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die ärzte|TRUE ROMANCE

TRUE ROMANCE

Die Ärzte

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2020: Die Ärzte auf Platz eins der deutschen Single-Charts. Das wirkt vielleicht nicht ganz so unrealistisch wie eine Pandemie, die die ganze Welt lahmlegt, war vor kurzem dennoch eine waghalsige Prognose. Es war still und dunkel geworden im Ärzte-Camp, das nach wie vor ausdruckslose Album "Auch" von 2012 hatte Spuren hinterlassen. Aus schleichendem Auseinanderleben im Studio und auf der Bühne wurde ein ernsthafter Band-Disput, gefolgt von einer für die heutige Zeit vorbildlichen Einhaltung der Abstandsregel. Die Mumifizierung schritt eilig voran, Streaming fand ohne die Berliner statt, nur Rock am Ring headlinen durften sie noch. Je weiter die musikalischen Heldentaten aus dem Blickfeld rückten, desto mehr war es mit den Ärzten ein bisschen wie mit dem alten Witz, wonach ein Jugendlicher fragt: Wie hieß noch mal der Opa, der als Feature auf dem einen Kanye-Song auftauchen durfte? Gemeint war Paul McCartney. 2020 ist es draußen dunkel, drinnen bei Die Ärzte dagegen hell. Etwas pathetischer formuliert: Der Schrei nach Liebe erreicht seine Schöpfer. Das neue Album ist zu gleichen Teilen eine Feier der wieder erlangten Freundschaft und eine Rückkehr in die bessere musikalische Vergangenheit des Trios. Aus kreativer Sicht war die achtjährige Pause ihre beste Idee seit der Reunion 1993. Auf "Hell" gelingt nicht alles, aber der Spirit stimmt endlich wieder und reißt einen mit. Die Ärzte liebt man für knallharte Polit-Ansagen, Pennäler-Gags, durchdachte Wortspiele und beißende Selbstironie - in allen Punkten wird man auf "Hell" fündig. Dass mit "True Romance" ausgerechnet einer der langweiligsten Songs die Charts anführt, der in seiner Schunkelhaftigkeit das verhasste "Männer sind Schweine" herauf beschwört, wirkt wie ein weiterer Scherz aus dem Ärzte-Labor. Die irgendwie onkelige Kritik an unserer sprachassistierten Welt mag einem Eremiten wie Farin Urlaub, der selbst 2020 das Internet noch nicht benutzt, wichtig und originell erscheinen. Aus diesem Realitätskonflikt lassen sich auch manch andere krampfige Stellen auf "Hell" ableiten, deretwegen der Band bereits vorgeworfen wird, humortechnisch in den 90ern hängen geblieben zu sein und Zeitgeist-Trends mit der Brechstange in die Texte zu hieven. Anders formuliert: Die Band traut sich endlich mal wieder was (eben wie in den 90ern), anstatt nur müde ihren Stiefel runterzuspielen. Es wäre daher auch gut vorstellbar gewesen, dass sie anfangen, die Namen 24kGoldn feat. Iann Dior, Internet Money & Gunna feat. Don Toliver & NAV oder Joker Bra & Leony - ihre aktuelle Konkurrenz in den Single-Charts - in einem Song artizukulieren. Stattdessen fiel ihnen ein anderer Seitenhieb ein: Mit besserwisserischer Unverschämtheit imaginieren sie sich in "E.V.J.M.F." als Trap-Rapper, und begrüßen ihre Fans mit Autotune. Yung Rod, Bela361 und OG Urlaub, drei Männer auf Krawall gebürstet. Der Opener knüpft an alte Muster an, wonach eine Ärzte-Platte die vorangegangenen, albumlosen Jahre erklärt: "Unser Streben nach Schönheit und Perfektion führt uns wieder zurück ans Mikrofon". Viel besser als der zopfige Trap-Diss in "Morgens Pauken", das als Single auch nicht an die Klasse von "Unrockbar" heran reicht. "Plan B" holt wieder alle ab. Ein griffiger, zeitloser Urlaub-Rocksong mit ganz viel Melodie und Chor-Refrain, der der Generation Spotify noch mal das mit dem Band-Setup einer Punkband erklärt, und warum auch nicht, wenn sogar Profis wie Koljah manchmal mit Bass und Gitarre durcheinander kommen. "Bisher hatt' ich keine bessere Idee / dies ist mein Leben, es gibt