Er ist unerklärlich, manchmal peinlich, herzensgut, jedenfalls einmalig: der deutsche Schlager. Doch woher kommt dieses Genre? Wer hat es geprägt? Und worin liegt seine Anziehungskraft?

Haben Sie schon einmal versucht, jemand nicht-deutschem zu erklären, was ‘Schlager’ ist? Es ist fast unmöglich. Denn Schlager, das ist ein deutscher Mythos, eine Eigenheit, die die deutsche Musik des 20. Jahrhunderts dominiert hat wie kein anderes Genre.

Mancher liebt ihn, anderer hasst ihn, aber alle wippen mit. Romantik, Kitsch, leichte Reime und eine Prise Witz — all das vereint Schlager. Egal ob es nun um große Gefühle oder humorvolle Unterhaltung geht, das Ziel bleibt das gleiche: mitsingen, lachen und das Tanzbein schwingen!

Obwohl es schon seit dem späten Mittelalter scherzhafte Lieder gegeben hat, die im Volk kursierten, wurden Vorgänger des heutigen Schlagers im imposanten und traditionsreichen Wien geboren. Lange bevor die Deutschen zu Er gehört zu mir oder Blau blüht der Enzian schunkelten, etablierte sich im 19. Jahrhundert neben großen Opern auch kleinere, weniger anspruchsvolle Musikaufführungen: die Operetten. Im Gegensatz zur Oper, die in konventionellen Institutionen vom Bildungsstand hochgehalten wurde, zeichnet sich die Operette durch mehr Witz, einer eingängigeren Musik sowie heiteren Themen aus.

Niemand minderes als der Komponist Johann Strauss II und sein Walzer An der schönen blauen Donau, kurz: “der Donauwalzer”, stehen mit der Erfindung der ersten Bezeichnung des “Schlager” in Verbindung. Nach der Uraufführung des Walzers schrieb eine Wiener Zeitung 1867: “Die Eröffnungsnummer der zweiten Abteilung war ein entschiedener Schlager.

Gemeint war damit, dass das Stück beim Publikum einschlug wie ein Blitzschlag, sofort an Beliebtheit gewann und somit zum Kassenschlager wurde. Und die Popularität in der breiten Masse wurde in der Tat eines der Kernmerkmale der Musikrichtung.

Mit Anbruch des 20. Jahrhunderts wurden Operetten dank Erfindungen wie dem Grammophon, der Schallplatte und des Rundfunks von der Bühne ins Zuhause verlegt und konnten dort ganz nach Gusto und so oft wie man wollte genossen werden. In den 50er Jahren schwappten Chansons von Charles Aznavour, Françoise Hardy und Barbara und Swing-Feuerwerke wie Mäckie Boogie (1952) von Bully Buhlan und Ganz Paris träumt von der Liebe (1954) von Caterina Valente in die Bundesrepublik Deutschland hinüber und waren infektiös ansteckend.

Wunder gibt es immer wieder

Nach dem Krieg wendet der Schlager sich ab von dem was war, er schunkelt mit aller Kraft und grinst aus der ZDF-Hitparade mit so leuchtend weißen Zähnen, bis jeder sich verzaubern lässt. Etwas erfahren, nicht verzagen, Freundschaft schließen und das Leben genießen - das ist es, was der Schlager will. Und nicht nur des Schlagers Hörer und Hörerinnen schunkeln und liegen sich in den Armen, sondern auch die Musik selbst. Sie schaukelt hin und her zwischen seichter Unterhaltung und tiefen Gefühlen.

Tony Marshall - Schlagersänger, D - bei einem Auftritt in der ZDF Hitparade
Tony Marshall bei einem Auftritt in der ZDF Hitparade, 1971 © Ingo Barth/ullstein bild via Getty Images

Ein bisschen Spaß muss sein

Dann ist die Welt voll Sonnenschein

So gut wie wir uns heute verstehen

So soll es weitergehen

Ein bisschen Spaß muss sein

Dann kommt das Glück von ganz allein

Drum singen wir tagaus und tagein

Ein bisschen Spaß muss sein

1966 gewinnt Udo Jürgens mit Merci, Chérie als erster Österreicher den Grand Prix Eurovision de la Chanson - der heutige Eurovision Song Contest. Er erlangt seinen internationalen Durchbruch und bleibt mit weiteren Hits wie Griechischer Wein und Ich war noch niemals in New York einer der erfolgreichsten Schlagersänger Deutschlands, der Schweiz und Österreichs.

