch aufwärmte. Dieser Kontext ist zwingend erforderlich, um "Half God", ein durchweg reduziertes, ja, ein klassisches Album im althergebrachten MC/Producer-Format einzuordnen. Es handelt sich um eine Coming Of Age-Geschichte, die in besonderer Weise von Wikis komplexem Verhältnis zu seiner Heimatstadt New York City und von Identität, Verdrängung und Erwachsenwerden erzählt. Als Sohn puerto-ricanischer und irischer Einwanderer identifiziert sich Wiki mit einer Stadt, die sich wie keine zweite dem ständigen Wandel und neoliberalen Zwängen unterworfen hat. Das ist der eindrückliche Stoff, dem der Opener "Not Today" einen potenten und denkwürdigen Auftakt setzt. Wiki rappt, unterlegt von der bedrohlichen Kulisse sirenendurchsetzter Straßensequenzen, von der harten Wirklichkeit der Metropole: "The workers carrying bricks, the women bearing kids / Are you hearing this? This what you looking for? Then here it is." Die Ambivalenz lässt sich auch dem anschließenden "Roof" entnehmen, einer drumlosen Ode an die Straßenschluchten New Yorks. Der rasende Veränderungsdruck macht hier vor nichts und niemanden halt, nein, "nothing in this city is sacred". Dass "Half God" ein tolles und mit Sicherheit bleibendes Album geworden ist, liegt allerdings nicht ausschließlich an Wiki selbst. Navy Blue alias Sage Elsesser, der "skateboard-pro-turned-producer-turned-rapper", Posterboy der New Yorker Core-Marke Supreme (die zwischenzeitlich auch in Hip Hop-Milieus zu zweifelhafter Popularität gelangt ist), produzierte alle 16 Songs der fast einstündigen Platte. Wie schon auf seinem herausragenden Solo-Projekt "Navy's Reprise" arbeitet Elsesser mit klassischen und funktionalen Loops, deren soulige LoFi-Ästhetik immer stilsicher, aber nie aufdringlich daherkommt. Wiki läuft auf dieser Grundlage wiederholt zu Hochform auf, ob in der ruppigen Real Estate-Abrechnung "The Business" oder dem versöhnlichen Outro "Grape Soda". Der Fokus liegt zu weiten Teilen auf den staubtrockenen Rap-Parts, Hooks kommen in den Songstrukturen des Albums nur spärlich zum Einsatz. Weitere Standouts sind die wunderbaren Feature-Songs mit gleichgesinnten Gästen wie Earl Sweatshirt (die beiden klingen, und das im besten Sinne, in ihren Zwanzigern schon nach Grown Man Rap), dem aufstrebenden NY-Homie MIKE oder Remy Banks, mit dem Wiki in "Gas Face" dem verstorbenen MF DOOM huldigt. Das Geheimnis von "Half God" liegt folgerichtig in seiner organischen Chemie begründet. Wiki trägt die Songs über die gesamte Spielzeit und findet in seinen Geschichten die richtige Balance aus haarscharfer Beobachtungsgabe, aktivistischen Empowerments und kleinen Gemeinheiten. Die Synergieeffekte mit Navy Blue bilden dafür die überzeugende Grundlage und funktionieren über ein augenscheinlich gemeinsames Verständnis für Ausdruck und Atmosphäre. Die gentrifizierten Straßen New Yorks dürften also weiter Schauplatz von Wikis Kunst bleiben: "We ain't inside, we be todos aquí occupy the whole street." Mit großer Wahrscheinlichkeit wird er sein verschmitztes Grinsen dabei nicht verlieren - ebenso wenig wie seine charakteristische Zahnlücke. © Laut
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HEY WHAT

