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Hip-Hop/Rap - Erschienen am 1. Januar 2000 | Interscope

Auszeichnungen Qobuz' Schallplattensammlung
Erfolgsdruck ist eine hässliche Angelegenheit. Er kann einen Künstler ausbremsen bis hin zur völligen Lähmung, ihn unter sich begraben und zermalmen. Andererseits: Unter den richtigen Voraussetzungen presst Druck Dreck zu Diamanten. Dreck dürfte lange Zeit das einzige gewesen sein, mit dem das Leben Marshall Mathers großzügig bedacht hat. Aufgewachsen ohne Vater, mit einer in vielerlei Hinsicht überforderten Mutter, in allzeit finanziell klammen Verhältnissen, Zielscheibe für Spott und Mobbing ... klingt nicht gerade nach einer glücklichen, behüteten Kindheit. Kein Wunder eigentlich, dass unter solchen Bedingungen ein im Grunde tieftrauriger Kerl heranwächst, der zugleich vor Zorn schier schäumt. Einer, der sein Leben und seine Beziehungen, wenn überhaupt, ebenfalls nur schwer in den Griff bekommt. Das gebiert frische Frustrationen, die neue Probleme aufwerfen. Der Trip auf der Rolltreppe abwärts scheint schon gebucht. Schon eher erstaunt, dass auf den schmalen Schultern dieses gebeutelten, wütenden, wild um sich schlagenden Komplexbündels auf einmal gigantische Erwartungen lasten. Sein Label, seine Fans, die versammelte Kritikerzunft: Alle versprechen sich von dem im Jahr 2000 anstehenden Album mindestens den ganz großen Wurf. Hoppla. Marshall Mathers hat die miesen Voraussetzungen tatsächlich bravourös zu seinem Vorteil genutzt. Er hat sich unterdessen ein Ventil für seinen Zorn (Rap), eine Waffe (Worte), einen Künstlernamen (M.M. -> M&M -> Eminem) und, enttäuscht von der mauen Resonanz auf sein Debüt "Infinite" 1996, ein garstiges Alter Ego (Slim Shady) zugelegt. Besagter Slim Shady debütiert 1997 auf einer nach ihm benannten EP, die, wie "Infinite" zuvor, auf dem Untergrund-Label der Bass Brothers, Web Entertainment, erscheint. Jimmy Iovine, Mitgründer von Interscope Records, schiebt die Demo-Bänder seinem Kollegen Dr. Dre unter. Der wiederum riecht Talent, beschließt, mit dem Weißbrot aus Detroit zu arbeiten, und nimmt Eminem bei Aftermath unter Vertrag. 1999 erscheint "The Slim Shady LP" und räumt ab wie nichts Gutes. "Bestes Rap-Album des Jahres" befindet die Jury bei den Grammy-Awards des Jahres 2000 und legt den Preis für die beste Rap-Solo-Performance noch oben drauf: "My Name Is", das weiß inzwischen jeder, "Slim Shady", und der katapultiert Eminem ins gleißende Rampenlicht. Dort stellt er fest: Der plötzliche Ruhm bedeutet nicht nur kommerziellen Erfolg, also warmen Geldregen. Er besitzt durchaus seine Schattenseiten. Deren dunkelste: "Ich vertrau' niemandem mehr", erinnert sich Eminem in 2011 in "The Dark Story of Eminem" an seine Zeit als frischgebackener Superstar. "Jeder, den ich treffe, lernt mich jetzt als Eminem kennen. Ich weiß nie, ob jemand mit mir abhängt, weil er mich leiden kann oder weil ich berühmt bin oder weil er glaubt, irgendetwas von mir abgreifen zu können." Eminem rücken die Fans auf die Pelle. Die fehlende Intimsphäre macht sein ohnehin schon turbulentes Privatleben nicht unkomplizierter. Zu den vielen neuen, teils falschen Freunden gesellen sich die selbsternannten Wächter von Anstand und Moral. Sie wittern in den expliziten Texten Nihilismus, Sexismus, Homophobie, die Verherrlichung von Drogen und (insbesondere häuslicher) Gewalt und sehen in Eminem natürlich mindestens ein schlechtes Vorbild für die Jugend, wenn nicht gleich den personifizierten Untergang des christlichen Abendlands. Außerdem steht das Label parat und erwartet nun natürlich nicht irgendein Nachfolgealbum, sondern eine Platte, die den kommerziellen Erfolg mindestens wiederholen, eigentlich aber noch toppen soll. Tatsache: Eminem steht Anfang 2000 enorm unter Druck - und geht damit um wie früher auch schon: Er nutzt ihn. Zwei Monate lang bunkert er sich zusammen mit seinen Mitstreitern quasi ein. "Bei uns läuft das nicht so, dass wir uns um zwei Uhr nachts anrufen und sagen: 'Ich hab' eine Idee, wir müssen ins Studio!'", erklärt Dr. Dre die Arbeitsweise. "Wir gehen einfach ins Studio und warten ab, was passiert." Es passiert eine ganze Menge, viele musikalische Ideen erwachsen aus Zufällen. So baut "Criminal" auf einen Pianolauf, der aus dem Nachbarstudio herüberweht. Den Beat von "Kill You" hört Eminem bei einem Telefonat mit Dr. Dre im Hintergrund dudeln. Die geradezu lächerlich melodische Hook zum Titeltrack entsteht, während Jeff Bass auf einer Akustikgitarre herumklimpert und Witzchen reißt, bis jemand findet: "Das ist so blöd, das sollten wir verwenden." "Einer der wenigen Songs, bei denen ich mich vorher hingesetzt und alles ausgearbeitet hatte, war 'Stan'", so Eminem. "Ich wusste vorher, wovon das Lied handeln würde." Von den Briefen eines obsessiven Fans nämlich, und der Antwort, die nicht mehr rechtzeitig kam. Eminem spielt hier gleich etliche seiner vielen Talente aus: In ihm steckt ein unglaublich kreativer Geschichtenerzähler. Den Beat, basierend auf einem Dido-Sample, bastelt er in Zusammenarbeit mit The 45 King. Ganz nebenbei bescheren die beiden damit der britischen Sängerin den internationalen Durchbruch. Dido erinnert sich: "Ich hab' irgendwann, völlig aus dem Nichts heraus, einen Brief bekommen. Darin stand: 'Wir mögen dein Album, wir haben diesen einen Track benutzt. Wir hoffen, es macht dir nichts aus und es gefällt dir.' Sie haben mir 'Stan' geschickt, und als ich es in meinem Hotelzimmer gespielt habe, dachte ich: 'Wow! Dieser Track ist grandios.'" Im zugehörigen Video, eigentlich eher einem Kurzfilm, der unter der Regie von Phil Atwell und (natürlich) Dr. Dre entsteht, spielt Dido höchstpersönlich Stans schwangere Freundin, Stan selbst verkörpert Schauspieler Devon Sawa: acht Minuten Wahnsinn in bewegten Bildern. Die Geschichte von "Stan" schreit geradezu nach einer Fortsetzung. Lil Wayne versucht sich 2011 mit "Dear Anne" daran. Richtig Nägel mit Köpfen macht Eminem selbst, als er für "Marshall Mathers 2" den Faden weiterspinnt und Stans inzwischen gar nicht mehr so kleinen Bruder auf einen Rachefeldzug schickt. "Stan" rauscht in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Großbritannien an die Spitze der Charts. Bei den Grammy-Awards 2001 - Eminem nimmt erneut den Preis für das beste Rap-Album mit nach Hause, zudem immerhin eine Nominierung für das Album des Jahres - spielt er seinen Hit live. Didos Parts übernimmt Elton John. Kritiker, die Eminem immer wieder der Homophobie bezichtigen, renken sich beinahe die Unterkiefer aus: Ein offen schwuler Künstler gibt sich mit diesem Schwulenhasser ab? Allerdings - und Elton John ist noch nicht einmal der einzige Vertreter der schwul-lesbischen Szene, der dem Schaffen des Rappers etwas abgewinnen kann: Dave White, Herausgeber des LGBT-Magazins The Advocate, schreibt ebendort; "Wenn er Schwule, dich oder mich, verunglimpft hat, dann folgt daraus logischerweise, dass er auch seine eigene Mutter vergewaltigt, seine Frau umgebracht und seinen Produzenten Dr. Dre ermordet hat. Wenn man ihn so dermaßen wörtlich nimmt, dann doch bitte auch Britney Spears' Einladung 'Hit Me Baby One More Time." Wörtlich verstehen kann, was Eminem auf "The Marshall Mathers LP" alles anrichtet, tatsächlich nur, wer sich mit aller Gewalt aufregen will. Allen anderen muss angesichts der blutigen Schneisen, die er mit Kettensäge, Machete oder notfalls auch den bloßen Händen schlägt, der völlig überzeichnete Comic-Charakter der Texte ins Auge springen. Steckte allerdings nicht immer echter Zorn, echter Frust, echter Hass drin: Die Texte erzielten wohl kaum dieselbe Wirkung. Thomas Erlewine erläutert den Lesern von Allmusic: "Man weiß nicht ohne weiteres, was man mit Eminem anfangen soll, nicht einmal, wenn man weiß, dass die Hälfte dessen, das er sagt, ernst ist, und die andere ausgedacht. Der Trick ist, zu verstehen, dass in jedem Witz eine Wahrheit steckt, und in jeder Wahrheit ein Witz. ... Bei Eminem geht es nur darum, die Trennlinien zwischen Realität und Fiktion, Humor und Horror, Satire und Dokumentation