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Pop - Erschienen am 17. März 1989 | Sire - Warner Records

Das Jahr 1989 beginnt mit Schlagzeilen, die Madonna vermeiden wollte, doch am Ende ging es nicht mehr: In L.A. reicht sie die Scheidung von ihrem ersten Ehemann Sean Penn ein. Vier Jahre lang dauert die Liaison und damit fast so lange wie Madonnas bisherige Karriere. Doch der für alkoholbefeuerte Faustdialoge bekannte Jungdarsteller spielt den Ike Turner einmal zu viel. Von häuslicher Gewalt ist die Rede, Madonna wird nie darüber sprechen. Das Jahr 1989 endet in einem künstlerischen Triumphzug: Ihr viertes Album "Like A Prayer" etabliert die längst erfolgsverwöhnte Sängerin als größten weiblichen Popstar der Welt, das Time Magazine preist sie als eines der zehn Gesichter der Dekade. Schon seit dem Millionenseller "True Blue" von 1986 konkurrierte das Mädchen aus Michigan nicht mehr mit Whitney Houston, Paula Abdul oder Janet Jackson, sondern mit den männlichen Platzhirschen Michael Jackson, Prince und George Michael. 1989 hatte sie alle überholt. Das war in dieser Form nicht abzusehen, denn entgegen der allgemein unstrittigen Anerkennung für die musikalischen Ausnahmetalente Jacko und Prince, sah man in Madonna eher eine modebewusste Tänzerin mit dünnem Stimmchen, ein künstliches Pop-Idealbild, als "Material Girl"-Blondchen in Leggins, Netzstrümpfen und Spitzentops wie für die Reagan-Jahre gecastet und von der MTV-Maschinerie perfekt im Markt platziert. Und während Mick Jagger ihre Songs Mitte der 80er Jahre als "nichtssagend" verurteilte, traf Madonnas selbstbewusste Do-what-I-like-Attitüde und ihr Spiel mit Geschlechterhierarchien bei vielen jungen Frauen einen Nerv: Ihr berühmter "Boy Toy"-Glitzergürtel war erst der Anfang einer langen Historie an Provokationen. Stichwort "Like A Prayer"-Video: Madonna, die den Mord einer Frau beobachtet, den ein Weißer beging, an dessen Statt aber ein Schwarzer verurteilt wird. Madonna, wie sie leicht bekleidet einen schwarzen Heiligen küsst. Madonna mit Wundmalen an den Händen, tanzend vor brennenden Kreuzen und als Sahnehäubchen ein Liebesspiel auf der Kirchenbank: Zu viel für das republikanische Bush-Amerika. Religiöse Organisationen und Kirchenverbände liefen Amok. Doch MTV verweigerte die Absetzung des Instant-Clip-Hits. So war der einzige Verlierer des Spiels der Pepsi-Konzern, der den Song wenige Tage zuvor stolz in einem eigens gedrehten Werbeclip als exklusive Weltpremiere in 40 Länder ausstrahlte, bevor man - viel zu spät - das provokante Potenzial der Klientin in vollem Ausmaß erfuhr. Der Pepsi-Clip wurde aus Angst vor Verwechslungsgefahr mit dem skandalträchtigen Original-Video zurückgezogen, Madonna durfte ihre fünf Millionen Gage behalten. Im Rückblick ist der ganze Medienhype (Single-Charteinstieg in über 30 Ländern, 3 Wochen Platz eins in UK und USA) beinahe vergessen, "Like A Prayer" selbst hat dagegen nichts von seiner Faszination verloren. Die brutale Einprägsamkeit der Strophen speist allein der Minimalismus aus Madonnas Stimme und der Kichenorgel, während der Refrain von ihrer neu entdeckten Vorliebe fürs Bandfeeling lebt. Der exzellent eingewebte Gospel-Teil samt Chorfinale darf sogar als erster zaghafter Verweis in Madonnas spirituelle Zukunft gelten. Den neuen Sound führt "Express Yourself" nahtlos fort. Der Entschluss, die Songs live mit Band einzuspielen äußert sich hier in mitreißendem 70er Funk à la Sly And The Family Stone und Madonnas wohl berühmtester Aufforderung auf weibliche Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Im Intro gibt sie sich vor dem Gesangseinsatz gar als Cheerleaderin eines neuen Pop-Feminismus: "Come on girls / do you believe in love / cause I got something to say about it / and it goes something like this." Es folgen klare Ansagen, zumal von einem Ex-Material Girl: "You don't need diamond rings or 18 karat gold (...) You deserve the best in life / so if the time isn't right then move on / second best is never enough / you'll do much better baby on your own!" Das kann man kaum