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Die Alben

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Alternativ und Indie - Erschienen am 17. Februar 2011 | Some Bizzare

Auszeichnungen Qobuz' Schallplattensammlung
1985 waren die Neubauten mit "Halber Mensch" das Verstörendste, was Deutschland zu bieten hatte. Die meisten Künstler begnügen sich stets damit, den Finger in offene Wunden von Gesellschaft und System zu legen. Nicht so die Unruh (Percussion), der Chung (Bass), die Einheit (Percussion), die Hacke (Gitarre) und das Bargeld (Vocals, Gitarre, Keyboard). Sie verkörpern alle denkbaren Blessuren auf der Bühne. Nur um alles im ekstatischen Rausch zwischen Baustellenkrach und hypnotischen Riffs dem Erdboden gleich zu machen. "Ich bin die umstürzlerische Liebe. Jeder Tag kostet mich Wunden. Schon jetzt zerschunden und völlig blutverschmiert." Tatsächlich gelingt ihnen mit diesem Album musikalisch die Quadratur des Kreises. Die ersten beiden Werke waren derbe Orgien purer Dekonstruktion. "Hören Mit Schmerzen" als Motto; Ohrenqual als Methode. Seit "Tabula Rasa" (1992) schwirren sie schulbuchtauglich in ruhigeren Gefilden mit eher konventionellen Songstrukturen und filigran gefeilten Texten. Der "Halbe Mensch" hingegen ist ihr ewiger Zenith. Keine halbe Portion, sondern brillante Synthese aus Rhythmus, Melodie und fieser Apokalypse. Dazu: Mit "Yü Gung (Fütter Mein Ego)" enthält die Platte den wohl unkonventionellsten Dancefloor-Klopper aller Zeiten. Rhythmisch brillanter Veitstanz für die Underground-Diskos von Berlin bis New York und Tokio. "Niemals schlafen. Alles Lügen. Staubiges Vergnügen", brüllt der ebenso manische wie abgerockte Derwisch Blixa der irritierten Menge entgegen. In Zeiten, in denen man Depeche Modes "People Are People" für eine gewagt maschinelle Klangkonstruktion hält, erzeugt der Frontmann mit biochemisch bedingtem Vampir-Teint und blutunterlaufenen Augen regelrechte Furcht bei Publikum und Medien. Eine Eigenschaft, die sich Peter Zadek nach Genuss dieser Scheibe für seine "Andy"-Inszenierung nur zu gern zunutze macht. Sätze wie "Ich mag nur die Musik längst toter Komponisten. Alles Zeitgenössische taugt nichts" tun ihr übriges. Bei aller zur Schau gestellten Provokation sollte man gleichwohl nicht übersehen, wie perfekt der klangliche Kosmos sich um die Bargeldsche Poesie schmirgelt. Ein Mantel wie Sandpapier für zeitlose Zeilen. Als Anspieltipp taugt hier besonders "Der Tod Ist Ein Dandy". Wie ein heraufziehendes Unwetter braut sich die Dynamik des Liedes zum Sturm, bis man entweder schreiend davon läuft oder zu Recht wieder und wieder die Repeattaste drückt. Doch selbst dieser Musik gewordene Tsunami wird emotional getoppt durch die Trilogie "Seele Brennt", "Sehnsucht (Zitternd)" und "Letztes Biest (Am Himmel)". Während sich Blixas Seele in den eigenen Flammen verzehrt, erzeugt die Mannschaft eine Art Rockinferno im perkussiven Glockenturm. Gekrönt durch den seit Dekaden charakteristischen Schrei, bei dem Bargeld alles Menschliche hinter sich lässt. Ein Laut wie von einem qualvoll verendenden Waldtier in Agonie. Zum Kontrast hernach die zwischen Drogenentzug und Spiritualität pendelnde "Sehnsucht ist die einzige Energie" zum ebenso trocken wie dominant angeschlagenen Hacke-Riff. Der größte Neubauten-Höhepunkt aller Zeiten bleibt dennoch das "Letzte Biest". "Geh im Osten auf. Der Osten ist rot. Und im Westen unter. Die letzte Bestie am Firmament. Ich bin das letzte schöne Sternentier. Das letzte fiebrige Gestirn. Halt mich fest in der Morgendämmerung." Sicherlich ist die Lyrik des Ur-Berliner Freigeistes nicht jedermanns Sache. In seiner zeitlos sprachlichen Perfektion samt Doppelbödigkeit ist Blixa dennoch eine einmalige Erscheinung unter Deutschlands Songwritern. Der fast dalihafte Surrealismus degradiert angeblich gekonnte Texte moderner Jammerbarden wie Naidoo und Co. lässig zu pennälerhaftem Schmand aus der Schlagerabteilung für christliche Wiedererweckung. Jede Zeile auf "Halber Mensch" klingt dagegen auch heute noch genauso aktuell wie ehedem. Wer das nicht glauben mag, schaue sich nur einmal um und wende das Titelstück auf die heutige Gegenwart an. Es hat sich nichts geändert. In der CD-Variante sei an dieser Stelle besonders auf das herausragende Lee Hazlewood-Cover "Sand" hingewiesen. Hierin hört man deutlich den Einfluss der 'Bösen Saat' Nick Caves, bei dem der Neubauten-Chef 20 Jahre lang in Freundschaft verbundener Leadgitarrist und Co-Composer war. Wer hingegen von diesem geballten EN-Wahnsinn nicht genug bekommt, dem sei wärmstens das sehr politische und musikalisch ähnlich gelungene Folgewerk "Fünf Auf Der Nach Oben Offenen Richterskala" empfohlen. © Laut
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Alternativ und Indie - Erschienen am 15. Mai 2020 | Potomak