keinen Plan B", der beste Albumstart seit "Geräusch". "Achtung: Bielefeld" ist an und für sich ein lockerer Bela-Song, der Müßiggang zur Kunst erhebt. Mit der Zeile "Ich denke, dass eine Mutter in Aleppo sich auch ganz gern mal langweilen würde" lädt er das Thema am Ende leider unnötig auf. Man fragt sich: Wieso schreitet da keiner ein, wozu hat man Bandkollegen? Aber auch Urlaub findet es scheinbar witzig, Beyoncé in "Warum spricht niemand über Gitarristen?" dauerhaft Bijonnze auszusprechen. Neben der Verballhornung der eigenen Musiker-Spezies kann er sein Unverständnis nur schwer kaschieren, warum heute einfach "alle drüber reden, was Beyoncé morgen trägt". Der Skit zum Song, angelehnt an Helge Schneider, ist einer der Belege, dass die Chemie der drei wieder stimmt. Wenn Urlaub dann darüber singt, wie er den Urlaub vermisst, während er im Berufsverkehr steckt und dabei musikalisch so nah an "Westerland" heran rückt wie nie, ist man endgültig wieder versöhnt ("Das letzte Lied des Sommers"). Prompt klappt's auch beim Felsenheimer, sein 60s-Pop "Clown aus dem Hospiz" über die Wirkkraft leidender Künstler wird nur von "Einmal ein Bier" getoppt, wo er sich zu Country-Pop, der alte "Debil"-Zeiten heraufbeschwört, ins Bierglas hineinträumt und als Flüssiggold den Bürgersteig entlangfließt. Nebenbei kommt der Antialkoholiker Farin endlich mal zu der schönen Zeile: "Ein frisch gezapftes Bier vom Fass". Doch "Hell" ist eine Urlaub-Platte, mit elf Songs sprengt sie absolut zurecht das früher zwischen ihm und Bela gesetzlich verankerte Prinzip der Gleichberechtigung. "Ich, am Strand" schildert ein Leben im Insta-Zeitraffer (bei Urlaub halt Fotobuch) mit düsterem Ende, die Musik sonnendurchfluteter Reggae-Pop. Die Ballade "Leben vor dem Tod", musikalisch quasi nackt, lässt Ironie und Sarkasmus mal drei Minuten außen vor und gerät zu seinem intimsten Song seit "Mach die Augen zu". Die beste Zeile des Albums lieferte er bereits in "Plan B": "Ich bin nur eine Sackgasse der Evolution / also gebt mir bitte niemals eine Vorbildfunktion." Mit "Polyester" bringt Rod ebenfalls einen seiner besten Songs mit ein, entreißt Bela das Zombie-Thema, transferiert es in die Plastikwelt 2020 und wagt sich sogar ans Nonsens-Level seiner Kollegen ("Was 10.000 Jahre währt, das ist doch nicht verkehrt"). In "Alle auf Brille" rotzt Bela seine Oi-Punk-Bewunderung derart raus, dass man ihn fast nicht erkennt, gute Spaßnummer. Da will Farin mit "Thor" auch ran, schafft es dann aber eher textlich, wenn er die Vergänglichkeit des eigenen Körpers anprangert und die Schuld auf Chris Hemsworth schiebt. Traurige Phänomene wie die AfD, die man 2012 mangels Existenz noch nicht abwatschen konnte, werden in "Woodburger" letztmals und ausgiebig an den Pranger gestellt. In den Strophen grast Urlaub angewidert Gesinnung und Parteilinie ab, befindet dann, dass Motzen allein nicht genüge, man müsse selbst aktiv werden. Der harte Twist: Die widerliche Ausländerfeindlichkeit mit hemmungsloser Homosexualität niederkämpfen. "Ich trete ein in die AfD und ich werde schwul - so schwuuuul", flötet Rod zu fiepsendem Jazzfunk. Ein Appell für Weltoffenheit und bedingungslose Nächstenliebe auf dem Rücken homosexueller Klischees. Das ist natürlich plakativ und derbe umgesetzt, nietet aber jede einzelne dieser homo- und transfeindlichen Partei-Witzfiguren um, während Rod im Outro noch full of love an ein paar Billy Cobham-Grooves herumdoktert. So hinterlässt "Hell" einen positiven Gesamteindruck, der trotz kleinerer Kinderkrankheiten an einer Sache keine Zweifel lässt: Hier spielen drei Typen, die wissen, was Attitüde ist.
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1
TRUE ROMANCE
00:02:50

