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Tindersticks, die Kunst der Schlichtheit

Von Yan Céh |

Auf "Distractions" mischt die Band von Stuart Staples Eigenkompositionen mit spannenden Coverversionen...

Es handelt sich um das bereits dreizehnte Album der 1991 in Nottingham gegründeten Gruppe, deren Leader, der Sänger und Komponist Stuart A. Staples, sich seit langem in Frankreich niedergelassen hat, in einem kleinen Ort namens La Souterraine im Departement Creuse… Die ihrem Label City Slang und ihrem Stil treugebliebenen Musiker der Band Tindersticks, die keinem Stil zuzurechnen ist und mit Modeerscheinungen nichts zu tun hat, teilten mit, dass „subtile Neuausrichtungen und Verflechtungen einer hektischen und intuitiven Band“ das Besondere an diesem Album sein werden. „Struktur und Atmosphäre des Albums sind vielgestaltig, sodass es zwischen seinen weitreichenden Räumen und seinen durchschimmernden Details lebt, womit immer wieder neuartige Beziehungen zu einem Song hergestellt werden.“ Diese treffenden Worte haben etwas Wahres an sich, wenn man sich dieses aus neuen Stücken und Coverversionen bestehende Distractions anhört, das tatsächlich ein Gewebe aus mehr oder weniger evident erscheinendem Material zutage fördert…

Den Rahmen dieser Platte setzen die elf hypnotisierenden Minuten der düsteren, repetitiv und minimal komponierten Ballade Man Alone (Can’t Stop the Fadin’), in denen Stuart Staples sich um sich selbst zu drehen scheint, sodass man sich fragt, ob dies eine Folge des in unseren Pandemiezeiten streng auferlegten Lockdowns ist. In einem endlosen „can’t stop the fadin’ “ vervielfacht sich die bruchstückhafte Stimme… und wird dann einen Augenblick lang von einem mit Regen einhergehenden Gewitter begleitet (etwa ein Wink in Richtung des Riders on the Storm der Doors?), bevor es von Neuem und umso heftiger losgeht…

Es geht also recht düster zu und mit I Imagine You geht es im gleichen Ton weiter mit einer fast wie bei den Experimenten eines Brian Eno oder Harold Budd herrschenden ‚Ambient‘-Stimmung, bei der Staples wie ein Märchenerzähler redet oder man das Gefühl bekommt, man höre eine Stimme aus einem Film. Im Mittelpunkt dieses Distractions stehen drei Coverversionen aus ganz verschiedenen Welten, die jedoch hier dank der Feinfühligkeit von Staples und seiner Gefolgsleute einen gemeinsamen Nenner finden.

Zuallererst ist da Neil Young mit A Man Needs A Maid, einem der Kultstücke aus Harvest (1972), dann eine etwas düsterere, sich über sieben Minuten hinziehende Neuinterpretation des The Lady With the Braid von Dory Previn (1971), einer Sängerin, die genauso in Vergessenheit geraten ist wie Judee Sill oder Joni Mitchell, und die Staples bereits entdeckt hatte, als er noch Student war… Am Ende gibt es noch eine schöne Coverversion der besonders populären Television Personalities aus dem Jahr 1984, You’ll Have to Scream Louder. Staples gesteht ein, dass er von dieser Gruppe, auf die er als Teenager gestoßen war, richtig besessen ist. Und eben diese Coverversion war der Beginn des Albums: „An einem Samstag wachte ich morgens auf, hatte keine besonderen Pläne, nur diesen verflixten Song von Television Personalities hatte ich im Kopf und er ließ mich nicht los“.

Hört man sich diese drei Coverversionen an, dann ist eines klar: die Tindersticks haben ein seltenes Talent dafür, die Songs der anderen (von Townes Van Zandt bis hin zu Lee Hazlewood) neu zu interpretieren und sie zu verschönern. In einem noch finstereren Song in französischer Sprache, Tue-Moi, den R.Dan McKinna, von Rachmaninow inspiriert, am Klavier komponiert hat, macht Staples sich Gedanken über das Attentat im Pariser Bataclan im Jahre 2015: „Allein schon dadurch, dass ich den Geruch an diesem Ort kenne und das Gefühl, was es heißt, dort auf der Bühne zu stehen, konnte ich sehr gut nachempfinden, was dort passiert war…“, sagt Staples. Letzten Endes ist Distractions vielleicht weitaus mehr als bloße Unterhaltung.

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