Low

Alternativ und Indie - Erschienen am 10. September 2021 | Sub Pop Records

Auszeichnungen Pitchfork: Best New Music
Man nehme eine Flex, bearbeite Metall und Steine, übertrage den Krach auf die Tasten eines Keyboards und lege harmonische weibliche und männliche Harmonien darüber. So ließe sich die Corona-Platte der Band aus Duluth, Minnesota zusammenfassen. Doch greift diese Beschreibung zu kurz, denn Lärm ist nicht gleich Lärm. Und Low sind Meister darin, aus wenigen Elementen eine eigene Klangwelt zu erschaffen. Wie gewohnt, geht es in dieser düster zu, hat man beim ersten Anhören aber die ersten zwei brachialen Stücke überstanden, entfaltet das Album eine eigene Schönheit. Erklingen in "All Night" zu Beginn tatsächlich Kirchenglocken? Jedenfalls folgt ein Keyboard, das irgendwo zwischen Giorgio Moroder und Daft Punk angesiedelt ist, bevor Mimi Parker und Alan Sparhawk ihre Stimmen miteinander verweben. Sogar mit einem "Lalala" zur Songmitte, bevor die Musik in einem Verzerrerstrudel mündet, auf dessen Boden es wieder ruhig zugeht. Für mehrere Takte, zumindest. Die Pandemie spielt auf der Platte keine explizite Rolle. Letztlich geht es dem Ehepaar Parker/Sparhawk wie üblich um die verschlungenen und manchmal düsteren Wege der Liebe. Diesmal allerdings - und zum ersten Mal in ihrer Karriere - ohne Bassist, denn mit Steve Garrington hat nun auch das vierte Mitglied an diesem Instrument die Band verlassen. Die Bässe kommen nun aus der Retorte, teilweise so tief, dass man sie allein mit Saiten so nicht hinbekommen würde. Um die Produktion kümmerte sich erneut BJ Burton. Das sehenswerte Cover (der Teil eines Fingerabdrucks, eine Holzsmaserung?) stammt vom britischen Künstler Peter Liversidge. Mit "Days Like These" wäre sogar ein potentieller Single-Hit dabei, so freudig beginnt das Stück, bis wieder der Verzerrerstrudel und die Erkenntnis einsetzen: "No, you're never gonna feel complete / No, you're never gonna be released". Gefangen im Ewiggleichen, ohne die Möglichkeit, auszubrechen. "Hey What" ist keine leichte Kost, doch die boten Low seit ihrem ersten Werk 1993 eh noch nie. Erstaunlicherweise fällt es nicht schwer, diese Platte nach dem Ende noch mal zu hören, und danach noch mal - jedes Mal wirken die Klangwelten anders. Dass man immer wieder aus seinen Tagträumen herausgerissen wird, etwa mit dem zerstörerischen "More", ist der Preis, den es zu zahlen gilt. Nicht umsonst lautet der Titel des letzten Stücks "The Price You Pay (It Must Be Wearing Off)". © Laut
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Space 1.8

Nala Sinephro

Electronic - Erschienen am 3. September 2021 | Warp Records

Hi-Res Auszeichnungen Pitchfork: Best New Music
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Glow On

Turnstile

Metal - Erschienen am 27. August 2021 | Roadrunner Records

Hi-Res Auszeichnungen Pitchfork: Best New Music
Es ist Mitte Juli 2021 und in den sozialen Netzwerken kursiert ein Foto von einer Reklametafel irgendwo in Baltimore. Weiße Wolken auf pinkem Untergrund, dazu in dicken Lettern die Ankündigung: "Band: Turnstile, Album: Glow On, Date: August 27, 2021". Mehr braucht es nicht für den Hype. Spätestens mit "Time & Space" hat sich Turnstile eine gewaltige Fancommunity erspielt, und die Fachpresse schwärmt von dieser Band, die den Hardcore-Sound der 80er und 90er Jahre mit frischen Elementen kombiniert. "Glow On" kommt zur perfekten Zeit. "I want to trust, less loneliness/A little charm, a constant rush!", schreit Sänger Brendan Yates auf "TLC (Turnstile Love Connection)". Das kann man nach zwei Jahren in den eigenen vier Wänden, ohne Konzerte oder Mosh Pits sofort absegnen. Turnstile sind auf jeden Fall richtig hungrig und liefern mit dem aktuellen Release die beste Platte in der bisherigen Diskographie. "Glow On" klingt ein bisschen so wie ein Besuch im Vergnügungspark, bei dem man in einer Welt aus Attraktionen und Glitzer von einer Ecke in die nächste taumelt und dabei jede Menge Spaß hat, aber auch etwas überfordert ist. Denn das neue Album hat vor einem alles: viel. Viele musikalische Ideen, viele Breaks, viele Wechsel, einfach viel von allem. Während "Time & Space" noch relativ vorsichtig an den Genre-Grenzen kratzte, ziehen die Amerikaner auf "Glow On" alle Register. Bereits im Opener "Mystery" werden die Synthesizer ausgepackt und die Riffs brettern ordentlich. Weiter geht es mit "Blackout", einer klassischen Rock-Nummer mit Cowbell-Beat und unverschämt eingängigem Refrain. Bei "Don't Play" wechselt die Band spielerisch zwischen den Zählzeiten und wechselt von der straighten Punk-Nummer zu einem Chrous aus Klaviergeklimper und Percussion-Sounds. "Underwater Boi" startet mit einem King Krule-haften Intro und wandelt sich dann zum Midtempo-Rocksong. "Holiday" ist ein absolutes Highlight des bisherigen Diskographie und bringt auf den Punkt, was Turnstile ausmacht: Smash-Hits mit einem absoluten Ohrwurm-Potenzial, bei denen der Putz von der Decke rieselt und deren Refrains man bereits nach ein paar Takten mitsingen kann. "Fly Again" beginnt mit einem verhallten Piano und wird überraschend zum Rock-Biest. Für "Alien Love Call" und "Lonely Dezires" holt sich die Band Unterstützung von Blood Orange und taucht ein in die Welt des Shoegaze. "Alien Love Call" sticht hervor als einer der ruhigeren Songs der Platte, quasi so etwas wie eine Verschnaufpause in dem Trubel aus Glitzer, rasanten Drums und fetten Riffs. Fünfzehn Songs dauert die wilde Fahrt, beim ersten Durchgang ist man schnell überfordert von dieser doch etwas wirr anmutenden Platte. Im Vorfeld veröffentlichten Turnstile bereits als Appetizer die EP "Turnstile Love Connection", die um einiges stringenter wirkte als der aktuelle Output. Aber kann man einer Band wirklich Experimentierfreude vorwerfen, wenn dabei derart geniales Material entsteht? "Glow On" ist ein Album, das sich nicht um Genregrenzen oder Schubladen schert und genau deshalb überzeugt. Jetzt schon ein Klassiker! © Laut
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I Know I'm Funny haha

