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Auf dem Prüfstand

Kompakte Perfektion

Von Tom Frantzen/STEREO* |

HiFi Exklusiv – Lautsprecher/STEREO*

Was dabei herauskommt, wenn man versucht, Perfektion etwas günstiger anzubieten, kann trotzdem kompromisslos sein – wie die Vimberg Amea.

Mit Tidal verbinden High Ender Aussagen wie „Die besten Lautsprecher der Welt“. Und dass die Membranen der Hoch- und Mitteltontreiber aus Diamant bestehen, sorgt nicht selten für ungläubiges Staunen. Die Preisschilder allerdings auch, reichen sie doch beim Spitzenmodell La Assoluta bis knapp 500.000 Euro Paarpreis.

Tidal, das sind allerdings auch Lautsprecher, bei denen ein Aufwand betrieben wird wie bei einem Formel Eins-Rennwagen. Die Assoziation hat man selbst als erfahrener Redakteur tatsächlich. Chef und Entwickler Janczak sind kompensatorische, maskierende Ansätze ein absoluter Gräuel.

Er will keinen Mainstream-Klang, keine gutmütige Wärme, Phaseneffekte, keine Präsenzsenke oder Mittenbetonung, keinen Bassbauch, sondern am liebsten das, was Komponist und Musikern vorschwebte und keine Schönspülerei. Und das gilt selbst dann, wenn die Kundschaft eigentlich eine günstigere Möglichkeit wünschte, in den Genuss von Janczak-Schallwandlern zu kommen.

So schlug die Geburtsstunde der Marke Vimberg, die die Klientel noch etwas erweitern sollte. Die bereits im November 2018 von STEREO getestete „Mino“ war bereits der zweite Vorstoß und schlägt als kleineres von zwei Standmodellen mit 22.000 Euro zu Buche. Zuvor hatte man bereits mit der Vimberg Tonda das vergleichbare Modell Akira von Tidal fast 1:1 in eine Art ökonomisierte Version umgesetzt. Nun folgt die Amea als Kompakte ab 10.900 Euro, wobei Janczak durchblicken lässt, dass es sich dabei angesichts der immer noch extremen Materialschlacht um einen spitz kalkulierten Kampfpreis handelt. Wenn man in Hürth war und die Endmontage gesehen hat, möchte man ihm das sogar abnehmen.

Die Weiche der Vimberg Amea ist komplex und extrem hochwertig aufgebaut.

Bei Tidal, so Janczak, greife der Interessent dann doch lieber gleich zur Standbox. Was er bedauert, denn seiner Meinung nach ließen sich mit einem „top gemachten Monitor rund 90 Prozent aller Fragen in der realen Welt und realen Wohnzimmern beantworten“. Und deshalb bietet er diesen kompakten Super-Monitor an, wenn auch unter der Zweitmarke, die durchaus gut ankommt.

Wo aber – das interessiert den (halben) Produktionstechniker in mir – spart man gegenüber dem perfekten Schallwandler, wenn man die Klangqualität nicht beschneiden will?

Der auf der Rückseite der Box befindliche 220er-Passivradiator ist linear abgestimmt, mittels Gewichtsveränderung aber auch anders einstellbar.



Es ist in der Tat schwierig zu entdecken – und erst recht zu hören. Zunächst einmal kommt, zumindest bei der Basisversion der 21 Kilogramm schweren Amea, Diamant als Membranmaterial nicht in Frage. Stattdessen kommen Keramikchassis zum Einsatz, die selbstredend nicht nur „nicht von schlechten“, sondern von denselben Eltern (Accuton) stammen und (fast) ebenso hervorragend sind. Namentlich sind das ein 30-mm-Cell-Keramik-Hochtöner und ein 170er-Keramik-Tiefmitteltöner.

{{Metallurgie und Lack }} Statt Edelstahlapplikationen wie bei Tidal wird bei Vimberg als zweite, entkoppelnde Schallwand Aluminium verwendet und das Gehäuse der Lautsprecher, ebenso 34 mm dick und im Innern von einem Skelett bis zum Äußersten verstärkt, wird als Standard nicht in Klavierlack, sondern in Velvetec angeboten. Dazu muss man ein klein wenig weiter ausholen, denn auch das neuentwickelte Velvetec, das es so nirgendwo anders gibt und für das eigens eine Maschine angeschafft wurde, hat seinen Ursprung in der Kompromisslosigkeit Janczaks.