zu verwischen." Eine Disziplin, in der es Mr. I Don't Give A Fuck zu wahrer Meisterschaft gebracht hat, auch wenn das der eine oder andere Redakteur bei dem einen oder anderen aufstrebenden Online-Magazin im Jahr 2000 nicht voll umfänglich erfassen konnte. Zum 16. Jubiläum - Eminem verkauft inzwischen zusammen mit der Neuauflage echtheitszertifizierte Ziegel aus dem Haus auf dem Cover, in dem er Teile seiner unerfreulichen Kindheit zugebracht hat - erscheint nur angemessen, dem Album endlich die verdiente Würdigung zukommen zu lassen. Dabei entstand es in ausgesprochen kurzer Zeit, teils buchstäblich im Rausch. Vier Songs schreibt Eminem, einigermaßen angepisst von den dämlichen Fragen niederländischer Journalisten, auf dem Rückflug, weshalb er die Platte ursprünglich, nach der "Welthauptstadt der Ecstasy-Produktion", "Amsterdam" zu nennen beabsichtigte. Nach zwei Monaten im Studio steht "The Marshall Mathers LP", glaubt zumindest Eminem. Die Verantwortlichen bei Interscope stimmen nicht zu: Sie vermissen eine radiotaugliche Single. Schon wieder der Erfolgsdruck. Eminem beantwortet ihn, indem er noch eben "The Way I Am" nachlegt, in dem er genau diesen Druck thematisiert. Fans, Medien, das Musikbusiness und ihre gebündelten Erwartungshaltungen bekommen ihr Fett weg. Wer wagt, mit dem Finger auf Eminem zu zeigen, kriegt einen, den mittleren nämlich, zurück. Die Nummer klingt, nur verständlich, noch einmal wesentlich aggressiver als der Rest des Albums. Obwohl "Kim" in dieser Hinsicht mehr als ordentlich vorgelegt hat. "Dieser kleine Medienliebling war tatsächlich der erste Song, den ich für das Album geschrieben hatte", schreibt Eminem in "Angry Blonde". "Ich habe ihn damals fertig gestellt, als das erste Album gerade im Kasten war. Kim und ich waren zu der Zeit, Ende '98, gerade getrennt." Ein schmalziger Film bringt ihn auf die Idee, ein Liebeslied zu schreiben, das einigermaßen ausartet. "Ich wollte mir tatsächlich das Herz herausreißen. Ich wollte aber auch einfach nur schreien." In einer Art Prequel zu "'97 Bonnie And Clyde" quillt dann alles heraus, die ganze Frustration, erlittene Verletzungen, der Rachedurst ... Romantik tönt eigentlich anders. "Als wir wieder miteinander gesprochen haben, hab' ich ihr die Nummer tatsächlich einmal vorgespielt. Ich hab' sie gefragt, was sie davon hält. Ich weiß noch, dass ich Blödmann gesagt habe: 'Ich weiß, dass das ein völlig kaputter Song ist, aber er zeigt, wie viel du mir bedeutest. Allein schon, dass ich so viel über dich nachdenke.'" Kim Mathers, konnte man im Rolling Stone nachlesen, brachte die Nummer eher zu der Überzeugung, dass der Vater ihrer Tochter vollends den Verstand verloren haben musste. "Wenn ich sie gewesen wäre, ich wäre schreiend davongerannt, nachdem ich die Scheiße gehört habe", so Dr. Dre. "Es ist total jenseitig, er schreit den ganzen Song lang nur. Trotzdem ist es gut. Kim gibt ihm ein Konzept." Die Pläne zu seiner eigenen Ermordung, die Eminem zwischen vergnüglich vielen weiteren Promi-Disses auf der (ebenfalls nachgelieferten) ersten Auskopplung "The Real Slim Shady" ausbreitet, sieht Dre deutlich gelassener: "Je verrückter, um so besser." "Kim" schaffte es aus irgendwie nachvollziehbaren Gründen tatsächlich nicht auf die Clean-Version des Albums. Dort findet sich statt dessen "The Kids". Doch auch die unzensierte Version kommt nicht ohne Zensur aus: Kurz nach dem Schulmassaker von Littleton wollten die Labelverantwortlichen die Zeile "I take seven kids from Columbine, stand them all in line" nicht durchgehen lassen. Die Worte "kids" und "Columbine" mussten weichen. Erst Jahre später wiederholt der inzwischen zum "Rap God" aufgestiegene Emcee den ursprünglichen Text von "I'm Back" unverstümmelt. "Merkwürdige Entscheidung", findet Mike Rubin im Spin Magazine, "unter dem Gesichtspunkt, dass 'Take drugs, rape sluts' offensichtlich okay geht." Eminem selbst beklagt die Unverhältnismäßigkeit: "Die Schießerei in Columbine bekommt so viel Aufmerksamkeit, und trotzdem schaut niemand aus dem Blickwinkel der Kinder hin, die gemobbt wurden. Sie haben sich selbst das Leben genommen, weil sie so weit getrieben wurden, dass sie so dermaßen durchgeknallt sind. Ich war selbst auch so irre." Bloß, dass Eminem für seine Verrücktheiten einen anderen Weg gefunden hat. Dafür kann die Welt vermutlich nicht dankbar genug sein. "I just want you all to notice me and people to see / That somewhere deep down there's a decent human being in me / It just can't be found." Manche geben sich aber auch gar keine Mühe, versuchen, Eminem und seine Musik als Ursache für Gewaltexzesse wie den Amoklauf an der Columbine Highschool verantwortlich zu machen. "Er spricht davon, seine Mutter zu ermorden und zu vergewaltigen", entrüstet sich die Literaturwissenschaftlerin, Autorin und Vizepräsidentengattin Lynne Cheney etwa über den Text von "Kill You". "Er spricht davon, Frauen langsam zu erdrosseln, so dass er ihre Schreie noch möglichst lange hören kann. Er spricht dafür, O.J.s Machete zu benutzen, um Frauen zu zerstückeln - und diesen Mann hofiert die Musikindustrie!" Sieht so aus, ja. Eminem begegnet den Anfeindungen, er nehme schlechten Einfluss auf die Jugend, mit "Who Knew": "Damn, how much damage can you do with a pen?" Er rät: "Get aware, wake up, get a sense of humor." Der französische Jazz-Pianist Jacques Loussier empört sich ebenfalls über "Kill You", allerdings aus anderen Gründen: Er strengt 2002 wegen der Verwendung seines Songs "Pulsion" eine Zehn-Millionen-Dollar-Klage an: "Niemand hat uns je um Erlaubnis gefragt." Christina Aguilera regt sich unterdessen über "The Real Slim Shady" auf, wo es heißt: "Christina Aguilera better switch me chairs so I can sit next to Carson Daly and Fred Durst / and hear 'em argue over who she gave head to first." "Eklig, beleidigend und vor allem nicht wahr", so die Sängerin. Dass Eminem darin wohl auch eine Retourkutsche für den Umstand sah, dass Aguilera seine geheim gehaltene Hochzeit mit Kim an die Presse ausgeplaudert hatte, unterschlägt sie dabei geflissentlich. Fred Durst kann die Unterstellung so schlimm nicht gefunden haben: Er spielt - zwischen Pamela Anderson- und Kid Rock-Doubles - persönlich im Clip zu "The Real Slim Shady" mit. "Beleidigend sein gehört zu Eminems Job-Beschreibung", trifft Robert Everett-Green in Globe and Mail den Nagel auf den Kopf. Einen Job, dem Mr. Marshall Mathers ziemlich erfolgreich nachgeht. "The Marshall Mathers LP" verkauft sich allein in der ersten Woche 1,76 Millionen Mal. Bis Adele 15 Jahre später mit "25" kommt, muss sich Eminem damit den Rekord für das am schnellsten verkaufte Album der Musikgeschichte lediglich mit N Sync und deren "Celebrity" teilen. 2011 bekommt "The Marshall Mathers LP" für mehr als zehn Millionen abgesetzte Exemplare Diamant-Status verliehen. Das alles mit Tiraden gegen die Mutter, die Ex-Frau und garstige Frauen im Allgemeinen, mit Rundumschlägen gegen distanzlose Fans, aufdringliche Journalisten, ungeliebte Kollegen (wie die Detroiter Lokalrivalen von der Insane Clown Posse), das ganze verlogene Business? Ja, aber auch mit Gastauftritten von Bizarre und D-12, Snoop Dogg, Xzibit und Hookmaster Nate Dogg und, "Remember Me?", RBX und Sticky Fingaz. Den Rest besorgen die reduzierten Beats, zur Hälfte von Dr. Dre und Mel-Man, zur anderen von Eminem und den Bass Brothers, die einem der technisch besten Rapper der Welt allen Raum derselben zur Entfaltung lassen. "The Marshall Mathers LP" fährt zu den kunstvoll vertrackten Reimschemata und dem Silbenschnellfeuer auch noch berührende, versponnene, brutale, gruselige, urkomische, haarsträubende Storys auf, die verraten, dass ihr Urheber mindestens so kaputt sein muss, wie er begnadet ist: eine saulustige, scheißtraurige, eine große Platte. Seht ihr anders? Dann verweise ich an Jeff Bass, der im Intro Slim Shadys Einflüsterungen ausruft: "If you don't like it you can suck his fuckin' cock." Guten Appetit. © Laut
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Hip-Hop/Rap - Erschienen am 1. Januar 2010 | Aftermath