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Was vor vierzig Jahren als Zufallsprodukt begann, als man Blixa Bargeld fragte, ob er nicht im Berliner Moon-Club auftreten wolle, entwickelte sich im Laufe der Zeit zum einflussreichsten musikalischen Exportprodukt aus deutschen Landen seit Can und Kraftwerk. Für die Einstürzenden Neubauten aber kein Grund, mit ihrem ersten regulären Studio-Album seit zwölf langen Jahren in verklärende Nostalgie zu verfallen. In "Möbliertes Lied" gibt der Sänger zu keyboardlastigen Wave-Tönen im Stile von The Cures "Disintegration" nämlich unmissverständlich zu Protokoll: "Ein großes Bett ist neu bezogen, frei schwebend installiert." Das Lied stellt den Ausgangspunkt von der vierten Phase des Supporter-Projektes der West-Berliner dar, mit dem sie 2002 in Phase eins im Grunde das Crowdfunding erfunden haben: das Ergebnis einer anfänglichen Improvisation. Damit im Neubauten-Kosmos zwischen Klangexperiment und Pop ein neues Zuhause entstehen konnte, brauchte es aber auch Unterstützer, wie "Ten Grand Goldie" verdeutlicht. Jedenfalls verbinden sich auf inhaltlicher Ebene bestimmte Satzfetzen der Supporter, die in das Stück einflossen, mit Abstraktem, woraus sich ein treffendes Bild über den Ist-Zustand der Hauptstadt ergibt. Dazu ertönen rhythmische Schrottplatzgrooves, wie man sie von der Formation nicht anders kennt. Die Präsenz Berlins macht sich auch sonst immer wieder bemerkbar. Dabei sollte zunächst ein Song Dreh- und Angelpunktes des Albums sein, der mittlerweile nicht einmal zu den B-Seiten einer der vier Singles gehört, die die Supporter exklusiv als Dankeschön erhalten. "Welcome To Berlin" haben die Einstürzenden Neubauten ihn genannt, der bissige und persönliche Rundumschlag auf die aktuellen Entwicklungen in Blixa Bargelds Geburtsstadt erschien aber für die Scheibe letzten Endes zu flach. Die Abwesenheit dieses Grundsteins ließ jedoch erst zu, dass sich eine differenziertere Betrachtungsweise über Berlin herausbildete. Gleichzeitig bewegte sich die Formation von Song zu Song immer mehr vom Zynismus weg. So nahm die Platte letzten Endes überaus greifbare, songorientierte Gestalt an. Bester Beweis: "Am Landwehrkanal", wenn Blixa Bargeld die Ermordung Rosa Luxemburgs im Eden Hotel und die Versenkung ihres Leichnams im zweieinhalb Meter flachen Landwehrkanal besingt und um persönliche Erinnerungen aus der experimentellen Pionierzeit der Band ergänzt. "Wir hatten tausend Ideen und alle waren gut", lautet es zu beschwingtem Akkordeon und einem prägnanten Ostinato-Bassmotiv Alexander Hackes. Da schwebt nicht nur eine Prise Größenwahn, sondern auch ein Hang zum Schlageresken mit, so dass eine heitere und umarmende Hymne auf die Errungenschaften Rosa Luxemburgs und der Einstürzenden Neubauten herauskommt, die zum Mitsingen einlädt. Nur trügt diese scheinbar unbeschwerte Idylle. In "Zivilisatorisches Missgeschick" legen die West-Berliner das, was einmal war, mit an den Nerven zehrenden Presslufthammer-Sounds und unerträglich lautem Schlagwerk endgültig in Schutt und Asche. Dem weicht eine trügerische Ruhe. Der Hörer bekommt es danach in "Taschen" zu märchenhaften Soundtrack-Streichern, süßlichem Glockenspiel und Taschen, die als Percussion-Instrumente dienen, in Anlehnung an Ghayath Almadhouns Gedichtband "Ein Raubtier namens Mittelmeer" mit einem gefräßigen "Ungetüm" zu tun. Der Horror kommt auf diesem Werk jedenfalls auf leisen Sohlen angeschlichen. Besonders eindrücklich vermittelt dies "Grazer Damm", das gleichzeitig einen Bezug zu Blixa Bargelds Kindheit und zu den Schrecken der Nazi-Vergangenheit herstellt. Der mittlerweile 61-Jährige gibt an der bluesigen Gitarre begleitet von verhaltenen Percussion-Schlägen mit erzählerischen, bedächtigen Worten eine Geschichte über vermeintliche und reale Selbstmorde zum Besten, in der sich luzide Traumwelten und tatsächliche Geschehnisse zu einem verstörenden Bild über die Vergänglichkeit zusammenfügen. Ebenso viel Vergänglichkeit klingt in "Tempelhof" durch, das als Beschreibung des Pantheons in Rom anfängt, die sich anschließend mit einem textlichen Streifzug durch das Gebäude des für lange Zeit stillgelegten Flughafens Tempelhof vermischt. Wenn man zu flirrenden Streichern und akzentuierten Harfen-Klängen vor dem inneren Auge die "Blätter auf den bunten Marmorboden" der "Vorhalle" fallen sieht und sich die Natur zurückholt, was ihr zusteht, steht das aber nicht nur symbolisch für den Verfall. Man gewinnt auch eine leise Vorahnung darüber, was eventuell einmal sein wird. Diesen schmalen Grat zwischen Endlichkeit und Ferne hält das Titelstück zusammen. Zunächst steht man, wenn sich inhaltlich unterschiedlichste Assoziationen auftun, vor einem großen Rätsel. Gegen Ende fügt sich jedoch das abstrakte Puzzle und es entwickelt sich ein vielschichtiges Bild über die verschiedenen persönlichen Facetten des Homo sapiens, das vollkommen erscheint: "In der Unendlichkeit bin ich auch / Alles in allem / Unendlich oft vorhanden." Blixa Bargeld nähert sich dem Religiösen, während den unaufgeregten Klängen der jazzigen Percussions und des nachdenklichen Akkordeons etwas Tröstendes innewohnt. Insgesamt bauen die klanglichen und lyrischen Komponenten dieser Platte nach und nach auf, so dass am Ende ein zusammenhängendes großes Ganzes bleibt. Dabei hat man die West-Berliner nur selten so kompakt und zugänglich gehört. Nur täuscht die Eingängigkeit nicht darüber hinweg, dass zwischen fragiler Schönheit und purer Hässlichkeit manchmal nur ein klitzekleiner Augenblick liegt. Das macht "Alles In Allem" zum besten Neubauten-Album seit Ewigkeiten. © Laut
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Alternativ und Indie - Erschienen am 3. April 2000 | Potomak