Faye Webster

Alternativ und Indie - Erschienen am 25. Juni 2021 | Secretly Canadian

Hi-Res Auszeichnungen Pitchfork: Best New Music
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CALL ME IF YOU GET LOST

Tyler, The Creator

Hip-Hop/Rap - Erschienen am 25. Juni 2021 | Columbia

Hi-Res Auszeichnungen Pitchfork: Best New Music
Ein Nachfolgealbum für einen so gelungenen Vorgänger wie Igor zu schaffen, ist kein Leichtes. Außer man heißt Tyler, The Creator und hat eine nicht versiegende Quelle für Inspiration und Kühnheit mit im Gepäck. Seit 2019 hat sich der Amerikaner in die Klasse der internationalen Stars hinaufgearbeitet, sodass er sich mit seiner Musik alles erlauben kann. Und auch dieses Call Me If You Get Lost gehört dazu. Mit einer selbstbewussteren Rap-Ästhetik, die mehr oder weniger von Kollektiv-Soul/Funk, mit dem er in die Schlagzeilen katapultiert wurde, Abschied nimmt, kehrt er mit Titeln wie Corso oder Lemonhead erneut die aggressive Seite seiner Anfänge hervor. Auch wenn die Instrumentals wie in Hot Wind Blows aus Jazz-Sampeln bestehen, gibt es natürlich einen Lil Wayne in Bombenform, womit etwas Härte ins Spiel kommt. Tyler arbeitet weiterhin in seinem Lieblingsbereich, das ist aber kein Grund, nicht auch innovativ zu sein, denn er trägt zum Beispiel in Sweet/I Thought You Wanted To Dance ohne Scheu seine Love- oder Jamaika-Einflüsse zur Schau oder er macht sich auf die Spur bisher noch nie gehörter elektronischer Klänge, etwa in Juggernaut mit Gastauftritten von Lil Uzi Vert und einem seiner Helden: Pharrell Williams. Und er stellt wie immer diese unglaubliche Fähigkeit unter Beweis, einheitlichen Sound und faszinierende Kontinuität dank allerlei technischer Produktionsmittel und verschiedener Untergattungen des Rap zu schaffen oder dadurch, dass er Komplizen einlädt, die aus den verschiedensten Richtungen kommen. Nichts ist unmöglich für einen Tyler, The Creator. © Brice Miclet/Qobuz
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Fatigue

L'Rain

Alternativ und Indie - Erschienen am 25. Juni 2021 | Mexican Summer

Hi-Res Auszeichnungen Pitchfork: Best New Music
Taja Cheek's 2017 debut album as L'Rain was an immersive, genre-blending dream sequence that connected sentiments of sorrow, love, and healing through abstract tape manipulations. Cheek named the project after her mother, Lorraine, who passed away during the album's creation, ultimately shaping the record's direction. Her second LP looks both inward and outward, reflecting on personal loss and coping with change in one's own life as well as in a dramatically changing world. The dense, anxious opening track "Fly Die" features a dramatic monologue from Quinton Brock, expressing exhaustion at being held down and living in a society that refuses to be honest, concluding with the question "What have you done to change?" The album's title refers to being tired of constantly dealing with and working toward change, a theme that especially became relevant during the record's production, particularly in the face of COVID-19 surging and Black Lives Matter protests. Even bolder and dreamier than L'Rain's self-titled debut, Fatigue is a stunning collage of lush, ever-shifting textures and ethereal vocals, elaborately arranged in a tape edit-heavy manner recalling the most out-there Tropicália albums. "Find It" emerges with a comforting, shaker-laden groove, with Cheek resolutely chanting "Make a way out of no way," before dissolving into an ambient gospel breakdown. The gorgeous "Blame Me" mentions fighting personal demons and thinking about "future poison-blooded little babies" as spiraling guitar lines are gradually accompanied by hidden voices and swelling, nearly orchestral instrumentation. The more confessional "Suck Teeth" has knotty time signatures yet goes down smoothly due to her soothing vocal delivery and the song's trippy, fluid production. "Two Face," maybe the album's sunniest, most inviting tune, cloaks poetic lyrics about loneliness and numbness in shuffling, sophisticated rhythms, punchy horns, and echoed laughter. The set is threaded together with brief interludes drawn from home recordings made throughout Cheek's life, capturing scenes she nearly forgot about that she would like to remember forever, including moments of joy and community such as a playground clapping game and a friend belting out a goofy, off-key song she made up. At just under half an hour, the album's running time is relatively brief, but it feels like it encompasses Cheek's entire life so far, and it's a uniquely powerful expression of her uncompromising vision. © Paul Simpson /TiVo
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Afrique Victime