Auszeichnungen 4 étoiles Rock and Folk
"Let's be honest, that last 'Relapse' CD was ... ehh." Ein Künstler, der ungefragt seine letzte Veröffentlichung in Frage stellt, begegnet einem doch eher selten. Doch leicht gemacht hat er es sich noch nie, dieser Eminem. Der in seinen Zeilen öffentlich ausgefochtene Überlebenskampf grüßte bisher schließlich auch nicht vom Ponyhof. Statt wie einst angedroht seinem ersten Rückfall einen zweiten folgen zu lassen, feiert Marshall Mathers seine Genesung. "Recovery" lautet die Losung der Stunde. Recht so, denn im Grunde kann man nicht wirklich widersprechen: "That last 'Relapse' CD was ... ehh ... selbst bei wohlwollender Betrachtung höchstens mittelprächtig gelungen. An Luft nach oben mangelt es also nicht. Mit "Recovery" verlangt Eminem seinem Publikum jedoch allerhand ab. Braucht die Rap-Öffentlichkeit einen Gastauftritt von Pink? Zumal sie im Chorus des schrammeligen "Won't Back Down" so vollkommen untergeht, dass man sie auch gleich hätte weglassen können? "Shady's got the mass appeal", klar, doch besäße er den zweifellos auch ohne derlei poppiges Namedropping. Immerhin stört die Pink'sche Beteiligung nicht weiter, während ich mich angesichts Rihannas saftloser Jodelei in "Love The Way You Lie" wieder einmal frage, was die Musikwelt an diesem Püppchen so unwiderstehlich findet. Die Stimme kanns ja wohl nicht sein. Ihren gruseligen Part hätte, weit weniger schmerzhaft, genauso gut die an zahlreichen anderen Stellen eingesetzte Liz Rodriguez übernehmen können. "Fuck you hip hop, I'm leavin' you, my sentence is served." Für Genre-Puristen dürfte "Recovery" in der Tat ziemlich schwer verdauliche Kost darstellen. Auf Akustikgitarrenklänge, die in "Space Bound" auch mal das große "Hotel California"-Gefühl schüren, sollte man besser vorbereitet sein, ebenso auf schillernde Synthies (wie in DJ Khalils "Almost Famous") oder sägenden E-Gitarren-Sound ("You're Never Over"). Das größte Durchhaltevermögen fordern aber die Refrains: Mehr gesungen wurde nie, größeres Schmachtfetzenpotenzial fand sich bei Eminem selten - und natürlich weiß er darum: "I just put a bullshit hook in between two long ass verses / If you misstook this for a song, look / This ain't a song, it's a warning". Eine Warnung - und ein Spielchen: "How fucking irritated are you?" Keine Frage: "Recovery", seine Produktionen, das ganze Konzept - all das irritiert gehörig. "How much in your face am I?" Die Anwort fällt ebenso klar aus: Volles Rohr. "I don't need the fuckin' swine flu to be a sick pig." Wenn Mr. Marshall Mathers mit diesem Album eines unter Beweis stellt, dann das. Sein Silben-Stakkato transportiert das ganze düstere Gefühlsspektrum von Schmerz über Wut in tiefste Verzweiflung und zurück. Rap-technisch präsentiert sich Eminem mit "Recovery" nicht nur absolut auf der Höhe der Zeit, sondern auch in persönlicher Topform: "Shit dissin' me is just like pissin' off the Wizard of Oz / Wrap a lizard in gauze, beat you in the jaws with it / Grab the scissors and saws and cut out your livers gizzards and balls / Throw you in the middle of the ocean in the blizzard with jaws / So sip piss, like sizzurp through a straw / Then discribe how it tasted, like dessert to us all / Got the gall to make Chris piss in his drawers / Tickle him, go to his grave, skip him and visit his dog." Möchtegern-MCs, die schon für Reimkunst halten, am Zeilenende abwechselnd "Junge" und "Alter" anzuhängen, können derlei vermutlich noch nicht einmal vorlesen, ohne ins Stolpern zu geraten. Eminem flowt, in unverwechselbar angepisstem Tonfall, über solche Wortschachteleien, dass es eine wahre Freude ist. "They call me fire marshall" - nicht ganz grundlos. Dicke-Hose-Gebaren mischt Eminem ausgewogen mit der Verarbeitung privater Erlebnisse. Er thematisiert sein Versagen als Mensch und Vater, den Verlust seines Freundes Proof, berufliche Höhen und Tiefen genauso intensiv, wie er sich ins Getümmel der von ihm ausgerufenen "White Trash Party" stürzt oder sich in "So Bad" zum Mr. Lover-Lover von Shaggy-Format aufplustert. Auf "No Love" liefert ein knautschiger, verschobener, im packendsten Sinne irrer Lil Wayne seinen besten Part seit langem ab. "Ok, you want me up in a cage? Then I'll come out in beast mode." Das von Just Blaze perfekt eingepasste Haddaway-Sample setzt dem Track die verdiente Krone auf. Mit Rückenwind von Black Sabbath bringt eine Zeile den Tenor des Albums am treffendsten auf den Punkt: "I don't know what I'm gonna do but I just keep goin' through changes." Wohin Eminems Weg auch führen mag, mit "Recovery" geht es auf jeden Fall wieder steil bergauf. © Laut
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Hip-Hop/Rap - Erschienen am 6. Dezember 2005 | Aftermath

