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Spannende Begegnung

Geigerin Elina Vähälä und Kontrabassist Niek de Groot vereinen ihre Instrumente bei Audite...

Von Sandra Zoor | Artikel des Tages | 5. Februar 2018
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Jedes Instrument hat eben seine eigene Identität – sei es auf tonaler, technischer oder psychologischer Ebene. Aber wie es auch bei Menschen der Fall ist, verändert sich sein äußeres Erscheinungsbild im Laufe der Zeit; eine Zeitlang ist es Mode, dann ohne erkennbaren Grund verschwindet es. Die Geige, seit ihrem Triumph im späten siebzehnten Jahrhundert, war niemals solchen Schwankungen ausgesetzt – im Gegensatz zum Fundament der Streicher, dem Kontrabass. Im Wien des achtzehnten Jahrhunderts erschien es als Solo- und Kammerinstrument gleichermaßen, sein Klang agil und sinnlich: ein echter Publikumsliebling. Das 19. Jahrhundert entwickelte jedoch Standardkombinationen von Instrumenten für die Kammermusik, die den Kontrabass nicht mehr miteinschloss, sodass er immer exotischer wurde – solistisch gesehen die Rolle des Elefanten, wie z.B. bei Saint-Saëns. Es sollte bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts dauern, bevor Komponisten anfingen, die Qualitäten des Instruments erneut zu erforschen, aber dann war es mit wachsender Begeisterung. Dies führte dazu, dass die Kombination Violine-Kontrabass trotz unbestreitbarer optischer und physischer Unterschiede eine Begegnung auf Augenhöhe war – der Grund, warum zahlreiche prominente zeitgenössische Komponisten sich gerne in das Abenteuer eines Violin-Kontrabass-Duetts einmischen.

An Fragen fehlt es nicht: sollten Kontraste akzentuiert werden oder sollten die beiden Teile vereint werden, um eine Art "Super-Instrument" zu bilden, wie es Erkki-Sven Tüür im Sinn hatte? Sollten die beiden Instrumente Protagonisten in einer "Erzählung" sein, oder treten sie eventuell als Repräsentanten grundlegender Prinzipien der menschlichen Natur – wie beim Yin und Yang des Koreaner Isang Yun? Wie zu erwarten, beschäftigen sich alle sieben Komponisten individuell mit dem Thema. Krzysztof Penderecki – ehemaliger Enfant terrible der polnischen Avantgarde, heute ein internationaler musikalischer Prinz – hat für seine Duo concertante eine klassische Form gewählt. Während sein Werk eine Kommission im traditionellen Sinn ist, ist Together des Koreanischen Komponisten Isang Yun eine Art Geschenk an seinen Verleger und zugleich ein jugendlicher Gruß – als ideale Interpreten hatte sich Yun seine geigenspielende Enkelin und den Sohn von seinem Verleger, ein aufstrebender Kontrabassist, vorgestellt. Es war typisch für Yuns Lebensstil, dass er die beiden musikalischen Partner nicht als Rivalen empfand, sondern dass sie laut dem Titel gleiche Polaritäten einer Gemeinschaft symbolisierten.

In den letzten vier Jahrzehnten hat sich in der nordisch-baltischen Region eine besondere Musikkultur entwickelt, die sich eher auf den amerikanischen "Minimalismus" als an der zentraleuropäischen Avantgarde anlehnt. Dieser Unterschied ist besonders in den beiden Duetten des finnischen Komponisten Jaakko Kuusisto und seines Estnischen Kollegen Erkki-Sven Tüür fühlbar. Sie haben weder eine klassische Konzeption wie die von Penderecki, noch eine philosophische Grundlage wie die Yuns, sondern nehmen das Instrument als Ausgangspunkt - seine technischen Herausforderungen, seinen Klangcharakter, seine Energie, auch sogar lokale Spieltraditionen.

Dass noch ein ganz anderer Zugang zur Musik möglich ist, beweist der in Linz geborene Neurochirurg (!), Komponist und Festivalgründer Alfred Huber. Nach seinem Abschluss am Vorarlberger Landeskonservatorium in Österreich zweifelte Huber an seinem früheren Ansatz, Musik zu schaffen, deswegen auch seine Karriere als Neurochirurg. Ein Beispiel für die kreative Kombination von musikalischer Analyse und Arbeit ist das Duett (Re) actio (2012), mit dem sich Huber auf die beiden Irak-Kriege von 1991 und 2003 bezieht. Der gnadenlosen Haltung in Alfred Hubers Duett ist das zärtlich schwebende Werk des heute 91-jährigen György Kurtág diametral entgegengesetzt – Kurtág, ein Meister der Miniaturen und extrem komprimierten Aussagen. (Re) actio erschien zum ersten Mal in der Kammerkantate von 1968, später auch in Transkriptionen für Klavierduett oder, wie hier, beliebige Streicherkombinationen.

Bisher haben wir noch nicht gesehen, wie Geiger und Kontrabassisten diese Begegnung der dritten Art selbst meistern. Man könnte Elina Vähälä und Niek de Groot direkt fragen, jedoch kommt hier die Geigen-Diva Anne-Sophie Mutter zu Wort, da sie die Duette von Penderecki und Wolfgang Rihm uraufführte. "Ich erinnere mich genau, wie sehr erschrocken ich war von dem Werk Rihms, Dyade für Violine und Kontrabass. Es ist unmöglich, sich zwei verschiedenartigere Instrumente vorzustellen, in Begriffe von Klangcharakter und Tonhöhe. Rihm scherzte immer, dass er es für einen Bären und einen Elf geschrieben hatte. " Bär ist für diese Aufnahme der Kontrabassvirtuose Niek de Groot, während die Rolle der Elfin der finnischen Violinistin Elina Vähälä zukommt.



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