Spannenderweise hört man in Aber bitte mit Sahne (1976) den direkten Hinweis auf den Ursprung des Schlagers in der österreichischen Operette, wenn das Lied von aufgeweckten Streichern eingeführt und immer wieder ergänzt wird. Nur einen Augenblick später aber übernimmt eine ganze Bühnenband die Kontrolle und Udo Jürgens zeichnet uns amüsant ein Bild von verhängnisvollen Wiener Kaffeekränzchen.

In den Siebzigern können sich Schlager-Fans vor Schlager-Stars kaum retten - es gibt reichlich zu schunkeln und zu feiern. Am lautesten singt man wohl zu Heinos Blau blüht der Enzian, Costa CordalisAnita, Nana Mouskouris Guten Morgen Sonnenschein...

Marianne Rosenberg
Marianne Rosenberg in der ZDF Hitparade, 1980 © Arthur Grimm/United Archives via Getty Images

Schön ist es auf der Welt zu sein

Ganz im Zeichen des Wirtschaftswunders und der Moderne des 20. Jahrhunderts schaut die Bundesrepublik Deutschland begeistert über den Tellerrand und besingt, wenn auch verbunden mit Vorurteilen und Stereotypen, aufgeregt die entdeckte Welt.

Gold Discs
Roberto Blanco und Costa Cordalis erhielten 1973 für ihren Song "Stars For All Of Us" (Teil einer Wohltätigkeitsplatte) die goldene Schallplatte © Keystone/Getty Images

Diese lebensfrohe Verbindung verschiedener Länder lässt auch unterschiedlichste Genres in den Schlager mit einfließen. Nana Mouskouris traditionelle Gitarren erinnern an griechische Volkslieder. Folkig-angehaucht wird es mit Juliane Werding, die sonst eher in den Sphären der Hippie-Kultur unterwegs ist und einen Schlenker in die sentimentale Welt des Genres macht. Große Gefühle in Form von Rock-Pop-Balladen kommen aus der Feder von Peter Maffay, Wolfgang Petry und Matthias Reim.

Flieg mit mir zu den Sternen

“Banal!” Ruft der Kritiker, “spaßbefreit!” Antwortet der Schlagerfan. Was von den einen als oberflächlich abgestempelt wird, trägt für die anderen eine große Portion Menschlichkeit und Ehrlichkeit in sich. Es ist doch nicht so schwer, mit Humor und Herz große Gesten zu zeigen! Denn, und das wissen wir alle: Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben.

Wohin man sich auch umschaut, findet man Liebesgeständnisse. “Ti amo, du sagtest ti amo, das heißt ich lieb’ dich so,” ruft Howard Carpendale. “Je t’aime heißt: ‚Ich liebe dich’,” erklären Die Flippers. Und Matthias Reim sagt gerade heraus, wie es ist: “Verdammt, ich lieb dich!”

Obwohl die Musik entgegen der Entwicklung hin zur amerikanischen und englischen Popmusik steht – denn gewiss sind die Rolling Stones oder Queen keine Schlagerband, obwohl sie einen Kassenschlager nach dem anderen landen – wendet sich das Genre in den 1970er Jahren hin zu Pop-Einflüssen. Die früheren Streicher-Arrangements und Swing-Einflüsse weichen immer öfter dem Synthesizer. Die Flippers zählen zu den Vorreitern dieser neuen Art von Schlager, die den Synthie-Sound zu einem unverzichtbaren Merkmal machen.

Die darauffolgenden Jahre hat es das Genre nicht leicht – denn Rock- und Popmusik hat längst gewonnen und wird in den Neunzigern dann auch noch von Techno überrannt. Die Welt dreht sich immer schneller und für eine Weile scheint es, als wäre der Schlager auf der Strecke geblieben.

'Heimlich!' Schlager music show in Munich
Helene Fischer, 2018 © Felix Hörhager/picture alliance via Getty Images

Aber zur Jahrtausendwende kommt die Musik zurück und ist seither größer denn je. Schlagersängerinnen wie Andrea Berg und Helene Fischer geben der Musik ein neues Gesicht und füllen die größten Konzerthallen im gesamten deutschsprachigen Raum.

Im Winter füllen Hits von DJ Ötzi die Après Ski-Partys und im Sommer strömen die Deutschen auf ihre allerliebste balearische Insel, um mit Jürgen Drews, den selbsternannten König von Mallorca, zu feiern. Ob Swing oder Partyschlager - am Ende bleibt die Freude, einfach mal ein bisschen heile Welt zu erleben. Ein bisschen Spaß muss eben sein!