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Hip-Hop/Rap - Erschienen am 17. Januar 2020 | Shady - Aftermath - Interscope Records

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Hip-Hop/Rap - Erschienen am 1. Januar 2002 | Aftermath

Auf tritt Eminem mit seiner "Show": eine Aufführung, die viel zu bieten hat. Vollgeladen mit zwanzigmal Eminem in allen Facetten: ironisch, humorvoll, sarkastisch, rundum dissend, fluchend, abrechnend mit der Politik und der eigenen familiären Vergangenheit. Die Art und Weise ist so, wie man es von dem Bad-Boy erwartet: vorlaut, dreist, beleidigend, offensiv und direkt, Eminem in Reinkultur. In "Without Me" behauptet Slim Shady selbstbewusst "It's been so empty without me". Tatsache oder reine Selbstüberschätzung, das ist die Frage. Das Album hat in Sachen Produktion und Vielseitigkeit sehr großes Format. Insgesamt sind die Tracks langsam, mit tiefen, dröhnenden, teils schleppenden, hart schlagenden, fast bedrohlichen Beats behaftet, welche stellenweise hypnotisch sind und für einen gewissen Kopfnicker-Automatismus sorgen. Das beste Beispiel dafür ist "Business". Hier stellt sich Eminem als gefeierter Batman-Marshall dar, der Retter des guten Hip Hop. Flinke, dröhnende, extrem eingehende Beats verknüpft er mit den gewöhnlichen batman'schen Gimmicks à la "poof", "baaf", "bang". Andere Beats sind schneller und klingen irgendwie spacig von Elektronik beeinflusst. Der einzige wirkliche Up-Tempo Track ist aber "Without Me", mit einem Beat, der in die Funk-Richtung tendiert. Überraschend in seiner "Show" sind die Rockeinflüsse, die in "Saying Goodbye To Hollywood" bereits zu hören sind und in "Sing For The Moment" vollends durchschlagen. Das Lied basiert auf "Dream on" von Aerosmith und enthält dessen Chorus und ein fettes Gitarrensolo von Joe Perry. Textlich gesehen zielt Eminem auf alles ab, was sich nicht schnell genug in Sicherheit bringt: zu erst auf die amerikanische Politik und die Heuchelei im weißen Amerika in "White America". Beachtenswert sind Redewendungen wie z.B "democracy of hypocrisy" (Demokratie der Heuchelei). Weitere Opfer seiner Raps sind seine Mutter und seine Ex-Frau, besonders deutlich wird Eminem im entsprechend genannten Track: "Cleaning out my Closet", eine familiäre Abrechung zurückgehend bis in seine Kindheit. Der gute Eminem scheint einfach nicht über seinen Ärger und Hass hinweg zu kommen und verbreitet nicht unbedingt positive Stimmung. Unerwartet sind hingegen Eminems leise, ehrliche und selbstkritische Töne, die von seiner Abscheu gegenüber dem Musik-Biz handeln und eine gewisse Abschiedsstimmung verbreiten. Der Eindruck beschleicht, er denke an Rücktritt. Positiv bedacht werden auf dem Album eigentlich nur Dr. Dre und seine Tochter Hailie. Die erhält sogar ihren eigenen Track "Hailie's Song". Da singt Eminem sogar, hoffentlich zum letzten Mal. Keine großartige, aber eine lockere und eigenwillige Performance, die untypisch und, ach du Schreck, fast sympathisch daher kommt. Leider hat die Platte auch ein paar missratene Songs zu bieten. Da ist etwa "Drips", performt von Obie Trice. Diese Interpretation von wechselnden Sexualpartnern und die Folgen ist weder lustig noch kreativ, sondern nur stumpf und überflüssig. Dümmliches weibliches Stöhnen und schwache Lyrics ziehen Tracks wie diesen und auch "Superman" in die Tiefe. Ähnlich verhält es sich mit den Skits, in denen das Waffengeballer einfach nur nervt. Zum Ende hin wird es Westcoast-reminiszent: Die Melodie auf "Say What You Say" hat Ähnlichkeit mit Westcoast-Rap und featured Dr. Dre und Nate Dogg. Nach der x-ten Hasstirade auf Muttern, die Presse, seine Frau und das Establishment wird man des Ganzen überdrüssig. Insgesamt ist "The Eminem Show" aber ein solides Werk mit hervorragenden Beats, großer Produktion, einigem Lyrics-Müll und einer guten Portion an Ärger und Ironie. Tag und Nacht. Hass und Liebe. Slim und Shady. Im letzten Track, behauptet seine Tochter keck "I think my Dad's gone crazy"... Ganz widersprechen kann man da nicht. © Laut
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Hip-Hop/Rap - Erschienen am 18. Dezember 2020 | Shady - Aftermath - Interscope Records

