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Interview — Lisa Batiashvili: “Musik ist meine Sprache nach außen”

Von Lena Germann |

Violinistin, Botschafterin, Europäerin — Lisa Batiashvili drückt durch ihre Geige weit mehr als Melodien aus. Anlässlich ihres im Sommer erschienenen Albums “Secret Love Letters” spricht sie mit uns über ihre enge Freundschaft zu Dirigent Yannick Nézet-Séguin, wie wichtig Nachwuchsförderung ist und die enge Verbindung von Musik und Politik.

Wie politisch kann und sollte Musik sein? Für die einen sind das zwei unabhängige Sachen, für die anderen zwei Dinge, die kaum voneinander zu trennen sind. Zu letzteren gehört Lisa Batiashvili. Die in Georgien geborene, deutsche Geigerin hat seit Jahren - und aufgrund ihrer Herkunft - ein besonderes Verständnis und Anliegen für politisches Engagement und möchte mit ihrer Musik ein Zeichen setzen: “Wir haben in sehr vielen Fällen verstanden, dass Kunst und Kultur sehr wohl eng mit der Politik zusammenhängen. Und auch wenn man kein aktiver Politiker ist, sind wir Künstler:innen ein Spiegel und Sprachrohr der Gesellschaft.

Neben ihrer Arbeit als Weltklasse-Violinisten ist sie musikalische Botschafterin und fördert mit ihrer Stiftung, der Lisa Batiashvili Foundation, angehende Musiker:innen aus Georgien. Eines dieser Nachwuchstalente präsentiert sie uns auf ihrem neuesten Album Secret Love Letters und gibt uns zu diesem Anlass tiefe Einblicke in den Entstehungsprozess, in die enge Freundschaft zu Dirigent Yannick Nézet-Séguin und ihr politisches Engagement, das besonders seit dem Krieg gegen die Ukraine einen wichtigen Stellenwert einnimmt.

Herzlichen Glückwunsch zu deinem letzten Album “Secret Love Letters”, das letzten August rausgekommen ist - ein wunderschönes Projekt, wo du drei musikalische Meisterwerke mit Literatur in Verbindung setzt. Kannst du uns erzählen, wie die Idee für dieses romantische Album zustande gekommen ist?

Das erste Hauptwerk war Szymanowskis Violinenkonzert Nr. 1, das ich etwa vor vier Jahren zum ersten Mal gespielt habe, also eigentlich recht spät. In dieser Musik habe ich für mich wirklich eine neue Art von Emotionen entdeckt, die sehr viel mit Leidenschaft, unerfüllter Liebe, Eroberung und Fantasie zu tun hat. All diese komplexen Sachen sind mit diesem Gefühl der Liebe verbunden und dieses Werk - obwohl es für die Geige ein recht kurzes Werk ist - hat unglaublich viele Farben, Facetten und Emotionsexplosionen, gleichzeitig gepaart mit Feinheiten. Als Solistin schwebt man über dem Orchester und während der riesige Orchesterklang vorhanden ist, hat die Geige trotzdem die Möglichkeit, darüber zu schwingen und die Musik zu verzaubern. Der Hintergrund des Werkes ist ja auch bekannt, dass Szymanowski in dieser Zeit durch die Musik seine Homosexualität, über die er erst viel später gesprochen hat, ausdrückt und tatsächlich vieles innerhalb der Musik verarbeitet hat.

Klanglich liegt dieses Werk sehr nahe an der französischen Musik des Impressionismus und französischer Literatur, die ebenfalls oft von Liebe berichtet und diese emotionale, facettenreiche Seite beschreibt. Daher kam die Idee, Poème von Ernest Chausson aufzunehmen, das ursprünglich eigentlich auch ein Violinkonzert sein sollte. Chausson hat das Werk dem russischen Dichter Ivan Tourgueniev gewidmet. Außerdem ist dieses Genre logischerweise auch sehr poetisch und liegt nahe an Literatur und Gedichten, die ebenfalls die Musik beeinflusst und inspiriert haben. Und durch diesen Spirit und die Art und Weise, wie ideen- und facettenreich man über diese sehr starken und intimen Gefühle in der Musik sprechen und durch die Musik ausdrücken kann, sind die zwei Werke stark miteinander verbunden.