Weiche Klänge, sanfte Streicher und ein melodisch warmer Gesang sind nicht gerade das, was man sich von den Einstürzenden Neubauten erwartet. Das erste Album "Kollaps" vor ziemlich genau 20 Jahren wurde mit seinen Krachcollagen dem Bandnamen doch eher gerecht. Damals dienten Presslufthammer, Bohrmaschinen, Stahlplatten und Megaphon als Instrumente und es galt: "Wer sich am kommerziellen Musikgeschmack orientiert dient der Reaktion." (Blixa Bargeld) Von solch klangtechnischer Radikalität war bereits 1996 auf "Ende Neu" eine ganze Ecke eingestürzt. Das Jubiläumsalbum "Silence Is Sexy" verzichtet nun fast völlig auf atonale Lärmattacken. Statt dessen dominieren - nicht nur im Opener "Sabrina" - eigentlich recht konventionelle Songstrukturen und Melodien, die mit wenigen eingängigen Klängen auskommen. Das mag damit zusammen hängen, dass Schlagwerker FM Einheit diesmal nicht dabei ist, oder dass Blixa seit einiger Zeit als Gitarrist bei Nick Cave von den Verlockungen des Wohlklangs kosten darf. So ist das neue Neubauten-Album so bekömmlich geraten, wie keines zuvor, und auch wenn die hervorragende, leicht basslastige Produktion allerlei Samples und Nebengeräusche hörbar macht, sind diese doch eher schmückendes Beiwerk als tragende Elemente. Dennoch hat jeder Song auf dieser Platte ein ganz eigenes Gesicht und fast jeder etwas Besonderes zu bieten. Das Titelstück beweist, dass vollkommene Stille entweder ein theoretisches Konstrukt ist oder der Tod. "Sabrina", "Heaven Is Of Honey" oder "Sonnenbarke" sind lyrisch-düstere, schlicht-geniale Popsongs, Tracks wie "Zampano" oder "Newtons Gravitätlichkeit" beeindrucken mit hintergründigen oder ironisch-humorvollen Texten. Allein das eintönige "Pelikanol" weckt nicht so sehr die gewünschten assioziativen Phantasien, sondern geht vor allem auf die Nerven. "Silence Is Sexy": Ein melancholisches Popalbum erster Güte mit einigen scharfen Ecken und Kanten. © Laut
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Alternativ und Indie - Erschienen am 23. Juli 1996 | Potomak