Mdou Moctar

Rock - Erschienen am 21. Mai 2021 | Matador

Hi-Res Auszeichnungen Pitchfork: Best New Music
Mdou Moctar ist eine*r dieser Musiker*innen, die in einer gerechten Welt Weltstars sein müssten. Der in Niger geborene Sänger und Gitarrist ist ein absolutes Ausnahmetalent, der fernab der Behauptung, dass die Tage der Rockmusik gezählt seien, schon seit über einer Dekade die Tishoumaren-Szene in Afrika aufmischt. Tishoumaren, international auch unter der Bezeichnung Desert Blues oder Tuareg Blues bekannt, ist ein Musikstil, der Elemente der traditionellen Musik des Nomadenvolkes mit modernen Einflüssen aus Blues und Rock vermengt. Daraus gedeiht ein wunderschöner Hybrid zweier Kulturen, die, so scheint es, schon immer für einander bestimmt waren. Wunderschöne Sound-Oasen inmitten von endlosen Sandwüsten treffen auf staubige Gitarrenriffs, die einem den Sand förmlich auf die Zunge legen: Die psychedelische Natur der Einflüsse, derer sich Moctar und Konsorten bedienen, spiegelt sich fast hörbar in den surrealen Landschaften wider, die sie tagein tagaus umgeben. Obwohl dieses Kleinod an musikalischer Kreativität und handwerklichem Talent an für sich schon beeindruckend und aller Rede wert ist, so ist Moctars Rolle in all dem besonders hervorzuheben. Der 35-Jährige ist nicht umsonst einer der größten Stars der Szene. Er, der Revoluzzer, der sich traute, bevor irgendjemand seinen Namen kannte, Autotune und Elemente der in Nigeria populären House-Musik in sein Repertoir zu integrieren, ist einer der talentiertesten Gitarrenspieler des afrikanischen Kontinents, womöglich sogar weit darüber hinaus. Nicht umsonst bezeichnet man ihn als 'Jimi Hendrix der Sahara'. Nun liefert er mit "Afrique Victime" sein längst überfälliges Debüt auf Matador, das wohl auch endlich international für aufgestellte Lauscher und auf den Boden geklappte Kinnladen sorgen dürfte. Schon das erste aufheulende Riff zu Beginn von "Chismiten" entführt uns in eine Traumwelt fernab unserer Realität. Zusammen mit Moctar reisen wir ins Herz der Sahara, wo er als mystisches Wesen über allem thront und mit den außerirdischen Klängen, die er seiner Gitarre entlockt, Wind, Wetter und Zeit kontrolliert. Es ist der fulminante Auftakt für ein Album-Erlebnis, das es sich zur Aufgabe macht, jede Ecke und Kante der Welt die es erschafft, auch zu erforschen. Moctars Afrika ist wunderschön, voller Magie und Romantik, das, so suggeriert es der Albumtitel, versklavt und ausgebeutet wurde. Diese Dualität, zwischen Liebe und Wut, bringt er mit seinem geerdeten Gesang und anklagenden Texten über Ungerechtigkeiten und Ausbeutung zum Ausdruck, die sein einzigartiges, fantastisches Gitarrenspiel konterkarieren. In der gesamten ersten Hälfte von "Afrique Victime" hört man fast ausschließlich nur Moctar und seine Gitarre. Die meist nur aus wenigen Akkorden bestehenden Rhythmen ändern sich über die Laufzeiten der einzelnen Songs nur in minimalem Maße. Vielmehr gibt ihnen der Klampfen-Virtuoso ausreichend Zeit zum Atmen, lässt sie einen Sog entwickeln, der uns von einer Traumlandschaft in die nächste entführt. So evozieren die gezupften Saiten auf "Taliat" Bilder von gleißenden Sonnenstrahlen in der Mittagssonne, auf dem wunderschön-entspannten "Tala Tannam" tönen sie wiederum wie Regentropfen auf kochendem Sand. Moctar hypnotisiert mit seiner Repetition, ohne zu langweilen. Das Wechselspiel zwischen Akustik- und E-Gitarre sorgt für Stimmungswechsel, die durch den Einsatz von Chören und Field-Recordings nur weiter akzentuiert und hervorgehoben werden. Mit der "Untitled" betitelten Interlude, die die zweite Hälfte einleitet, finden dann auch die zuvor eher schüchternen Drums einen prominenten Weg ins Klangbild. Auch Moctars Songwriting wird lebendiger, abwechslungsreicher und dringlicher. Der alleinige Star all dessen bleibt jedoch nach wie vor seine Gitarre, der er auch hier wieder Klänge entlockt, die einen daran zweifeln lassen, dass sie alle vom selben Instrument kommen. Auf dem wohl traditionellsten Tishoumaren-Stück, "Layla", klingt sein Spiel distanziert, metallisch und kalt, während er nur wenig später auf "Afrique Victime" arenataugliche Psych-Riffs vom Stapel lässt, die wie ein unaufhaltsamer Sandsturm durch die die klangliche Prärie pirschen. Dieser sieben Minuten lange Titeltrack ist es auch, der die Botschaft der LP nochmals deutlich macht und uns mit in französisch und Tamasheq gesungen Anklagen wieder auf den unromantischen Boden der Tatsachen zurückholt. "Africa is a victim of so many crimes/If we stay silent, it will be the end of us", mahnt Moctar da, ehe er in ein aufgepeitschtes, einem Kampfschrei gleichkommenden Riff überleitet, das er gegen Ende so manipuliert, dass es wie wehklagende Sirenen tönt, die das Ende der Welt verkünden. Das Stück atmet Jimi Hendrix und Prince und belebt die psychedelischen Rock-Opern der 70er auf einem anderen Kontinent wieder. Mdou Moctar ist für ganz Großes bestimmt, das macht sein (schon) fünftes Album deutlich. 'Sky is the limit', würde man an dieser Stelle vielleicht vergleichbaren Newcomern*innen mit auf den Weg geben, aber Moctar ist eben kein Newcomer mehr und den Himmel hat er spätestens mit "Afrique Victime" hinter sich gelassen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch der Rest der Welt das realisiert und er auf den Bühnen spielen wird, die für ihn bestimmt sind. © Laut
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Pray For Haiti