Schließlich kamen wir auf die César Franck-Sonate, denn natürlich ist es so, dass wenn man Orchesterstücke mit einem Klavier-Violinen-Klang verbinden möchte, dieser neben dem großen symphonischen Klang nicht verloren gehen soll. Man muss ein starkes Werk auswählen, welches diesen Klangreichtum vorweisen kann und Francks Violinsonate ist eine der populärsten Sonaten überhaupt und auch ich finde sie ausgesprochen leidenschaftlich und ein Zeugnis der Liebe. Es ist immer schön, Kammermusik und Orchesterwerke auf einem Album zusammenzubringen, denn dadurch hat man die Möglichkeit, die Geige in ihren verschiedenen Facetten zu präsentieren.

© Peter Adamik

Sowohl dein letztes Album “City Lights” als auch “Secret Love Letters” sind beides von dir erstellte Konzeptalben. Hattest du diese Ideen schon länger und möchtest du das in der Zukunft noch weiter ausbauen?

Ja, immer mehr, also ich habe natürlich auch ein paar Aufnahmen, wo einfach nur große Violinkonzerte von Tschaikowsky, Prokofjew usw. interpretiert werden. Es kommt immer darauf an, mit wem man arbeitet. Mit Daniel Barenboim zum Beispiel ist klar: Das ist kein Konzeptalbum. Aber ich bin generell gegen zu viel Theorie im Leben, auch was die Musik betrifft, und ich finde es toll, wenn man mit einem Album eine (persönliche) Geschichte erzählt, auch um zu rechtfertigen, wieder ein großes Violinkonzert aufzunehmen, und nicht nur zu sagen: “Ok, ich spiele das jetzt anders als der Rest”. Besonders bei kürzeren Werken ist ein roter Faden, der beim Zuhören entsteht und die Werke miteinander in Verbindung setzt, interessant und wichtig. Das kann konzeptuell sein oder auch einfach in musikalischer Hinsicht, aber nur so ist es heutzutage interessant, nach so vielen Jahren der Aufnahme-Historie wieder neue Alben einzuspielen.

Für mich war es auch die Möglichkeit, mit der César Franck-Sonate einen neuen Stern der klassischen Musik zu präsentieren: Giorgi Gigashvili. Ein Pianist, der mir als georgische Künstlerin natürlich sehr am Herzen liegt und der als einer der ersten Künstler von meiner Stiftung unterstützt wird. Unabhängig davon finde ich, dass dieser Musiker besonders ist und eine andere Art des Musizieren hat, die sehr in die Zukunft gerichtet ist. Die neue Generation von jungen Musiker:innen, die um die 20 Jahre alt sind, präsentieren uns, wie klassische Musik sich entwickeln wird. Jede Generation bringt etwas Neues, aber man macht sich ja immer ein bisschen Sorgen, dass klassische Musik durch die Digitalisierung oder Vermarktung, etc. in Gefahr ist. Das ist auch berechtigt, aber es gibt auch etwas sehr Positives, denn die aufstrebenden Künstler:innen sind um einiges vielseitiger. Ihr Talent liegt nicht nur im klassischen Repertoire, sondern sie sind in mehreren Sachen gleichzeitig begabt, wie zum Beispiel, dass sie sehr jung schon dirigieren, mehrere Instrumente spielen, singen oder auch Jazz und Klassik praktizieren. Das ist bei den Künstler:innen, mit denen ich zu tun habe, sehr ausgeprägt. Und mir liegt es sehr am Herzen, diesen Leuten schon frühzeitig eine Plattform zu geben.

Klassische Musik nimmt in den jüngeren Generationen einen immer geringeren Stellenwert ein. Hast du - neben deiner Stiftung - Ideen, wie man dem entgegenwirken kann?

Das war auch schon in meiner Kindheit eine Herausforderung, viel hat sich da leider nicht getan. Ich denke vielleicht, dass eben diese vielseitige junge Generation an Musiker:innen die Menschen wieder in den Konzertsaal bringen wird. Wir müssen auch daran arbeiten, dass die Art und Weise, wie wir Konzerte präsentieren und veranstalten, kreativer und moderner wird. Und nicht immer nur, wie vor 80 Jahren, auf die Bühne kommen, stimmen, spielen. Wenn man es mit anderen Veranstaltungen, wie zum Beispiel Jazz- und Popkonzerten vergleicht, dann sieht man, was - außer der tollen Musik - noch wichtig für das Publikum ist: Man muss Spannung aufbauen, vielleicht etwas Visuelles kreieren und ich hoffe, dass die neue Generation sich da mehr traut und es schafft, dass sich das Publikum noch mehr mit der Musik verbunden fühlt.