Oliver Zulch, Producer - Die Ärzte, Producer, MainArtist - Urlaub, Composer, Lyricist - Philipp Hoppen, Producer - Pms Musikverlag, MusicPublisher

2020 Hot Action Records GmbH 2020 Hot Action Records GmbH

2
ABSCHIED
00:03:15

Die Ärzte, Producer, MainArtist - Urlaub, Composer, Lyricist - Philipp Hoppen, Producer - Pms Musikverlag, MusicPublisher

2020 Hot Action Records GmbH 2020 Hot Action Records GmbH

3
RÜCKKEHR
00:02:56

Die Ärzte, Producer, MainArtist - Urlaub, Composer, Lyricist - Philipp Hoppen, Producer - Pms Musikverlag, MusicPublisher

2020 Hot Action Records GmbH 2020 Hot Action Records GmbH

Albumbeschreibung

2020: Die Ärzte auf Platz eins der deutschen Single-Charts. Das wirkt vielleicht nicht ganz so unrealistisch wie eine Pandemie, die die ganze Welt lahmlegt, war vor kurzem dennoch eine waghalsige Prognose. Es war still und dunkel geworden im Ärzte-Camp, das nach wie vor ausdruckslose Album "Auch" von 2012 hatte Spuren hinterlassen. Aus schleichendem Auseinanderleben im Studio und auf der Bühne wurde ein ernsthafter Band-Disput, gefolgt von einer für die heutige Zeit vorbildlichen Einhaltung der Abstandsregel. Die Mumifizierung schritt eilig voran, Streaming fand ohne die Berliner statt, nur Rock am Ring headlinen durften sie noch. Je weiter die musikalischen Heldentaten aus dem Blickfeld rückten, desto mehr war es mit den Ärzten ein bisschen wie mit dem alten Witz, wonach ein Jugendlicher fragt: Wie hieß noch mal der Opa, der als Feature auf dem einen Kanye-Song auftauchen durfte? Gemeint war Paul McCartney. 2020 ist es draußen dunkel, drinnen bei Die Ärzte dagegen hell. Etwas pathetischer formuliert: Der Schrei nach Liebe erreicht seine Schöpfer. Das neue Album ist zu gleichen Teilen eine Feier der wieder erlangten Freundschaft und eine Rückkehr in die bessere musikalische Vergangenheit des Trios. Aus kreativer Sicht war die achtjährige Pause ihre beste Idee seit der Reunion 1993. Auf "Hell" gelingt nicht alles, aber der Spirit stimmt endlich wieder und reißt einen mit. Die Ärzte liebt man für knallharte Polit-Ansagen, Pennäler-Gags, durchdachte Wortspiele und beißende Selbstironie - in allen Punkten wird man auf "Hell" fündig. Dass mit "True Romance" ausgerechnet einer der langweiligsten Songs die Charts anführt, der in seiner Schunkelhaftigkeit das verhasste "Männer sind Schweine" herauf beschwört, wirkt wie ein weiterer Scherz aus dem Ärzte-Labor. Die irgendwie onkelige Kritik an unserer sprachassistierten Welt mag einem Eremiten wie Farin Urlaub, der selbst 2020 das Internet noch nicht benutzt, wichtig und originell erscheinen. Aus diesem Realitätskonflikt lassen sich auch manch andere krampfige Stellen auf "Hell" ableiten, deretwegen der Band bereits vorgeworfen wird, humortechnisch in den 90ern hängen geblieben zu sein und Zeitgeist-Trends mit der Brechstange in die Texte zu hieven. Anders formuliert: Die Band traut sich endlich mal wieder was (eben wie in den 90ern), anstatt nur müde ihren Stiefel runterzuspielen. Es wäre daher auch gut vorstellbar gewesen, dass sie anfangen, die Namen 24kGoldn feat. Iann Dior, Internet Money & Gunna feat. Don Toliver & NAV oder Joker Bra & Leony - ihre aktuelle Konkurrenz in den Single-Charts - in einem Song artizukulieren. Stattdessen fiel ihnen ein anderer Seitenhieb ein: Mit besserwisserischer Unverschämtheit imaginieren sie sich in "E.V.J.M.F." als Trap-Rapper, und begrüßen ihre Fans mit Autotune. Yung Rod, Bela361 und OG Urlaub, drei Männer auf Krawall gebürstet. Der Opener knüpft an alte Muster an, wonach eine Ärzte-Platte die vorangegangenen, albumlosen Jahre erklärt: "Unser Streben nach Schönheit und Perfektion führt uns wieder zurück ans Mikrofon". Viel besser als der zopfige Trap-Diss in "Morgens Pauken", das als Single auch nicht an die Klasse von "Unrockbar" heran reicht. "Plan B" holt wieder alle ab. Ein griffiger, zeitloser Urlaub-Rocksong mit ganz viel Melodie und Chor-Refrain, der