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Igor Levit - On DSCH: "360 Grad, die schiere Totalität"

Von Lena Germann |

Mit "On DSCH" veröffentlicht Igor Levit eine Hommage an Dmitri Schostakowitsch und Ronald Stevenson...

Igor Levit kennt keine halben Sachen - entweder ganz oder gar nicht. 2019 hat er bereits bei Sony Classical Beethovens sämtliche 32 Klaviersonaten aufgenommen, 2020 spielt im Konzert er das längste Werke der Musikgeschichte, Eric Saties Vexations (Quälereien), in 18 Stunden am Stück, dazu die täglichen Hauskonzerte während des ersten Lockdowns. Nun folgt ein neues musikalisches Extrem: On DSCH - ein Bekenntnis zum 20. Jahrhundert, seinen eigenen russischen Wurzeln und zwei Komponisten, die viel mehr waren als nur Musiker. Wie Levit selbst eben auch.

Das Album gliedert sich in zwei Teile: Es enthält neben Schostakowitsch’ kompletten 24 Präludien und Fugen Op. 87 Ronald Stevensons gleichnamige Hommage Passacaglia on DSCH an den russischen Meister. Levit erkennt diese Verbindung und spannt den Bogen zwischen den beiden Künstlern des Kalten Krieges, in einem mehrstündigen, tatendurstigen Projekt. Oder wie sein Freund und Musikwissenschaftler Anselm Cybinski sagen würde: “360 Grad, die schiere Totalität.”

Als Schostakowitsch im Jahre 1950 in Leipzig, zu Bachs 200. Todestag, dessen Wohltemperiertes Klavier hörte, fasste er kurz darauf selbst den Entschluss, ein modernes Pendant zu komponieren. Im Gegensatz zu Bach sind seine 24 Präludien und Fugen nicht chromatisch, sondern im Quintenzirkel angeordnet. Und während die Stücke sich weniger auf komplizierte satztechnische und formale Besonderheiten konzentrieren, stehen hier die motivische Vielseitigkeit sowie der innere Ausdruck im Vordergrund - zu einer Zeit, in der der Komponist im System des Stalinismus gefangen war.

Zehn Jahre später und zum Höhepunkt des Kalten Krieges komponiert der aus Schottland stammende Stevensons die Passacaglia on DSCH und setzt somit ein politisches Zeichen. Der Bezug zu Schostakowitsch wird hier durch die Verwendung seines klingenden Monogramms D-S-C-H besonders deutlich, - Schostakowitsch hatte selbst die vier Töne seiner Anfangsbuchstaben schon seit mehreren Jahren in seine Werke integriert - indem er die Leitmotivik des russischen Komponisten in einer neuen, erweiterten Form aufgreift. Stevensons Variationen dieses Motivs bauen aufeinander auf, schichten sich übereinander und erzwingen eine Art Perpetuum mobile.

Dieses musikalische, sich immer weiter drehende Rad, kann wohl als Levits Aushängeschild angesehen werden. Mit einer unglaublichen Ausdauer, anhaltenden Energie sowie enormen dynamischen und klanglichen Flexibilität gibt er jedem dieser einzelnen Werke seine eigene Bedeutung. Sei es Schostakowitsch’ mächtige und mystische Passacaglia des gis-Moll-Präludiums Nr. 12 oder die weitaus provokative, fast tänzerische des-Dur-Fuge Nr. 15, in der sich fast eine heile Welt um Schostakowitsch erahnen mag. Levit schafft es, diese beiden Extreme nicht nur auf musikalische, sonder auch intellektuelle Weise zu vereinen. Ein letzter Höhepunkt ist sicherlich das vorletzte Stück des Albums, Stevensons ‘Dies Irae’ auf der Triple Fugue over ground-bass. Ein Werk, das den Opfern des Holocaust gewidmet ist und ein Anliegen, welches sich Levit auch selbst als Lebensaufgabe auferlegt hat.

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