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Walter Trout - Ordinary Madness

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Ordinary Madness

Walter Trout

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Der 69-jährige Walter Trout fängt ganz sachte an. Im Opener und Titelsong "Ordinary Madness" singt er nicht wirklich, viel mehr wispert er uns vertraulich etwas ins Ohr über die alltägliche, gewöhnliche Abnormalität und Verrücktheit des Lebens. Nach den ersten Zeilen beginnt bald die E-Gitarre zu kreischen und will gar nicht mehr aufhören, psychedelisch-proggig wirkt die Einlage, als sie in die Verlängerung einer "normalen" Solo-Länge zieht. Dann fängt er doch noch an, nach fast fünf Minuten: Er kehrt sein Inneres nach außen, "I believe it's right here inside of me." Die Verrücktheit steckt in ihm, meint er, doch vor allem ist es seine Erfahrung überlebt zu haben. Da sah es schon mal knapp aus, bis Crowdfunding ihm eine neue Leber finanzierte, die ihm 2014 erfolgreich transplantiert wurde. Seither wirken seine zuvor schon ekstatischen Alben noch schmerztriefender, aber auch euphorischer. Dankbarkeit, Todesangst, Leiden, Bangen, Freude übers Überleben - hier mischen sich die Emotionen, doch nach dem bereits überdurchschnittlichen Album "Battle Scars" 2015 direkt nach der Operation steigerte Trout seine Leistung auf den folgenden Longplayern weiter. "Ordinary Madness" schließt jetzt den Bogen ab, ein gigantisches Bluesrock-Manifest. Ungestüme Ausbrüche und introspektivere Nummern wechseln geschickt miteinander, neun Spitzensongs, zwei weitere sehr gute, kein Füllsel. Trouts Gesang setzt phasenweise auf zurückhaltendes "weniger ist mehr" und investiert in die Feinheiten des Ausdrucks, statt in den Wettbewerb ums größte Drama, den etliche jüngeren Bluesrocker*innen entfacht haben. "My Foolish Pride" schlägt eine Brücke zu jener Sorte Southern Rock-Country, von der zeitgleich ein neues Album der Allman Betts Band kündet. In diesem Stück haben die Keyboards mehr zu melden als auf den anderen. Alle weiteren Tracks zehren von vertrauten Blues- (und Rock'n'Roll)-Akkord- und Rhythmus-Mustern. In der Umsetzung, seinen Arrangements und der Dramaturgie folgt der Altmeister aus New Jersey nicht der heute verbreiteten Bonamassa-"Schule". Der Southern Rock hat es Trout eben angetan. So scheint in "Heartland" eben gerade kein "Heartland Rock" durch, sondern vor allem Tom Petty. Dazu trägt die in hohe Stimmlage transponierte Tonlage der Lead Vocals bei, Trout klingt am besten in falsettverwandten Höhen. Auch ein Akkordeon macht sich gut in der fetzigen Nummer. Von zart bis hart und wieder zurück zu medium durchläuft sie diverse Spielarten, heavy Riffs und Passagen zum Luftholen halten diesen und die meisten Songs sehr dynamisch. Ein bisschen Stehblues-Atmosphäre passt in "All Out Of Tears" abrundend dazu, lässt auch wieder Raum für ein langes, zeterndes Gitarrensolo. Schwächstes Stück, das aber noch auf überdurchschnittlichem Genre-Level, ist "Final Curtain Call", eine Bestandsaufnahme des Alterns: Überzeugend, aber nicht Neuartiges, sondern eben viel, sehr viel Mundharmonika-Gequietsche, um den gierigen Sensenmann in aller Dramatik zu vertonen. Dazu sehr dicke Gitarrenschichten, die Hammond-Orgel darf sich breit machen, und die Lyrics erzählen von der Endlichkeit. Wie gesagt, überdurchschnittlich, weil Trout sowas kann, aber überhaupt nicht innovativ. Der Platte als solcher tut dieser mittig platzierte Track keinerlei Abbruch. "The Sun Is Going Down" kombiniert ein Acapella-Intro mit dräuendem Metal-Feeling, "Make It Right" reißt als Kickdrum-basierter Stomper mit, modernes Jukebox-Futter, auch wieder mit sehr viel Zeit fürs Solo im C-Teil. Trout geht dann in die Vollen, solange Klimaneutralität (noch) nicht heißt, der Elektrischen den Saft zu rationieren. "You know the fire's still burning hot", findet er in den Text zurück, und da meint er vielleicht seine dänische Ehefrau Marie, mit der er bald 30 Jahre verheiratet ist und die das Album in Robby Kriegers Studios produziert hat. Der Spirit Kriegers (dessen aktuelle Instrumentalplatte übrigens ebenfalls vorzüglich ist) mag manche psychedelische Kurve inspiriert haben: "Up Above My Sky" wirkt wie die Fusion der beiden gegensätzlichen Seiten von The Doors, dem "Cocktail-Jazz", den ihnen ihr Produzent vorwarf, in Trouts Intro aufscheinend, andererseits der erdigen, zutiefst bluesigen, explosiven Seite, wie sie in manchen Riffs z.B. in "Love Me Two Times" aufblitzt, und so entwickelt sich Trouts vorletzter Song ins Wilde. "OK Boomer" durchschneidet dann als Classic-Rock-für-den-Highway-Stuff die Luft: ein kehlig gekläffter Rausschmeißer, der nun so gar nichts mehr mit der Zartheit der Gesänge am Anfang des Albums gemein hat und in dem der Amerikaner sich als Stones-Fan outet. So ist mit "Ordinary Madness" ein vielseitiges, zutiefst nachfühlbares und mitreißendes Album entstanden, das seinesgleichen sucht.
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Ordinary Madness