besser formulieren, weshalb es Lady Gaga auch verziehen sei, dass ihr Song "Born This Way" die Madonna-Vorlage fast originalgetreu für die iPod-Generation remixte. Die Aufnahmen standen unter dem Einfluss des sich anbahnenden Beziehungsendes zu Penn, was Madonna veranlasste, erstmals persönliche Erfahrungen im Songwriting zu verarbeiten. In den begleitenden Interviews zum Album verbat es sich Madonna zwar, über die Themen Liebe, Ehe und Sean Penn zu sprechen, um den Adressaten des Songs "Till Death Do Us Part" zu erraten, genügten jedoch rudimentäre Kenntnisse der englischen Sprache: "Our luck is running out of time / You're not in love with me anymore / I wish that it would change, but it won't, if you don't." Musikalisch eine Upbeat-Popnummer, deren elektronischer Grundsound die alten Zeiten wachrief, badet der Refrain in Melancholie. Dass sich die restlichen Albumsongs deutlich vom Vorgänger "True Blue" unterscheiden, verwundert auch angesichts Madonnas erneuter Zusammenarbeit mit den alten Songwritern und Produzenten Patrick Leonard und Stephen Bray. Gerade mit Leonard, dem Mirwais ihrer frühen Jahre, gelang Hochklassiges: So tauchen dessen Beatles-Vorlieben im Mittelteil des verspielten Psychedelic-Wiegenlieds "Dear Jessie" auf, als der Song analog zu "A Day In The Life" mit einem abrupten Streicher-Break ausgebremst wird und Baby-Geräuschsamples ertönen, später gesellt sich ein akzentuiertes Trompetensolo à la "Penny Lane" hinzu. Mit zwei verletzlichen, melodramatischen Piano-Balladen wagt sich Madonna an die Aufarbeitung ihrer Zeit als Teenagerin, die mit fünf Jahren ihre Mutter verliert und später die Zuneigung des Vaters aufgrund dessen neuer Frau. Beide, "Oh Father" und "Promise To Try", zeigen bis dato ungeahnte kompositorische Tiefen und fungieren als Blaupausen für ihr späteres Balladenalbum "Something To Remember". Besonders bei den Balladen fällt Madonnas gereifte Stimme ins Gewicht, die einzelne Töne allmählich sogar bis zum Ende auszuhalten vermag. Oder wie es Leonard sinngemäß formulierte: "Frauen wie Tina Turner oder Whitney Houston hatten die klar bessere Stimmanlage, aber niemand arbeitete härter im Studio als Madonna." Das Großaufgebot an berührenden Melodien verdeckt beinahe Superstar Prince, der auf dem Album ja auch noch einen Gastauftritt hat. Der vorgebliche "Love Song" müsste korrekterweise "This Is Not A Love Song" heißen, aber da waren PIL wohl schneller. Der aseptische Funk klingt jedoch eher wie von einem Prince-Album entnommen und gerät schnell in Vergessenheit. "Cherish", eine von insgesamt sechs (!) Singles, verpackt den Sound von 60s-Girlgroups in ein modern swingendes Pop-Arrangement, "Keep It Together" funkt als "Express Yourself"-Sequel mit Prince an der Gitarre leger dem Ende entgegen, bevor "Pray For Spanish Eyes" den Spanien-Bezug früherer Songs wie "La Isla Bonita" und "Who's That Girl" fortführt - abermals nicht ohne penetranten Einsatz von Kastagnetten. Die Gipsy Kings lassen grüßen. Dabei hätte sie es belassen sollen, das mit Prince aufgenommene "Act Of Contrition" dient nurmehr als Studio-Gag: Rückwärts laufende "Like A Prayer"-Chöre, quietschende Gitarrenfeedbacks und Madonna als Poetry Slam-Debütantin. Nach "Like A Prayer" und der anschließenden "Blonde Ambition"-Tournee mit 'spitzen' Gaultier-Outfits gab es zu Madonna nur noch zwei Meinungen. Jene von Pet Shop Boy Chris Lowe: "Mit den Refrains hat Madonna es einfach drauf". Oder die von Joni Mitchell: "Sie ist ein Produkt. Sie wurde berühmt, weil sie die richtigen Leute engagierte." Und während Madonna Songwriting-Angebote von Bono und Frank Sinatra ablehnte, wuchsen immer neue Schülerinnen wie Gwen Stefani oder Christina Aguilera nach. Ob Balladen-, Elektro- oder R'n'B-Alben, ob Marilyn Monroe-, Jean Harlow- oder Marlene Dietrich-Look, ob Kabbala-Lehre, Waisenkind-Adoptionen oder die Eröffnung von Fitnessstudio-Ketten: Die einzige Konstante in Madonnas Karriere blieb die Veränderung. Und sie brachte noch einige Highlights zu Tage. © Laut
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