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Alternativ und Indie - Erschienen am 1. Juli 2004 | Mute

Es war einmal eine Band, die die FernsehzuschauerInnen mit Waschmaschinenkrach und brachialen Trommelattacken unter halber-mensch-hohen Autobahnbrücken aus wohlverdienter Fernsehruhe riss. Von dieser klangtechnischen Radikalität ist seitdem mehr als eine kleine Ecke eingestürzt; auf vorliegendem Album "Perpetuum Mobile" ist sie nur noch als schwaches Echo aus einer fernen Zeit vernehmbar. Beziehungsweise als ein schwaches Rauschen: mit Druckluft erzeugte Töne aus allerlei Rohren und Schläuchen dominieren das Klangbild des Openers "Ich Gehe Jetzt". Dabei entstehen durchaus ganz neue und überraschende Klangfarben, die sich allerdings anders als früher sehr harmonisch in das Gesamtbild einfügen. Luftige Klänge aller Art spielen auch im weiteren Verlauf der Platte eine große Rolle. Nicht umsonst heißt ein Track "Ein Leichtes Leises Säuseln", ein anderer "Ozean Und Brandung". Maßgeblicher Bezugspunkt dieses Sounds ist nicht mehr die Stadt sondern die Natur. Ständig wispert irgendwo ein Wind, pfeift ein Lüftchen und bringt allerlei imaginäres Blattwerk zum Rascheln und Rasseln. Fließend und harmonisch gestalten sich auch die Übergänge zwischen den Stücken, weshalb man die Platte sehr gut am Stück hören kann. Der größte Unterschied zu den alten Neubauten aber sind die hypnotisch, fast trance-artig kreisenden Rhythmen, die kaum noch Brüche aufweisen. Paradebeispiel in dieser Hinsicht ist der Titeltrack, während "Selbstporträt Mit Kater" als einziges Stück klingt wie klopfendes Kopfweh. Muss man also die rhythmischen Umsturzversuche eines FM Einheit vermissen? Nur wenn man von der Idee der permanenten Revolution nicht lassen kann. Für sich genommen nämlich steht das neue Neubauten-Album ziemlich einzigartig da, fast wie ein monolithischer Block, mit nichts anderem vergleichbar. Oder eben wie ein "Perpetuum Mobile", das sich, getrieben von Blixas brüchiger Stimme und Alexander Hackes festem Bass, unendlich um sich selber dreht. Dabei geben Blixa Bargelds Lyriks deutliche Hinweise darauf, wie ein perpetuum mobile nur funktionieren kann: indem es sich um Kritik nicht kümmert und nicht kritisiert, sondern berührungslos, ungebremst und letztlich gleichgültig seine Bahnen zieht. © Laut
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Alternativ und Indie - Erschienen am 10. November 2014 | Mute, a BMG Company