Mach-Hommy

Hip-Hop/Rap - Erschienen am 21. Mai 2021 | Griselda Records

Auszeichnungen Pitchfork: Best New Music
Inzwischen sind wir von Griselda ja alle einen gewissen Qualitätsstandard gewohnt. Der Oldschool-Revivalism mit opulenter Beat-Arbeit, Killer-Adlibs und Wu-Tang-Worship hat auf keinem der dreihundert Griselda-Alben je schlecht geklungen. Da wird die Frage lauter: Statt die Messlatte aufrecht zu halten, was braucht Griselda, um einen Schritt weiter nach oben zu treten? Was machen die Standout-Alben wie "Pray For Paris" oder "The Plugs I Met" spannender als die anderen? Vielleicht finden wir die Antwort im neuen, großen Griselda-Album. Und das kommt nicht mal unmittelbar aus dem eigenen Lager. Aber die Platte, auf der sich Mach-Hommy mit Ex-Partner in Crime Westside Gunn aussöhnt, wird in den Kanon ihrer Sparte eingehen. Es ist imaginativ, kaltblütig und bis zum Ende unausweichlich atmosphärisch. Dabei hat Mach-Hommy dem Rest der Crew wenig Mittelbares voraus. Er ist weder der kälteste Spitter, noch die herausragendste Stimme. Was er aber sein Eigen nennen darf, das ist sein Enigma. Er ist ein verschickter Neo-MF Doom mit der Bandbreite, der Ästhetik und der völligen Hingebung für die Musik. Er verkörpert das eigentlich überholte Konzept des Underground-MCs so vehement, er könnte auch als Zeitkapsel funktionieren, wenn er mit einer beachtlichen Reichweite an Delivery, Ton, Texten und Stimmungen seine eigenen Karten von New York, New Jersey und Haiti schafft. Auf der Textebene kriegen wir hier zwar auch vorrangig opulenten Coke-Rap, der sich in Snappern wie "served the whole block like food trucks" entlädt, aber in den Zwischentönen entpuppt sich "Pray For Haiti" als ein Werk der Identitäts-Verteidigung. Seine sprachlichen Anleihen an das Kreole und die spezifischen Redewendungen seiner haitianischen Wurzeln durchziehen diese Platte und werden für ein paar spitze Formulierungen über Zugehörigkeit und Sichtbarkeit verarbeitet. Auch die Sample-Kiste adaptiert diese Diaspora-Melancholie in eine entsprechend verregnete Insel-Mood, die wunderbar ergänzend gegen die potentielle Monotonie des klassischen Griselda Glam-Grims agiert. Das bedeutet konkret, dass wir von Produzenten wie Conductor weiterhin die Millionen-Dollar-Klavierflips bekommen, wahlweise mit Blechbläsern und Streichern aus den Hinterzimmern der Cosa Nostra versetzt. Aber je weiter nach hinten wir in die Tracklist vordringen, desto mehr finden wir Gitarren-Lines, Gesangs-Versatzstücke und Steeldrum-Twang, der sehnsuchtsvoll auf einen Austausch mit den Wurzeln verweist. Das gibt Hommy Raum, entweder klassisch Shit zu talken – oder rational den eigenen Werdegang zu durchleuchten. An mancher Stelle spricht er sich dafür aus, nur in nackten und empirischen Daten Entscheidungen zu treffen, dann seziert er wiederum seine Chancen in der derzeitigen Musik-Industrie. "Only commodity I have is patience" rappt er auf "26th Letter" und meint es so; "Pray For Haiti" ist ein Geduldsakt von einem Album, das spürbar am Ende eines langen Werdegangs und einer langen Lernperiode steht. Hommy will geben, was er als Künstler zu geben hat – und jetzt ist er das erste Mal an einem Punkt, an dem er das ohne Kompromiss tun kann. Dass das nun möglich ist, dafür ist auch ein anderes erfreuliches Ereignis notwendig gewesen. Dass sein langer Rap-Kollege Westside Gunn wieder zu ihm gefunden hat. Kurz bevor der nämlich zu Griselda gestoßen ist, haben die beiden sich verkracht und damit Hommy wohl die wertvollste Brücke der für ihn relevanten Industrie verbrannt. Aber das Beil ist begraben und zur Feier des Tages kriegen wir Gunn in Topform auf gleich drei Features und als Diddy-mäßigen Moderator über das Tape verteilt. Und gerade, wenn sie auf einem Song wie "Rami" hin und her rappen und das "Nutmeg" namedroppen, spürt man die Freude zur Musik von zwei Wu-Tang-Nerds, die gerade die Zeit ihres Lebens haben. "I keep seeing Diddy in my sleep with the gold teeth, sagt er dann auf Standout-Song "Kriminell", dem vielleicht am meisten Kreole-gefärbten Song der Platte. Die Atmosphäre ist dicht, die Raps kommen perfekt an den Beat angepasst und dann fährt Hommy auch noch seine Singstimme auf. Vielleicht ist bei all dem Berücksichtigen von Thematik und Stringenz doch die die Ursache, die ihn über die Kante wirft. Der Mann kann singen, und vor allem, wenn er dann hier oder auf Songs wie "Au Revoir" seine Stimme mit den warmen Samples aus Stimmen und Insel-Gitarren verschmelzen lässt, entsteht eine magische Sound-Tiefe, die man so auch auf einem Jazz-Album hätte finden können. "Pray For Haiti" ist das nächste große Griselda-Album, weil es das erste in einer langen Reihe von Platten ist, das wirklich etwas neues zu erzählen hat – und dazu auch noch neue Wege findet, es zu erzählen. Unter einem wunderschönen, opulenten Sample-Game und standesgemäß virtuosen Coke-Raps befindet sich eine Schicht verregneter Diaspora-Denkarbeit, die sich durch Klang, Wortwahl und Redewendung immer wieder in den Vordergrund drängt. Das gibt Mach-Hommy auf diesem essentiellen Album seiner Karriere nicht nur eine Extraportion Kohärenz und konzeptueller Tiefe, es erklärt vor allem den alles erschütternden Hunger, mit dem der Mann hier rappt. © Laut
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Seek Shelter