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Hip-Hop/Rap - Erschienen am 28. September 2018 | Aftermath

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Auf die Kritik an seinem Comeback-Album Revival  reagiert Eminem wie von der Tarantel gestochen und bringt durchaus zeitgemäß noch im selben Jahr eine überraschende Neuveröffentlichung. Mit Kamikaze liefert er eine peitschende Antwort; erstens seinen Verleumdern, zweitens vor allem aber der neuen, sogenannten „nuschelnden“ Rappergeneration, die seiner Meinung nach der Sache nicht gewachsen ist. Zusammen mit seinen derzeitigen Produzenten Mike Will Made It, Ronny J oder Tay Keith präsentiert Slim Shady eine tobende Strophe nach der anderen, die er wie Giftpfeile auf die meisten Leute aus dem Milieu schleudert. Tyler The Creator, Lil Pump, Charlamagne Tha God, Migos, Drake, Joe Budden… Jeder kriegt eins aufs Dach. Da Eminem sich derselben Waffen bedient wie seine Zeitgenossen, präsentiert er die meisten seiner Stücke wie technische Demos, und das gleich mit dem explosiven Opener The Ringer. Not Alike mit Royce da 5’9 wird fast zur Parodie, da er Punkt für Punkt den Look Alike von Blocboy JB und Drake auseinandernimmt. Der Rapper aus Detroit versucht, mit Geniestreichen wie früher weiterzumachen und so tritt er wie damals als Battle MC auf, wobei er dementsprechend auf seine Gegner losgeht und pausenlos auf Neuigkeiten aus der Rap-Szene anspielt. Immerhin gestattet er sich mit dem Duett Nice Guy/Good in Begleitung der Sängerin Jessie Reyez eine kleine konzeptuelle Atempause, bevor das Album mit dem Thema aus dem Film Venom zu Ende geht, der nächsten Superproduktion der Marvel Studios. Kamikaze besteht also aus wütenden Streitschriften ohne Refrain, bissigen Zwischeneinlagen und klassischeren Stücken aus dem Repertoire des Künstlers. Eminem rechnet ab, erneuert sich musikalisch, und so wird er wieder der energische, unkontrollierbare Grobian, den man schon verloren geglaubt hatte. © Aurélien Chapuis/Qobuz 
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Hip-Hop/Rap - Erschienen am 1. Januar 1999 | Aftermath

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Hip-Hop/Rap - Erschienen am 15. Dezember 2017 | Aftermath Records

Hi-Res Booklet
Noch fünfzehn Jahre weiter existieren zu können nachdem man an der Spitze der Pyramide angelangt ist, das ist keine leichte Sache… Mit seinen mehr als 45 Jahren weiß Eminem sehr wohl, dass er in der Welt des Hip-Hop nicht mehr das Sagen hat. Das hindert ihn aber nicht daran, uns weiter mit dem zu beeindrucken, was er am besten kann: mit Eminem! Vier Jahre nach The Marshall Mathers LP 2 vervollständigt der Rapper seine Trilogie in D mit Revival, dem Nachfolger von Relapse (2009) und Recovery (2010). An der Konsole wird er von Dr. Der und Rick Rubin, seinem treuen Tandem unterstützt, sodass er seine mörderischen Pointen sowohl an die amerikanische Präsidentschaft als auch auf sich selbst abfeuern kann. Mit ein bisschen Introspektion, sozialer Analyse oder Kritik an der Politik trifft sein stets lebhafter und übermächtiger Flow genau die Richtigen. Eminem versucht vor allem, nicht jung zu klingen und kein einziger seiner Töne surft hier auf Modeerscheinungen. Es sieht sogar so aus, als würde Eminem sich von den Grundlagen des Rap immer weiter entfernen. Mehr als sonst sind von neuem Pop/Rockspuren wahrzunehmen, die in seinen früheren Titeln immer vorhanden waren. Wie zum Beispiel auf In Your Head, wo er nicht davor zurückscheut, den berühmten Zombie der Cranberries zu sampeln… Was schließlich die Featurings betrifft, so hat er sein Scheckheft gezückt und sein Adressenbuch hervorgeholt, um insbesondere Beyoncé, Ed Sheeran, Alicia Keys und Pink einzuladen, damit die großen Nummern unter sich bleiben können. © CM/Qobuz
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Hip-Hop/Rap - Erschienen am 1. Januar 2013 | Aftermath