der Generation Spotify noch mal das mit dem Band-Setup einer Punkband erklärt, und warum auch nicht, wenn sogar Profis wie Koljah manchmal mit Bass und Gitarre durcheinander kommen. "Bisher hatt' ich keine bessere Idee / dies ist mein Leben, es gibt keinen Plan B", der beste Albumstart seit "Geräusch". "Achtung: Bielefeld" ist an und für sich ein lockerer Bela-Song, der Müßiggang zur Kunst erhebt. Mit der Zeile "Ich denke, dass eine Mutter in Aleppo sich auch ganz gern mal langweilen würde" lädt er das Thema am Ende leider unnötig auf. Man fragt sich: Wieso schreitet da keiner ein, wozu hat man Bandkollegen? Aber auch Urlaub findet es scheinbar witzig, Beyoncé in "Warum spricht niemand über Gitarristen?" dauerhaft Bijonnze auszusprechen. Neben der Verballhornung der eigenen Musiker-Spezies kann er sein Unverständnis nur schwer kaschieren, warum heute einfach "alle drüber reden, was Beyoncé morgen trägt". Der Skit zum Song, angelehnt an Helge Schneider, ist einer der Belege, dass die Chemie der drei wieder stimmt. Wenn Urlaub dann darüber singt, wie er den Urlaub vermisst, während er im Berufsverkehr steckt und dabei musikalisch so nah an "Westerland" heran rückt wie nie, ist man endgültig wieder versöhnt ("Das letzte Lied des Sommers"). Prompt klappt's auch beim Felsenheimer, sein 60s-Pop "Clown aus dem Hospiz" über die Wirkkraft leidender Künstler wird nur von "Einmal ein Bier" getoppt, wo er sich zu Country-Pop, der alte "Debil"-Zeiten heraufbeschwört, ins Bierglas hineinträumt und als Flüssiggold den Bürgersteig entlangfließt. Nebenbei kommt der Antialkoholiker Farin endlich mal zu der schönen Zeile: "Ein frisch gezapftes Bier vom Fass". Doch "Hell" ist eine Urlaub-Platte, mit elf Songs sprengt sie absolut zurecht das früher zwischen ihm und Bela gesetzlich verankerte Prinzip der Gleichberechtigung. "Ich, am Strand" schildert ein Leben im Insta-Zeitraffer (bei Urlaub halt Fotobuch) mit düsterem Ende, die Musik sonnendurchfluteter Reggae-Pop. Die Ballade "Leben vor dem Tod", musikalisch quasi nackt, lässt Ironie und Sarkasmus mal drei Minuten außen vor und gerät zu seinem intimsten Song seit "Mach die Augen zu". Die beste Zeile des Albums lieferte er bereits in "Plan B": "Ich bin nur eine Sackgasse der Evolution / also gebt mir bitte niemals eine Vorbildfunktion." Mit "Polyester" bringt Rod ebenfalls einen seiner besten Songs mit ein, entreißt Bela das Zombie-Thema, transferiert es in die Plastikwelt 2020 und wagt sich sogar ans Nonsens-Level seiner Kollegen ("Was 10.000 Jahre währt, das ist doch nicht verkehrt"). In "Alle auf Brille" rotzt Bela seine Oi-Punk-Bewunderung derart raus, dass man ihn fast nicht erkennt, gute Spaßnummer. Da will Farin mit "Thor" auch ran, schafft es dann aber eher textlich, wenn er die Vergänglichkeit des eigenen Körpers anprangert und die Schuld auf Chris Hemsworth schiebt. Traurige Phänomene wie die AfD, die man 2012 mangels Existenz noch nicht abwatschen konnte, werden in "Woodburger" letztmals und ausgiebig an den Pranger gestellt. In den Strophen grast Urlaub angewidert Gesinnung und Parteilinie ab, befindet dann, dass Motzen allein nicht genüge, man müsse selbst aktiv werden. Der harte Twist: Die widerliche Ausländerfeindlichkeit mit hemmungsloser Homosexualität niederkämpfen. "Ich trete ein in die AfD und ich werde schwul - so schwuuuul", flötet Rod zu fiepsendem Jazzfunk. Ein Appell für Weltoffenheit und bedingungslose Nächstenliebe auf dem Rücken homosexueller Klischees. Das ist natürlich plakativ und derbe umgesetzt, nietet aber jede einzelne dieser homo- und transfeindlichen Partei-Witzfiguren um, während Rod im Outro noch full of love an ein paar Billy Cobham-Grooves herumdoktert. So hinterlässt "Hell" einen positiven Gesamteindruck, der trotz kleinerer Kinderkrankheiten an einer Sache keine Zweifel lässt: Hier spielen drei Typen, die wissen, was Attitüde ist.
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