Die Einstürzenden Neubauten machen ein Album zum aktuellen Thema "100 Jahre Erster Weltkrieg". Da werden einige sagen: Passt ja gut. Immerhin klangen sie schon oft wie ein Soundtrack zu Waffengang und Weltuntergang ("Steh auf Berlin", "Maifestspiele"). Doch "Lament" ist weder Klischee noch unfreiwillige Selbstparodie. Zwischen Abrissbirne und filigraner Ruhe bringen die Neubauten der Welt Klagelieder vom Schrottplatz aller Menschlichkeit. Die Platte selbst ist die Auftragsarbeit zur Erstellung einer Performance. Die belgische Region Flandern wählte zum Auftakt einer historischen Themenreihe diese deutsche Band aus, der man - neben Kraftwerk - wie keiner anderen Germanenkapelle in den Metropolen der Welt mit Ehrfurcht und Inbrunst zuhört. Das Bargeld, die Hacke, der Moser und co bieten dabei ein psychologisch höchst effektives Wechselspiel von Detonation, Poesie und Empathie. Die Platte sei "nicht missionarisch und keine Botschaft, keine Message, kein Lehrer, kein Schulbuch", betont Blixa Bargeld. Gut so! Den erhobenen Zeigefinger als Inbegriff aller künstlerisch belanglosen Langeweile überlassen sie gern den teutonischen Jammerbarden mit Predigerkomplex. Doch das heißt nicht, es gäbe nichts zu entdecken. Im Gegenteil: Eine ganze Horde wenig bekannter und nicht selten makabrer Kriegsdetails aus dem menschlichen Kuriositätenkabinett machen ihre erschütternde Aufwartung und geben einander Pickelhaube und Piss-Cutter (Schiffchen) in die Hand. Mit erstmaligen Blackmusic-Anleihen holen die Neubauten Ragtime-Pionier J.R. Europe aus der Kiste des Vergessens ("On Patrol In No Man's Land"). Als einer der ersten schwarzen Offiziere leitete dieser Bandleader die Harlem-Hellfighters-Kapelle. Die Kombo war der musikalische Arm einer schwarzen Kampfeinheit, von der kein einziger Höllenhund je lebend gefangen wurde. In "Hymnen" bieten sie einen interessanten Zusammenschnitt von Originaltexten all derer, die von Deutschland bis Großbritannien die "God Save The Queen"-Melodie nutzten. Zu den pathetischen Klängen entlarven sie alle aufputschende Musikpropaganda als Teufelswerk und lassen den Hörer erkennen: Im Grunde ist es komplett egal, welches Land und welche Variante - am Ende geht es überall nur um das eine: Die verheizte Jugend gibt Blut und Tod fürs Vaterland. Im wortreichen "The Willy - Nicky Telegrams" - das bei Ausbruch des aktuellen Ukraine-Konflikts entstand - bringt Blixa mit nahezu knuffigem Tonfall im Gesang den Irrsinn des Geschehens und der Machthaber auf den Punkt. Der schriftliche und absurd zärtliche Austausch Kaiser Wilhelms mit Zar Nikolaus inmitten von totaler Aufrüstung im Brinkmanship mutet als Kuschelbrief aus der Hölle auch nach 100 Jahren noch heuchlerisch, realitätsfern und widerwärtig an. Von hier an zieht sich ein perkussiver Grundton durch weite Teile der Platte. Dieses zurück haltende, dabei sehr präsente Klopfen erhöht mit seinen Telegrafenrhythmen die Effektivität des Albums beträchtlich. Seinen Höhepunkt erreicht dieser elementare Sound im Anspieltipp "Der 1. Weltkrieg (Percussion Version)". Die gebotene Intensität steigern sie im Verlauf durch die dreigeteilte "Lament"-Sequenz. Vor allem "Lament: 1. Lament" ragt als finsterer Turm aus dark ambient und Chorwerk heraus. Ein anklagendes Requiem zur Ehre der Gefallenen mischt sich mit dem Totengeheul der Verstorbenen. Alles gipfelt in der finalen Erkenntnis "Die Mächtigen lieben den Krieg!" Der Track ist musikalisch wie atmosphärisch zutiefst eindrucksvoll und entfaltet einen ähnlich hypnotischen Malstrom wie Góreckis klassischer Megaseller "3. Sinfonie (Symfonia pieśni żałosnych – Sinfonie der Klagelieder)" von 1976. Als besonderes Schmankerl gibt es hier ihre sinister schimmernde Slide-Gitarre, die man bereits vom Übersong "Fiat Lux" ("Haus Der Lüge", 1989) in guter Erinnerung hat. Wer mehr auf ihre konventionelleren Lieder steht, wird bei der leicht chansonesken Killerballade "How Did I Die?" fündig. Im Gegensatz zu ihrem Meilenstein "Halber Mensch" ist der Tod hier längst kein berittener Dandy mehr. Dafür findet sich das charakteristische Schaben der frühen Neubauten an vielen Stellen der Scheibe. Gibt es inmitten dieser Superlative auch Kritik? Ja! Der große Antikriegs-Klassiker "Sag Mir Wo Die Blumen Sind", den Marlene Dietrich einst erstrahlen ließ, klingt in den Händen der Einstürzenden Neubauten merkwürdig steril und anämisch. Wer sich die charismatische Sinnlichkeit gelungener Bargeld-Cover wie "Sand" oder "Johnny Guitar" vergegenwärtigt, kann diese Blutarmut nicht recht nachvollziehen. Die Interpretation kommt ungewohnt verkrampft und gezwungen durch den Äther. Doch dieser kleine Wermutstropfen ändert nichts daran, dass ihnen mit dem ambitionierten "Lament" ein ebenso anstrengendes wie erfüllendes Hörerlebnis für Hirn, Bauch und Ohr gelungen ist. So schwebt am Ende über dieser Platte wie über diesem Planeten ein einziger ewiger Satz: "Wann wird man je verstehen; wann wird man je verstehen?" © Laut
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Alternativ und Indie - Erschienen am 1. Juli 2004 | Mute