Booklet
Es hat immer einen faden Beigeschmack, wenn einer sein neues Album ungeniert als Fortsetzung des eigenen größten Erfolgs anpreist. Es riecht nach der verzweifelten Hoffnung, das Feuer könne noch einmal hell auflodern, das Licht von einst auf das aktuelle Werk abstrahlen. Die Erwartungen wucherten demnach munter in den Orbit, kaum dass Eminem den Titel seiner neuen Platte bekannt gab: "The Marshall Mathers LP 2". Uffz! Der alte Fuchs ist sich natürlich in vollem Umfang bewusst, was er damit anrichtet: "Mir geht es mehr um den Vibe - und um die Nostalgie", präzisierte er unlängst im Interview mit dem Rolling Stone Magazin. "Es wird nicht so sein, dass jeder alte Song jetzt eine Fortsetzung bekommt, oder so." Gleich der Opener straft diese Worte Lügen - mit epischer Produktion und noch epischerem Storytelling. Gute sieben Minuten lang breitet Eminem, zunächst zu fisseligen Elektrosounds über dumpf drückenden Bässen, am Ende mit bedeutungsschwangerem Abdriften in pompösen Bombast, die Geschichte Matthew Mitchells aus. Der kleine Bruder von "Stan", zum "Bad Guy" herangewachsen, lechzt nach Genugtuung: "Ain't here for your empathy / I don't need your apology or your friendship or sympathy / It's revenge that I seek." Brrrr. "Diggin' up old hurt", genau so geht das. In alten, schwärenden Wunden bohren, sich in der Folge (damit die Trauer bloß nicht überhand nimmt) in grenzenlosen Zorn hineinsteigern und sich den dann hemmungs-, haltlos und ohne jede Rücksicht auf Verluste von der Seele zu spucken, darin bestand schon immer Marshall Mathers' Paradedisziplin, der er auch hier wieder ausgiebig frönt. "After all that's said and done I'm still angry, yeah, I maybe, I may never trust someone." "The Marshall Mathers LP 2" schont niemanden, am wenigsten den Hauptdarsteller selbst. Eminem liefert zwar - mit der rockenden, angemessen ironischen Beastie Boys-Hommage "Berzerk" - auch einmal die Mitgröl-Nummer zur nächsten Party oder mit "The Monster" mit einer belanglosen Hookline der durch und durch unangenehmen Rihanna eine mainstreamradiotaugliche Single ab. Mit dem Kern dieses Albums haben beide Tracks aber wenig zu tun. Zum Glück. An anderer Stelle tritt das zentrale Thema viel deutlicher zutage. Die zusammengeschnittenen News-Schnipsel am Anfang von "Brainless" fassen es ganz gut zusammen: Es geht um "Eminem. Eminem. Eminem, Eminem, Eminem", außerdem um dessen bösen Zwilling Slim Shady, "'cause we are the same, bitch." Beide Seiten der gespaltenen Persönlichkeit spiegeln, gemeinsam beleuchtet, ein geradezu grausam intimes Porträt des Menschen dahinter. Ein treffenderer Titel als "The Marshall Mathers LP 2" hätte sich folglich wohl eher schwer finden lassen. Eminem erzählt, wahrhaftig nicht zum ersten Mal, von seinem unfrohen Aufwachsen in zerrütteten Familienverhältnissen. Das Geld war knapp, die Mutter krank und überfordert, der Vater über alle Berge, die Mitschüler hänseln den stillen Jungen: Kein Wunder, dass auf diesem Nährboden nicht gerade in sich ruhende, gefestigte Charaktere mit einem Händchen für zwischenmenschliche Beziehungen gedeihen. Man muss die Umstände um seinetwillen bedauern. Als Rap-Fan möchte man trotzdem jedem, der diesem Mann jemals Leid zugefügt hat, beinahe die Hände küssen. Ohne die kaputte Mutter, den desinteressierten Vater, die mitleidlosen Mobber in der Schule, ohne die zerstörerische Hassliebe zu Ex-, Wieder- und Wieder-Ex-Ehefrau Kim hätte er das Ventil nicht so dringend gebraucht. Ohne all das wäre aus Marshall Mathers vermutlich nie der "Rap God" geworden, der er heute ist. Die Quintessenz des Blues schlägt auch hier wieder durch: Nicht Glück und Freude gebären Kunst, sondern Höllenqualen. Dass Eminem diese bis ins Comichafte überzeichnet und mit einer Portion schwarzem Humor serviert, bewahrt seine Tracks grundsätzlich davor, in wehleidiger Weinerlichkeit zu ersaufen. Darüber, dass hinter ihr noch immer Einsamkeit, Pein und Kummer wohnen, täuscht die harte, stellenweise garstig gemeine Fassade nicht hinweg - und soll das ja auch gar nicht. Eminem schlägt zwar ungebrochen um sich, zeigt aber auch her, was ihn zum veritablen "Asshole" mutieren ließ. So marschieren in "Rhyme Or Reason" Marshall Mathers, Eminem und Slim Shady zum Vater-Sohn-Gespräch mit dem abwesenden Erzeuger auf. "So Much Better" oder "Brainless" rollen traumatische Kindheitserlebnisse wieder auf und präsentieren die Rettung, den Hip Hop, dem Eminem zusammen mit dem anderen großen Lyricist-Spitter unserer Zeit, Kendrick Lamar, in "Love Game" einen Altar errichtet. Der eine oder andere Beat - allen voran die Dirty South-infizierte Synthie-Produktion von "Rap God", das übel Rockgitarren-lastige "Survival" oder der geradezu absurde Hillbilly-Einschlag in "So Far ..." - mögen Puristen verschrecken. "Back with the Yoda of rap ... follow you must Rick Rubin, my little padawan", darin mag mancher nicht die schlaueste Entscheidung sehen. Auf mehr als ein Hookline-Mäuschen hätte ich außerdem mühelos verzichten können. Im Grunde bleiben aber gar keine Kapazitäten mehr übrig, um an Beats oder Featuregäste auch nur den leisesten Gedanken zu verschwenden, sobald man sein Augenmerk auf Flow und Lyrics richtet. Die Rhyme-Skills dieses Mannes sprengen jedes irdische Maß und ficken entsprechend komplett den Verstand. Was Eminem erzählt, welche Worte er dafür wählt, zu welchen mit Doppeldeutigkeiten gespickten Bildern er diese arrangiert und wie er die dann am Ende ausspuckt: schlicht nicht von dieser Welt. Immer noch nicht. Eminem knüpft an so vielen Stellen an frühere Tracks an, nimmt hier einen Faden wieder auf, lässt da einen anderen fallen ... länger, als alle Berührungspunkte zu "The Marshall Mathers LP" - oder zur "Slim Shady LP" - aufzulisten, würde es wohl nur dauern, sämtliche Zitate und Seitenhiebe auf Kollegen, Film, Funk und Fernsehen zu katalogisieren. Einen würdigeren Nachfolger hätte sein Klassiker kaum bekommen können. "So Much Better" bedient sich des modifizierten Beats von "Criminal", nur in viel, viel düsterer Farbe gestrichen. Das Klavier verströmt noch immer Stummfilm-Atmosphäre, bekommt aber eine monströse, wuchtige Präsenz. Musikalisch, neben dem aus einem souligen The Zombies-Sample gestrickten "Rhyme Or Reason", mein Lieblingstrack. Dazu taugen, was die Beats betrifft, weder "Stronger Than I Was" noch "Headlights". Beide Nummern ziehen einem aber final die Socken aus, achtet man auf den Text: Ersteres geht als das nächste Kapitel von "Kim", zweiteres als eine Art Nachtrag zu "Cleaning Out My Closet" durch. Bloß hat Eminem inzwischen genug Abstand und die nötige Größe gewonnen, die Frauen, die ihm das Herz gebrochen haben, nicht mehr gnadenlos niederzumetzeln. Er kann sich inzwischen in sie hinein versetzen, aus ihrer Perspektive erzählen. Ehrlich? Das hätte ich ihm niemals zugetraut. Nicht so einfühlsam, nicht so berührend. Nie im Leben. Das nennt man wohl, so gruselig das klingen mag, "erwachsen werden". Die neue Reife schützt aber, Rapgottlob, nicht vor der Wut. Genau deswegen gilt auch immer noch: "Fuck top five, bitch / I'm top four / And that includes Biggie and Pac, whore / And I got an evil twin / So who do you think that third and that fourth spot's for?" Ja. Denkt da mal drüber nach. © Laut
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Hip-Hop/Rap - Erschienen am 1. Januar 2004 | Aftermath