Walter Trout

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1
Ordinary Madness
00:06:45

Walter Trout, Composer, MainArtist - Eric Corne, Producer

© 2020 Mascot Label Group/Provogue ℗ 2020 Mascot Label Group/Provogue

2
Wanna Dance
00:04:29

Walter Trout, Composer, MainArtist - Eric Corne, Producer

© 2020 Mascot Label Group/Provogue ℗ 2020 Mascot Label Group/Provogue

3
My Foolish Pride
00:05:55

Walter Trout, Composer, MainArtist - Eric Corne, Producer

© 2020 Mascot Label Group/Provogue ℗ 2020 Mascot Label Group/Provogue

4
Heartland
00:04:26

Walter Trout, Composer, MainArtist - Eric Corne, Producer

© 2020 Mascot Label Group/Provogue ℗ 2020 Mascot Label Group/Provogue

5
All Out Of Tears
00:06:31

Walter Trout, Composer, MainArtist - Eric Corne, Producer - Teeny Tucker, Composer - Marie Trout, Composer

© 2020 Mascot Label Group/Provogue ℗ 2020 Mascot Label Group/Provogue

6
Final Curtain Call
00:05:39

Walter Trout, Composer, MainArtist - Eric Corne, Producer

© 2020 Mascot Label Group/Provogue ℗ 2020 Mascot Label Group/Provogue

7
Heaven In Your Eyes
00:04:14

Walter Trout, Composer, MainArtist - Eric Corne, Producer - Marie Trout, Composer

© 2020 Mascot Label Group/Provogue ℗ 2020 Mascot Label Group/Provogue

8
The Sun Is Going Down
00:05:24

Walter Trout, Composer, MainArtist - Eric Corne, Producer

© 2020 Mascot Label Group/Provogue ℗ 2020 Mascot Label Group/Provogue

9
Make It Right
00:04:59

Walter Trout, Composer, MainArtist - Eric Corne, Producer

© 2020 Mascot Label Group/Provogue ℗ 2020 Mascot Label Group/Provogue

10
Up Above My Sky
00:04:39

Walter Trout, Composer, MainArtist - Eric Corne, Producer - Marie Trout, Composer

© 2020 Mascot Label Group/Provogue ℗ 2020 Mascot Label Group/Provogue

11
OK Boomer
00:04:38

Walter Trout, Composer, MainArtist - Eric Corne, Producer - Marie Trout, Composer