Iceage

Alternativ und Indie - Erschienen am 7. Mai 2021 | Mexican Summer

Hi-Res Auszeichnungen Pitchfork: Best New Music
On their fifth album, Iceage continue their metamorphosis into poetic harbingers with a flair for the theatrical, leaving their scrappy beginnings firmly behind for better or worse. As always, there is a sense of urgency to the record, with the group even veering into Brit-pop bombast, like Oasis reimagined for red wine-guzzling literary fanatics. Elias Bender Rønnenfelt's signature drawl only further positions him as a prophet of sleaze, and the band remain as capable as ever, but it's hard to escape the feeling their rougher edges have been refined, as some tracks glide by a little too smoothly to become the kind of earworms they have crafted in the past. Something that decidedly hasn't changed is their propensity for explosive openers, like "Shelter Song" and its massive chorus that manages to hit like a truck; even at midtempo, the Wall of Sound and soaring backing vocals are staggering. Despite a brief change of pace in the beautified "Love Kills Slowly," the energy travels right through to centerpiece "Vendetta." The track is all swagger -- it comes out swinging like something in between Happy Mondays and Kasabian, running the risk of becoming stadium-built lad rock, and only avoids such damning praise by virtue of Rønnenfelt's natural attitude. It is followed by a strange left turn in "Drink Rain," which channels Jacques Brel, and as admirable an influence as he may be, the song just doesn't land correctly, serving only as a distraction. The closing numbers pick up the slack, with "Gold City" standing out as a highlight. That's until the finale, "The Holding Hand," which proves Iceage still know how to end things on a high note. It's a fantastic feat of songwriting; dripping in drama, it manages to squeeze angst out of tension rather than raucous energy, coiling itself around subtlety and then pulling taut in the closing moments before breaking down completely. Ultimately, this record is a triumph for the band, born out of strange times, and although it may not be their best, their blend of bitter and sweet still rings true. Iceage's rugged roots may be gone, and there may be fewer thorns, but Seek Shelter is still a rose by any other name. © Liam Martin /TiVo
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ULTRAPOP