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Alternativ und Indie - Erschienen am 21. Mai 1991 | Mute

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Alternativ und Indie - Erschienen am 17. Februar 2011 | Some Bizzare

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Alternativ und Indie - Erschienen am 19. Oktober 2007 | Potomak

Wie ein Klotz in der Brandung durchwuchtet Blixa Bargeld seit 27 Jahren die hiesige Musikerlandschaft. Seine Versuchsanordnungen prägen Sub- wie Hochkultur, regelmäßig erfinden die Neubauten sich selbst neu. Und gelegentlich auch ganze Naturelemente. Erst war Post-Industrial und NDW, in den Neunzigern folgte der Kurswechsel in ruhigere und zugänglichere Fahrwasser. Jetzt also "Alles Wieder Offen"? Galt das bei den Berlinern denn nicht immer schon? "Lass dir nicht von denen raten / Die ihren Winterspeck der Möglichkeiten / Längst verbraten haben", kündet es jedenfalls in Bargelds Programmvorschau. Zunächst einmal beruhigend zu hören, dass der einschüchternd intellektuelle Hüne mit 48 Jahren seine Bahnen nach wie vor weit entfernt vom Strom so genannter "alternativer" Künstler zieht. Wiederum zementieren Einstürzende Neubauten jenen äußersten Exoten- und Sonderstatus, den sonst vielleicht nur noch Die Goldenen Zitronen für sich beanspruchen können. Neo-Tonalität als einzige (hausgemachte) Regel. Müsste man diesen Grundsatz nun in Begriffe verpacken, es wären am ehesten die des Expressionismus: Polyrhythmik, Abstraktion, Reduktion, Irritation. Es ist vor allem das Falltürspiel mit Ungewissheiten, das der Gruppe immer noch pure Bedrohung einverleibt. Ohrenscheinliche Wohlklänge könnten jederzeit in Schwärzeste Löcher reißen. Aber rein auf die Klangfläche zu reduzieren, bleibt natürlich gerade hier vollkommen unzureichend. Neueinsteigern sei deshalb der Erzählgestus des Blixa B. wenigstens in Auszügen nahegebracht: "Meine Sys- und Diastole, dazwischen der Moment / Getragen von den Vögeln / Die hier zugange sind", wandert sein lyrisches Alter Ego in totalem Einklang mit der Natur durch das kaukasische "Nagorny Karabach". Es findet sich am Meer wieder, wo es monoton auf die immergleiche Taste einhämmert, "Das Verräterische Herz" meets Kafka, bis es den aufgepeitschten Wellen endlich trotz zugeschnürter Kehle ein uferloses "Warum hast du mich verlassen?" entgegenschreit. Ein Horrortrip durch Einsamkeit, Tod und Verzweiflung in 3:48 Minuten. Genanntes Ich stolpert allerdings auch euphorisiert in die Liebe oder, lachend begleitet vom Rhodes-Piano, durch die Zürcher Spiegelgasse. Den Ort, an dem die Anti-Kunst des Dadaismus erwuchs. "Alles Wieder Offen" ist morgenfrischer Weltrückzug genauso wie revolutionärer Abendappell: "Du musst die Sterne und den Mond enthaupten / Am besten auch den Zar". Möglicherweise sei das Album das letzte Lebenszeichen unter Neubauten-Signum, teilte Vordenker Blixa neulich ganz beiläufig mit. Er fühle sich keineswegs an das Prinzip Plattenveröffentlichung gebunden. Zieht der Freischwimmer uns bald endgültig davon? Es wäre ein nicht zu verschmerzender Verlust für das Experimentierfeld Musik. Drum nutzen wir den Augenblick: "Komm mich mal besuchen / Ich hab unendlich Zeit". © Laut
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Rock - Erschienen am 8. November 2010 | Mute