© 2020 Mascot Label Group/Provogue ℗ 2020 Mascot Label Group/Provogue

Albumbeschreibung

Der 69-jährige Walter Trout fängt ganz sachte an. Im Opener und Titelsong "Ordinary Madness" singt er nicht wirklich, viel mehr wispert er uns vertraulich etwas ins Ohr über die alltägliche, gewöhnliche Abnormalität und Verrücktheit des Lebens. Nach den ersten Zeilen beginnt bald die E-Gitarre zu kreischen und will gar nicht mehr aufhören, psychedelisch-proggig wirkt die Einlage, als sie in die Verlängerung einer "normalen" Solo-Länge zieht. Dann fängt er doch noch an, nach fast fünf Minuten: Er kehrt sein Inneres nach außen, "I believe it's right here inside of me." Die Verrücktheit steckt in ihm, meint er, doch vor allem ist es seine Erfahrung überlebt zu haben. Da sah es schon mal knapp aus, bis Crowdfunding ihm eine neue Leber finanzierte, die ihm 2014 erfolgreich transplantiert wurde. Seither wirken seine zuvor schon ekstatischen Alben noch schmerztriefender, aber auch euphorischer. Dankbarkeit, Todesangst, Leiden, Bangen, Freude übers Überleben - hier mischen sich die Emotionen, doch nach dem bereits überdurchschnittlichen Album "Battle Scars" 2015 direkt nach der Operation steigerte Trout seine Leistung auf den folgenden Longplayern weiter. "Ordinary Madness" schließt jetzt den Bogen ab, ein gigantisches Bluesrock-Manifest. Ungestüme Ausbrüche und introspektivere Nummern wechseln geschickt miteinander, neun Spitzensongs, zwei weitere sehr gute, kein Füllsel. Trouts Gesang setzt phasenweise auf zurückhaltendes "weniger ist mehr" und investiert in die Feinheiten des Ausdrucks, statt in den Wettbewerb ums größte Drama, den etliche jüngeren Bluesrocker*innen entfacht haben. "My Foolish Pride" schlägt eine Brücke zu jener Sorte Southern Rock-Country, von der zeitgleich ein neues Album der Allman Betts Band kündet. In diesem Stück haben die Keyboards mehr zu melden als auf den anderen. Alle weiteren Tracks zehren von vertrauten Blues- (und Rock'n'Roll)-Akkord- und Rhythmus-Mustern. In der Umsetzung, seinen Arrangements und der Dramaturgie folgt der Altmeister aus New Jersey nicht der heute verbreiteten Bonamassa-"Schule". Der Southern Rock hat es Trout eben angetan. So scheint in "Heartland" eben gerade kein "Heartland Rock" durch, sondern vor allem Tom Petty. Dazu trägt die in hohe Stimmlage transponierte Tonlage der Lead Vocals bei, Trout klingt am besten in falsettverwandten Höhen. Auch ein Akkordeon macht sich gut in der fetzigen Nummer. Von zart bis hart und wieder zurück zu medium durchläuft sie diverse Spielarten, heavy Riffs und Passagen zum Luftholen halten diesen und die meisten Songs sehr dynamisch. Ein bisschen Stehblues-Atmosphäre passt in "All Out Of Tears" abrundend dazu, lässt auch wieder Raum für ein langes, zeterndes Gitarrensolo. Schwächstes Stück, das aber noch auf überdurchschnittlichem Genre-Level, ist "Final Curtain Call", eine Bestandsaufnahme des Alterns: Überzeugend, aber nicht Neuartiges, sondern eben viel, sehr viel Mundharmonika-Gequietsche, um den gierigen Sensenmann in aller Dramatik zu vertonen. Dazu sehr dicke Gitarrenschichten, die Hammond-Orgel darf sich breit machen, und die Lyrics erzählen von der Endlichkeit. Wie gesagt, überdurchschnittlich, weil Trout sowas kann, aber überhaupt nicht innovativ. Der Platte als solcher tut dieser mittig platzierte Track keinerlei Abbruch. "The Sun Is Going Down" kombiniert ein Acapella-Intro mit dräuendem Metal-Feeling, "Make It Right" reißt als Kickdrum-basierter Stomper mit, modernes Jukebox-Futter, auch wieder mit sehr viel Zeit fürs Solo im C-Teil. Trout geht dann in die Vollen, solange Klimaneutralität (noch) nicht heißt, der Elektrischen den Saft zu rationieren. "You know the fire's still burning hot", findet er in den Text zurück, und da meint er vielleicht seine dänische Ehefrau Marie, mit der er bald 30 Jahre verheiratet ist und die das Album in Robby Kriegers Studios produziert hat. Der Spirit Kriegers (dessen aktuelle Instrumentalplatte übrigens ebenfalls vorzüglich ist) mag manche psychedelische Kurve inspiriert haben: "Up Above My Sky" wirkt wie die Fusion der beiden gegensätzlichen Seiten von The Doors, dem "Cocktail-Jazz", den ihnen ihr Produzent vorwarf, in Trouts Intro aufscheinend, andererseits der erdigen, zutiefst bluesigen, explosiven Seite, wie sie in manchen Riffs z.B. in "Love Me Two Times" aufblitzt, und so entwickelt sich Trouts vorletzter Song ins Wilde. "OK Boomer" durchschneidet dann als Classic-Rock-für-den-Highway-Stuff die Luft: ein kehlig gekläffter Rausschmeißer, der nun so gar nichts mehr mit der Zartheit der Gesänge am Anfang des Albums gemein hat und in dem der Amerikaner sich als Stones-Fan outet. So ist mit "Ordinary Madness" ein vielseitiges, zutiefst nachfühlbares und mitreißendes Album entstanden, das seinesgleichen sucht.
© Laut

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