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Hip-Hop/Rap - Erschienen am 1. Januar 2013 | Aftermath

Booklet
Es hat immer einen faden Beigeschmack, wenn einer sein neues Album ungeniert als Fortsetzung des eigenen größten Erfolgs anpreist. Es riecht nach der verzweifelten Hoffnung, das Feuer könne noch einmal hell auflodern, das Licht von einst auf das aktuelle Werk abstrahlen. Die Erwartungen wucherten demnach munter in den Orbit, kaum dass Eminem den Titel seiner neuen Platte bekannt gab: "The Marshall Mathers LP 2". Uffz! Der alte Fuchs ist sich natürlich in vollem Umfang bewusst, was er damit anrichtet: "Mir geht es mehr um den Vibe - und um die Nostalgie", präzisierte er unlängst im Interview mit dem Rolling Stone Magazin. "Es wird nicht so sein, dass jeder alte Song jetzt eine Fortsetzung bekommt, oder so." Gleich der Opener straft diese Worte Lügen - mit epischer Produktion und noch epischerem Storytelling. Gute sieben Minuten lang breitet Eminem, zunächst zu fisseligen Elektrosounds über dumpf drückenden Bässen, am Ende mit bedeutungsschwangerem Abdriften in pompösen Bombast, die Geschichte Matthew Mitchells aus. Der kleine Bruder von "Stan", zum "Bad Guy" herangewachsen, lechzt nach Genugtuung: "Ain't here for your empathy / I don't need your apology or your friendship or sympathy / It's revenge that I seek." Brrrr. "Diggin' up old hurt", genau so geht das. In alten, schwärenden Wunden bohren, sich in der Folge (damit die Trauer bloß nicht überhand nimmt) in grenzenlosen Zorn hineinsteigern und sich den dann hemmungs-, haltlos und ohne jede Rücksicht auf Verluste von der Seele zu spucken, darin bestand schon immer Marshall Mathers' Paradedisziplin, der er auch hier wieder ausgiebig frönt. "After all that's said and done I'm still angry, yeah, I maybe, I may never trust someone." "The Marshall Mathers LP 2" schont niemanden, am wenigsten den Hauptdarsteller selbst. Eminem liefert zwar - mit der rockenden, angemessen ironischen Beastie Boys-Hommage "Berzerk" - auch einmal die Mitgröl-Nummer zur nächsten Party oder mit "The Monster" mit einer belanglosen Hookline der durch und durch unangenehmen Rihanna eine mainstreamradiotaugliche Single ab. Mit dem Kern dieses Albums haben beide Tracks aber wenig zu tun. Zum Glück. An anderer Stelle tritt das zentrale Thema viel deutlicher zutage. Die zusammengeschnittenen News-Schnipsel am Anfang von "Brainless" fassen es ganz gut zusammen: Es geht um "Eminem. Eminem. Eminem, Eminem, Eminem", außerdem um dessen bösen Zwilling Slim Shady, "'cause we are the same, bitch." Beide Seiten der gespaltenen Persönlichkeit spiegeln, gemeinsam beleuchtet, ein geradezu grausam intimes Porträt des Menschen dahinter. Ein treffenderer Titel als "The Marshall Mathers LP 2" hätte sich folglich wohl eher schwer finden lassen. Eminem erzählt, wahrhaftig nicht zum ersten Mal, von seinem unfrohen Aufwachsen in zerrütteten Familienverhältnissen. Das Geld war knapp, die Mutter krank und überfordert, der Vater über alle Berge, die Mitschüler hänseln den stillen Jungen: Kein Wunder, dass auf diesem Nährboden nicht gerade in sich ruhende, gefestigte Charaktere mit einem Händchen für zwischenmenschliche Beziehungen gedeihen. Man muss die Umstände um seinetwillen bedauern. Als Rap-Fan möchte man trotzdem jedem, der diesem Mann jemals Leid zugefügt hat, beinahe die Hände küssen. Ohne die kaputte Mutter, den desinteressierten Vater, die mitleidlosen Mobber in der Schule, ohne die zerstörerische Hassliebe zu Ex-, Wieder- und Wieder-Ex-Ehefrau Kim hätte er das Ventil nicht so dringend gebraucht. Ohne all das wäre aus Marshall Mathers vermutlich nie der "Rap God" geworden, der er heute ist. Die Quintessenz des Blues schlägt auch hier wieder durch: Nicht Glück und Freude gebären Kunst, sondern Höllenqualen. Dass Eminem diese bis ins Comichafte überzeichnet und mit einer Portion schwarzem Humor serviert, bewahrt seine Tracks grundsätzlich davor, in wehleidiger Weinerlichkeit zu ersaufen. Darüber, dass hinter ihr noch immer Einsamkeit, Pein und Kummer wohnen, täuscht die harte, stellenweise garstig gemeine Fassade nicht hinweg - und soll das ja auch gar nicht. Eminem schlägt zwar ungebrochen um sich, zeigt aber auch her, was ihn zum veritablen "Asshole" mutieren ließ. So marschieren in "Rhyme Or Reason" Marshall Mathers, Eminem und Slim Shady zum Vater-Sohn-Gespräch mit dem abwesenden Erzeuger auf. "So Much Better" oder "Brainless" rollen traumatische Kindheitserlebnisse wieder auf und präsentieren die Rettung, den Hip Hop, dem Eminem zusammen mit dem anderen großen Lyricist-Spitter unserer Zeit, Kendrick Lamar, in "Love Game" einen Altar errichtet. Der eine oder andere Beat - allen voran die Dirty South-infizierte Synthie-Produktion von "Rap God", das übel Rockgitarren-lastige "Survival" oder der geradezu absurde Hillbilly-Einschlag in "So Far ..." - mögen Puristen verschrecken. "Back with the Yoda of rap ... follow you must Rick Rubin, my little padawan", darin mag mancher nicht die schlaueste Entscheidung sehen. Auf mehr als ein Hookline-Mäuschen hätte ich außerdem mühelos verzichten können. Im Grunde bleiben aber gar keine Kapazitäten mehr übrig, um an Beats oder Featuregäste auch nur den leisesten Gedanken zu verschwenden, sobald man sein Augenmerk auf Flow und Lyrics richtet. Die Rhyme-Skills dieses Mannes sprengen jedes irdische Maß und ficken entsprechend komplett den Verstand. Was Eminem erzählt, welche Worte er dafür wählt, zu welchen mit Doppeldeutigkeiten gespickten Bildern er diese arrangiert und wie er die dann am Ende ausspuckt: schlicht nicht von dieser Welt. Immer noch nicht. Eminem knüpft an so vielen Stellen an frühere Tracks an, nimmt hier einen Faden wieder auf, lässt da einen anderen fallen ... länger, als alle Berührungspunkte zu "The Marshall Mathers LP" - oder zur "Slim Shady LP" - aufzulisten, würde es wohl nur dauern, sämtliche Zitate und Seitenhiebe auf Kollegen, Film, Funk und Fernsehen zu katalogisieren. Einen würdigeren Nachfolger hätte sein Klassiker kaum bekommen können. "So Much Better" bedient sich des modifizierten Beats von "Criminal", nur in viel, viel düsterer Farbe gestrichen. Das Klavier verströmt noch immer Stummfilm-Atmosphäre, bekommt aber eine monströse, wuchtige Präsenz. Musikalisch, neben dem aus einem souligen The Zombies-Sample gestrickten "Rhyme Or Reason", mein Lieblingstrack. Dazu taugen, was die Beats betrifft, weder "Stronger Than I Was" noch "Headlights". Beide Nummern ziehen einem aber final die Socken aus, achtet man auf den Text: Ersteres geht als das nächste Kapitel von "Kim", zweiteres als eine Art Nachtrag zu "Cleaning Out My Closet" durch. Bloß hat Eminem inzwischen genug Abstand und die nötige Größe gewonnen, die Frauen, die ihm das Herz gebrochen haben, nicht mehr gnadenlos niederzumetzeln. Er kann sich inzwischen in sie hinein versetzen, aus ihrer Perspektive erzählen. Ehrlich? Das hätte ich ihm niemals zugetraut. Nicht so einfühlsam, nicht so berührend. Nie im Leben. Das nennt man wohl, so gruselig das klingen mag, "erwachsen werden". Die neue Reife schützt aber, Rapgottlob, nicht vor der Wut. Genau deswegen gilt auch immer noch: "Fuck top five, bitch / I'm top four / And that includes Biggie and Pac, whore / And I got an evil twin / So who do you think that third and that fourth spot's for?" Ja. Denkt da mal drüber nach. © Laut
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Hip-Hop/Rap - Erschienen am 1. Januar 2005 | Aftermath