The Armed

Metal - Erschienen am 16. April 2021 | Sargent House

Hi-Res Auszeichnungen Pitchfork: Best New Music
The Armed sind besessen von Popkultur. Für sie bedeutet Popkultur nicht der kleinste gemeinsame Nenner der breiten Masse, sie ist in jedem Genre omnipräsent. Angefangen bei ikonischen Popstars wie Dua Lipa oder Lady Gaga bis hin zur Geschichte des Blastbeats, der als brachiales Untergrund-Phänomen begann, aber irgendwann mit System Of A Downs "Chop Suey" seinen Weg an die Chartspitze fand, und nun aus sämtlichen Spotify- Workout-Playlists nicht mehr weg zu denken ist: Was früher subversiv war, ist heute die Norm. Besonders im extremen Metal, einem Genre das früher für Entrüstung sorgte, rebellisch war und gegen den Strom schwamm, erreicht diese Stagnation seit Jahren ein neues Hoch. "Terrorizer made a cool grindcore album in 1989, do we really need the same one 30 years later from 500 other bands?", zitiert das Revolvermag ein Bandmitglied. Diese "Rebellion" gegen den Status Quo der Popmusik ist mittlerweile so ausgeleiert, dass man sie auf eine Art selbst als Pop bezeichnen kann. "Ultrapop" wenn man so will. So die Theorie hinter dem dritten Langspieler des amerikanischen Kollektivs The Armed. Die Band selbst ist schwer zu fassen. Seit ihrer Gründung versuchen sie mit beeindruckender Kreativität und Konsequenz die Erwartungen der Öffentlichkeit zu unterwandern, die Subversion auch außerhalb ihrer Musik Aufrecht zu erhalten. Wer in der Band spielt ist (bis auf wenige Ausnahmen) nicht wirklich bekannt. Zu Interviews schicken sie Doppelgänger oder treten in verkehrter Rollenverteilung und unter falschen Namen auf. Fürs Promomaterial lassen sie wild zusammengewürfelte Models ablichten, und der vermeintliche Mastermind hinter all dem, Dan Greene (womöglich ein Pseudonym), führt über einen Discord-Server einen ironischen Kult mit dem Namen "The Book Of Daniel". Wer in der Gruppe spielt, ist irrelevant, die Musik soll für sich stehen, und die Leistungen der einzelnen Mitglieder überdauern, so die Prämisse. Ironischerweise bescherte die spezielle Selbstinszenierung der Band binnen weniger Jahre ein kultgleiches Following, eifrig wird daran gearbeitet den Code hinter all dem zu knacken, die Identitäten der Mitglieder zu enthüllen. In den letzten Jahren wurden unter anderem Namen wie Converges Kurt Ballou, Andrew W.K. oder gar Tony Hawk in den Ring geworfen. Was macht man also als The Armend, um dem entgegenzuwirken? Man kommt den Fans zuvor, veröffentlicht eine vollständige Liste aller Kollaborateure, die an ihrem neuen Album "Ultrapop" beteiligt sind und lichtet sie für alle gut erkenntlich in einer Live-Performance der Single "All Futures" ab. Und das Line-up hat es in sich. Ballous Involvement bestätigt sich, dazu gesellen sich unter anderem Ben Koller (Converge, Killer Be Killed etc.) an den Drums, QOTSA-Gitarrist Troy van Leeuwen, Chelsea Wolfe an der Seite des Produzenten Dan Greene, METZ-Gitarrist Chris Slorach und Grunge-Altmeister Mark Lanegan. Eine Liste bei der jedem Fan der härteren Gitarrenmusik das Wasser im Munde zusammen läuft. Dabei kann man sich angesichts der Geschichte der Band nicht mal zu hundert Prozent sicher sein, ob die Genannten tatsächlich involviert sind. Fakt bleibt, dass die Band mindestens neun Mitglieder umfasst, und der "Ultrapop", den sie spielen, tatsächlich hält, was er verspricht. Der dritte Langspieler der Amerikaner kommt einem Konglomerat aus ohrenbetäubendem Post-Hardcore und so ziemlich allem, was man nicht erwarten würde, gleich. Synth-Pop, Shoegaze, Mathcore, Indie-Rock, Electronica: Alles dabei, begraben unter einer Wand aus komprimierten Sounds, man droht förmlich, verschüttet zu werden. Das erinnert bei Songs wie "Masunaga Vapors" oder "Big Shell" an das unbändige Chaos von Dillinger Escape Plan, auf "All Futures" an den rotzigen Punk der Idles, und auf der Hymne "Bad Selection" sogar ein Stück weit an die Synthpop-Ausflüge von Muse. Diese Vergleiche werden dem Sound der Platte jedoch nur bis zu einem bestimmten Grad gerecht, denn die Instrumentierung mit der The Armed ihr Songwriting befeuern widersetzt sich jeder Kategorisierung. Mindestens vier Gitarren, zwei Schlagzeuge und ein kaum auszumachender Bass verschmelzen über 40 Minuten Laufzeit zu einem sensorischen Overload, den man bisweilen nur noch als Krach wahrzunehmen vermag. Dass dennoch jeder Song vollkommen für sich steht und eben letzten Endes doch mehr ist, als nur Tinitus auslösender Nonsens, ist den Melodien geschuldet, die man erst nach mehreren Durchläufen annähernd zu Greifen vermag. Unter dem alles erstickenden Strudel aus Lärm, finden sich eingängige Mitgröhl-Hooks, Synth-Lines aus Top-40 Pop-Songs, und ebenso apokalyptische wie verzaubernde Klanglandschaften. Und wer die Geduld hat, danach zu graben, der wird auf eine Art und Weise belohnt, die in ihrer Nachhaltigkeit dieses Jahr vielleicht unerreicht bleiben dürfte. Denn wenn sich Genialität von "Ultrapop" erst mal in der Ohrmuschel zu entfalten beginnt, wird man sie so schnell nicht mehr los. Auch lyrisch bleiben The Armed ihrer schwer festzumachenden Linie treu und bleiben kryptisch und vage. Es finden sich Referenzen an systematische Unterdrückung, digitale Fassaden, künstlerisches Eigentum und der Frage nach der eigenen performativen Identität. Befasst man sich mit der Geschichte hinter den Texten, etwa der Inspiration durch den französischen Kunstdieb Stephane Breitweiser auf "Masunaga Vapors" (der Titel selbst bezieht sich auf einen Zeichner der Anime-Serie Dragon Ball Z), bekommt man zwar ein besseres Verständnis dafür, wird aber das Gefühl nicht los, dass einen The Armed wieder einmal an der Nase herumführen, und die Suche nach einem lyirsch konsequenten Überbau am Ende vergebens bleibt. Von der ersten bis zur letzten Sekunde schafft es "Ultrapop" Haken zu schlagen und allen Hörer*innen im Minutentakt neue tonale Herausforderungen vor den Latz zu knallen. Das Album wirft all seine Inspirationen und Sounds in eine Arena und lässt sie Song für Song im Kampf bis zum Tod gegeneinander antreten. Mal gehen die etwas zugänglicheren Elemente aus Pop und Punk als Sieger hervor ("Ultrapop", "An Iteration", "Bad Selection"), mal werden sie von den alles verschlingenden Blastbeats und kreischenden Mathcore-Gitarren gnadenlos zu Brei geschlagen ("Big Shell", "Real Folk Blues"). Beeindruckend ist jedoch, dass, egal wie viel verschiedenen Sounds Raum zum Atmen haben, das Album als Ganzes nie auseinanderzufallen droht. Das Cover von "Ultrapop" erinnert an die genormte Ästhetik zahlloser uninspiriert zusammengewürfelter Spotify-Playlisten, sorgfältig sortiert nach Genres und Subgenres. Subgenres, die laut Dan Greene die Antithese zur künstlerischer Freiheit darstellen. Insofern könnte das Cover nicht passender gewählt sein, denn "Ultrapop" selbst ist die Antithese zu jeglicher Konformität und Erwartungshaltung. Wer hier mit einem Pop-Album rechnet, wird ebenso vor den Kopf gestoßen, wie der, der ein Metal-Album erwartet. "It's the harshest, most beautiful, most hideous thing we could make", sagt Dan Greene und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Am Ende ist Pop überall und nirgendwo, und The Armeds Version davon treibt dieses Konzept auf die absolute Spitze. © Laut
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Uneasy