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Alternativ und Indie - Erschienen am 4. Dezember 2020 | Potomak

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Alternativ und Indie - Erschienen am 14. September 1981 | Potomak

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Alternativ und Indie - Erschienen am 17. Februar 2011 | Some Bizzare

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Alternativ und Indie - Erschienen am 17. Februar 2011 | Some Bizzare

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Alternativ und Indie - Erschienen am 2. Januar 2002 | Potomak

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Alternativ und Indie - Erschienen am 15. Juli 2008 | Potomak

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Alternativ und Indie - Erschienen am 8. August 2014 | M.i.G - music GmbH

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Alternativ und Indie - Erschienen am 5. Oktober 2007 | Potomak

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Alternativ und Indie - Erschienen am 1. Mai 2020 | Potomak

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Was vor vierzig Jahren als Zufallsprodukt begann, als man Blixa Bargeld fragte, ob er nicht im Berliner Moon-Club auftreten wolle, entwickelte sich im Laufe der Zeit zum einflussreichsten musikalischen Exportprodukt aus deutschen Landen seit Can und Kraftwerk. Für die Einstürzenden Neubauten aber kein Grund, mit ihrem ersten regulären Studio-Album seit zwölf langen Jahren in verklärende Nostalgie zu verfallen. In "Möbliertes Lied" gibt der Sänger zu keyboardlastigen Wave-Tönen im Stile von The Cures "Disintegration" nämlich unmissverständlich zu Protokoll: "Ein großes Bett ist neu bezogen, frei schwebend installiert." Das Lied stellt den Ausgangspunkt von der vierten Phase des Supporter-Projektes der West-Berliner dar, mit dem sie 2002 in Phase eins im Grunde das Crowdfunding erfunden haben: das Ergebnis einer anfänglichen Improvisation. Damit im Neubauten-Kosmos zwischen Klangexperiment und Pop ein neues Zuhause entstehen konnte, brauchte es aber auch Unterstützer, wie "Ten Grand Goldie" verdeutlicht. Jedenfalls verbinden sich auf inhaltlicher Ebene bestimmte Satzfetzen der Supporter, die in das Stück einflossen, mit Abstraktem, woraus sich ein treffendes Bild über den Ist-Zustand der Hauptstadt ergibt. Dazu ertönen rhythmische Schrottplatzgrooves, wie man sie von der Formation nicht anders kennt. Die Präsenz Berlins macht sich auch sonst immer wieder bemerkbar. Dabei sollte zunächst ein Song Dreh- und Angelpunktes des Albums sein, der mittlerweile nicht einmal zu den B-Seiten einer der vier Singles gehört, die die Supporter exklusiv als Dankeschön erhalten. "Welcome To Berlin" haben die Einstürzenden Neubauten ihn genannt, der bissige und persönliche Rundumschlag auf die aktuellen Entwicklungen in Blixa Bargelds Geburtsstadt erschien aber für die Scheibe letzten Endes zu flach. Die Abwesenheit dieses Grundsteins ließ jedoch erst zu, dass sich eine differenziertere Betrachtungsweise über Berlin herausbildete. Gleichzeitig bewegte sich die Formation von Song zu Song immer mehr vom Zynismus weg. So nahm die Platte letzten Endes überaus greifbare, songorientierte Gestalt an. Bester Beweis: "Am Landwehrkanal", wenn Blixa Bargeld die Ermordung Rosa Luxemburgs im Eden Hotel und die