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Hip-Hop/Rap - Erschienen am 17. Januar 2020 | Shady - Aftermath - Interscope Records

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Hip-Hop/Rap - Erschienen am 23. Februar 1999 | Aftermath

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Hip-Hop/Rap - Erschienen am 17. Januar 2020 | Shady - Aftermath - Interscope Records

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Hip-Hop/Rap - Erschienen am 31. August 2018 | Aftermath

Auf die Kritik an seinem Comeback-Album Revival  reagiert Eminem wie von der Tarantel gestochen und bringt durchaus zeitgemäß noch im selben Jahr eine überraschende Neuveröffentlichung. Mit Kamikaze liefert er eine peitschende Antwort; erstens seinen Verleumdern, zweitens vor allem aber der neuen, sogenannten „nuschelnden“ Rappergeneration, die seiner Meinung nach der Sache nicht gewachsen ist. Zusammen mit seinen derzeitigen Produzenten Mike Will Made It, Ronny J oder Tay Keith präsentiert Slim Shady eine tobende Strophe nach der anderen, die er wie Giftpfeile auf die meisten Leute aus dem Milieu schleudert. Tyler The Creator, Lil Pump, Charlamagne Tha God, Migos, Drake, Joe Budden… Jeder kriegt eins aufs Dach. Da Eminem sich derselben Waffen bedient wie seine Zeitgenossen, präsentiert er die meisten seiner Stücke wie technische Demos, und das gleich mit dem explosiven Opener The Ringer. Not Alike mit Royce da 5’9 wird fast zur Parodie, da er Punkt für Punkt den Look Alike von Blocboy JB und Drake auseinandernimmt. Der Rapper aus Detroit versucht, mit Geniestreichen wie früher weiterzumachen und so tritt er wie damals als Battle MC auf, wobei er dementsprechend auf seine Gegner losgeht und pausenlos auf Neuigkeiten aus der Rap-Szene anspielt. Immerhin gestattet er sich mit dem Duett Nice Guy/Good in Begleitung der Sängerin Jessie Reyez eine kleine konzeptuelle Atempause, bevor das Album mit dem Thema aus dem Film Venom zu Ende geht, der nächsten Superproduktion der Marvel Studios. Kamikaze besteht also aus wütenden Streitschriften ohne Refrain, bissigen Zwischeneinlagen und klassischeren Stücken aus dem Repertoire des Künstlers. Eminem rechnet ab, erneuert sich musikalisch, und so wird er wieder der energische, unkontrollierbare Grobian, den man schon verloren geglaubt hatte. © Aurélien Chapuis/Qobuz 
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Hip-Hop/Rap - Erschienen am 1. Januar 2009 | Aftermath

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Hip-Hop/Rap - Erschienen am 15. Dezember 2017 | Aftermath Records

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Noch fünfzehn Jahre weiter existieren zu können nachdem man an der Spitze der Pyramide angelangt ist, das ist keine leichte Sache… Mit seinen mehr als 45 Jahren weiß Eminem sehr wohl, dass er in der Welt des Hip-Hop nicht mehr das Sagen hat. Das hindert ihn aber nicht daran, uns weiter mit dem zu beeindrucken, was er am besten kann: mit Eminem! Vier Jahre nach The Marshall Mathers LP 2 vervollständigt der Rapper seine Trilogie in D mit Revival, dem Nachfolger von Relapse (2009) und Recovery (2010). An der Konsole wird er von Dr. Der und Rick Rubin, seinem treuen Tandem unterstützt, sodass er seine mörderischen Pointen sowohl an die amerikanische Präsidentschaft als auch auf sich selbst abfeuern kann. Mit ein bisschen Introspektion, sozialer Analyse oder Kritik an der Politik trifft sein stets lebhafter und übermächtiger Flow genau die Richtigen. Eminem versucht vor allem, nicht jung zu klingen und kein einziger seiner Töne surft hier auf Modeerscheinungen. Es sieht sogar so aus, als würde Eminem sich von den Grundlagen des Rap immer weiter entfernen. Mehr als sonst sind von neuem Pop/Rockspuren wahrzunehmen, die in seinen früheren Titeln immer vorhanden waren. Wie zum Beispiel auf In Your Head, wo er nicht davor zurückscheut, den berühmten Zombie der Cranberries zu sampeln… Was schließlich die Featurings betrifft, so hat er sein Scheckheft gezückt und sein Adressenbuch hervorgeholt, um insbesondere Beyoncé, Ed Sheeran, Alicia Keys und Pink einzuladen, damit die großen Nummern unter sich bleiben können. © CM/Qobuz
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Hip-Hop/Rap - Erschienen am 18. Dezember 2020 | Shady - Aftermath - Interscope Records

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