Man wollte nahezu Pianolackqualität, aber vielseitiger, „spannender“ und zu einem günstigeren Preis, als das in Handarbeit möglich war. Es handelt sich um einen primär matten, nur minimal reflektierenden Lack mit „farbechten“ Keramikpartikeln, er ist in vielen Farben lieferbar, und die Oberfläche ist relativ unempfindlich.

Dieses Velvetec ist für mich eine Sünde wert, vor allem in Farbvarianten wie ferrari-rot oder auch orange, wie hier abgebildet. Rattenscharf und frech.

Der Passivradiator statt Bassreflextunnel soll 100mal teurer sein – aber er grummelt nicht und verursacht auch keine Anblasgeräusche.

Die Innenverkabelung stammt vom Spezialisten Mogami, die Argento-Terminals sind aus Reinsilber, sämtliche Weichenbauteile wie Kupferbandspulen, Folienkondensatoren und Metallfilmwiderstände kommen von Mundorf und Duelund. Auch eine schnöde Bassreflexöffnung mitsamt ihrem möglichen „Gegrummel und Strömungsgeräuschen“ war nicht gut genug, und deshalb setzte Vimberg auf die im Industrieeinkauf rund 100mal teurere Passivmembran. Ja, der rückseitig angeordnete, stattliche 220er-„Treiber“ ist tatsächlich passiv.

Der Kunde ist und bleibt König. Auch deshalb gibt es gegen entsprechenden Aufpreis natürlich auch Pianolack oder das Diamant-Upgrade. Beides zusammen bringt die Amea D auf bis zu 18.800 Euro – und wieder etwas näher an die Tidal-Schwestern heran.

Um die Fähigkeiten der Amea systematisch ausloten zu können, haben wir sie erstmal im kleinen STEREO-Hörraum angeklemmt und ausgiebig über mehrere Tage eingespielt und dann auch mal im großen Hörraum und an der wohl über jeden möglichen Zweifel erhabenen Accustic Arts-Kombination von der Kette gelassen.

Die zweite Schallwand aus vollem Aluminium trägt die beiden Accuton-Keramiktreiber und sorgt sowohl für Entkopplung als auch Stabilität

Jörn Janczak hat sich selbst übertroffen. Ich durchlebe erneut die Faszination der Mino, nur dass sie sich jetzt sogar auch in kleinerem Ambiente entfalten kann. Der Vortrag ist von einer einzigartigen Klarheit und Homogenität, das Timing und die filigranen Details etwa bei „Walking On The Moon“ vom Yuri Honing Trio überwältigend. Die Einbuße im Tiefgang zur Mino ist eher marginal, geringer als erwartet. Vielmehr klingt die Amea ähnlich superb, schnell, präzise und im musikalischen Sinne empathisch, passt sich dem Fluss der Partitur an.

Das Klangbild insgesamt, wohlgemerkt an erstklassiger Elektronik und Verkabelung, ist wie nicht von dieser Welt, souverän und eher mühelos natürlich als spektakulär. So etwas habe ich von einer Kompaktbox noch nicht gehört. Dabei ist die Amea durchaus nicht zickig oder gar schwierig zu betreiben, aber man hört buchstäblich alles und jede Verbesserung in der Kette wie mit einer – freilich angenehmen – Lupe. Sie nimmt sich zurück und überlässt tatsächlich den Musikern das Feld, das sich hier als dreidimensionale, perfekt ausgeleuchtete und große, sowohl weite als auch tiefe Bühne zeigt. Eine Super-Box!

Der Blick ins Innere legt ein ultrarigides Holzskelett frei, das für eine extreme Ruhe des 34-mm-Gehäuses sorgt.

Testprofil des Vimberg Amea auf stereo.de

*Dieser Artikel wurde Qobuz vom Magazin STEREO zur Verfügung gestellt.