Versenkung ihres Leichnams im zweieinhalb Meter flachen Landwehrkanal besingt und um persönliche Erinnerungen aus der experimentellen Pionierzeit der Band ergänzt. "Wir hatten tausend Ideen und alle waren gut", lautet es zu beschwingtem Akkordeon und einem prägnanten Ostinato-Bassmotiv Alexander Hackes. Da schwebt nicht nur eine Prise Größenwahn, sondern auch ein Hang zum Schlageresken mit, so dass eine heitere und umarmende Hymne auf die Errungenschaften Rosa Luxemburgs und der Einstürzenden Neubauten herauskommt, die zum Mitsingen einlädt. Nur trügt diese scheinbar unbeschwerte Idylle. In "Zivilisatorisches Missgeschick" legen die West-Berliner das, was einmal war, mit an den Nerven zehrenden Presslufthammer-Sounds und unerträglich lautem Schlagwerk endgültig in Schutt und Asche. Dem weicht eine trügerische Ruhe. Der Hörer bekommt es danach in "Taschen" zu märchenhaften Soundtrack-Streichern, süßlichem Glockenspiel und Taschen, die als Percussion-Instrumente dienen, in Anlehnung an Ghayath Almadhouns Gedichtband "Ein Raubtier namens Mittelmeer" mit einem gefräßigen "Ungetüm" zu tun. Der Horror kommt auf diesem Werk jedenfalls auf leisen Sohlen angeschlichen. Besonders eindrücklich vermittelt dies "Grazer Damm", das gleichzeitig einen Bezug zu Blixa Bargelds Kindheit und zu den Schrecken der Nazi-Vergangenheit herstellt. Der mittlerweile 61-Jährige gibt an der bluesigen Gitarre begleitet von verhaltenen Percussion-Schlägen mit erzählerischen, bedächtigen Worten eine Geschichte über vermeintliche und reale Selbstmorde zum Besten, in der sich luzide Traumwelten und tatsächliche Geschehnisse zu einem verstörenden Bild über die Vergänglichkeit zusammenfügen. Ebenso viel Vergänglichkeit klingt in "Tempelhof" durch, das als Beschreibung des Pantheons in Rom anfängt, die sich anschließend mit einem textlichen Streifzug durch das Gebäude des für lange Zeit stillgelegten Flughafens Tempelhof vermischt. Wenn man zu flirrenden Streichern und akzentuierten Harfen-Klängen vor dem inneren Auge die "Blätter auf den bunten Marmorboden" der "Vorhalle" fallen sieht und sich die Natur zurückholt, was ihr zusteht, steht das aber nicht nur symbolisch für den Verfall. Man gewinnt auch eine leise Vorahnung darüber, was eventuell einmal sein wird. Diesen schmalen Grat zwischen Endlichkeit und Ferne hält das Titelstück zusammen. Zunächst steht man, wenn sich inhaltlich unterschiedlichste Assoziationen auftun, vor einem großen Rätsel. Gegen Ende fügt sich jedoch das abstrakte Puzzle und es entwickelt sich ein vielschichtiges Bild über die verschiedenen persönlichen Facetten des Homo sapiens, das vollkommen erscheint: "In der Unendlichkeit bin ich auch / Alles in allem / Unendlich oft vorhanden." Blixa Bargeld nähert sich dem Religiösen, während den unaufgeregten Klängen der jazzigen Percussions und des nachdenklichen Akkordeons etwas Tröstendes innewohnt. Insgesamt bauen die klanglichen und lyrischen Komponenten dieser Platte nach und nach auf, so dass am Ende ein zusammenhängendes großes Ganzes bleibt. Dabei hat man die West-Berliner nur selten so kompakt und zugänglich gehört. Nur täuscht die Eingängigkeit nicht darüber hinweg, dass zwischen fragiler Schönheit und purer Hässlichkeit manchmal nur ein klitzekleiner Augenblick liegt. Das macht "Alles In Allem" zum besten Neubauten-Album seit Ewigkeiten. © Laut