Vijay Iyer

Jazz - Erschienen am 9. April 2021 | ECM

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Seit Beginn der Nullerjahre unterhält Vijay Iyer eine ganz besondere Beziehung zu Tyshawn Sorey. Zwischen dem Pianisten und dem Schlagzeuger, beide aus Amerika, steht auf diesem Album die aus Australien kommende Bassistin Linda May Han Oh, die sich bereits mit ihren eigenen Einspielungen und als Sidewoman, insbesondere bei Dave Douglas oder auch Joe Lovano, einen Namen gemacht hat. Mit Energie und farbklanglichem Facettenreichtum verleiht das einmalige Trio diesem, beim Label ECM erschienenen Uneasy eine selten gesehene Stärke. Eine Art explodierende Kreativität. Hinter dem Anspruch und der Virtuosität der Dreiergruppe steht nämlich zuerst einmal Musik. Musik und Ideen. Iyer und seine Freunde erweisen verstorbenen Musikern die Ehre (McCoy Tyner in Cole Porters Night and Day und Geri Allen in Drummer's Song) und sie engagieren sich (für die Black Lives Matter-Bewegung in Combat Breathing und in Children of Flint, wo sie auf die wohlbekannte Wasserversorgungskrise in Flint im Jahre 2014 Bezug nehmen). Mitten in der vor lauter Noten reißenden Flut macht die Meditation Platz für Swing und die Geistesblitze setzen aus, um zwischendurch das Gehirn mit Sauerstoff zu versorgen. Und so geht es auch stets durchaus abwechslungsreich weiter. Vijay Iyer, Tyshawn Sorey und Linda May Han Oh haben uns so viele Dinge zu erzählen, dass man dabei getrost die repeat-Taste laufen lassen kann, ohne dass es langweilig wird… © Marc Zisman/Qobuz