Auf deinem neuen Album ist neben Giorgi Gigashvili auch Dirigent Yannick Nezet-Seguin beteiligt, mit dem du seit Jahren eine enge Zusammenarbeit und Freundschaft pflegst. Wie hat diese begonnen?

Das ist eine ganz eigene Geschichte, denn mit manchen Musiker:innen ist man einfach sehr verbunden und wächst nach vielen Jahren sozusagen zusammen. Wir haben uns vor 15 Jahren kennengelernt, aber es fühlt sich nach viel mehr an, weil wir seitdem sehr intensiv zusammengearbeitet haben. Diese gemeinsame Zeit auf der Bühne ist wirklich ein Glücksmoment und ich kann ganz offen sagen, dass man mit manchen Menschen so erfüllt ist und versteht, warum man überhaupt Musik macht. Denn dieser Austausch des musikalischen Momentum ist mit nichts anderem zu vergleichen. Die Seelenverwandschaft, die ich mit Yannik gefunden habe, ist für mich ganz besonders wertvoll. Ich schätze ihn unglaublich als Musiker - er wird von der ganzen Welt geschätzt - und ich glaube, dass diese Bruder-Schwesterlichkeit auf der Bühne auch abseits davon besteht. Man ist zusammen auf Tour, erlebt über die Jahre viele Dinge, findet sich wieder und wird sozusagen gemeinsam alt.

Das erste Mal haben wir zusammen 2008 mit dem Deutschen Sinfonieorchester Berlin gespielt. Wir waren auch schon zwei oder drei Mal zusammen auf Tour und dieses Album - Secret Love Letters - war tatsächlich unsere erste gemeinsame Aufnahme und für mich auch die erste Einspielung mit einem amerikanischen Orchester überhaupt. Das war nicht unkompliziert, besonders wenn man von einem europäischen Label kommt, denn man ist nicht sehr frei und es gibt viele Zeitbegrenzungen, die man einhalten muss. Aber es war eine wundervolle Erfahrung und ich habe auch das Gefühl, dass Yannick Dinge in der Musik versteht, die nicht jeder auf diese Weise so sehen würde. Wenn ich weiß, dass wir bestimmte Sachen sehr ähnlich empfinden, entsteht für mich ein Gefühl des Vertrauens und für diese Aufnahme war das sehr schön und wichtig.
Lisa Batiashvili mit Yannick Nézet-Séguin zusammen im Konzert in der Philharmonie de Paris, September 2022. © Todd Rosenberg

Du hast vorhin bereits deine Stiftung, die Lisa Batiashvili Foundation, erwähnt, die letztes Jahr gegründet wurde. Kannst du uns mehr darüber erzählen?

Ich hatte die Möglichkeit, ein paar neue und junge Talente in einem Konzert auf einem Festival in Georgien zu präsentieren und hatte sogar einige von ihnen selbst noch nicht live gesehen, sondern nur von ihnen gehört. Und als sie gespielt haben, war für mich ganz klar, dass ich das in der nächsten Zeit - inmitten von Covid, wo ich sowieso etwas mehr Freizeit hatte - weiterführen möchte. Ich wollte schon immer junge georgische Künstler:innen unterstützen. In dieser Branche, wo nicht nur so viel Konkurrenz, sondern auch so viele Möglichkeiten und Schwierigkeiten bestehen, weiß ich, wie wichtig es ist, dass man in der richtigen Zeit die richtige Unterstützung erhält und man versteht, wie bestimmte Dinge ganz am Anfang der Karriere funktionieren. Dass man jemanden hat, der immer wieder ein bisschen helfen kann. Wir haben bis jetzt fünf Stipendiaten und obwohl wir finanziell noch klein aufgestellt sind und erstmal von einem kleinen Kreis gefördert werden, haben wir in diesen eineinhalb Jahren bereits sehr viel erreichen können. Vier von den fünf Stipendiaten studieren bereits in Europa, wir haben mehrere Instrumente besorgen können, Meisterklassen finanziert oder sind mit großen Musiker:innen und Agenturen in Kontakt getreten.

Parallel entstand ein weiteres Projekt, was nicht geplant war, aber seit dem Krieg gegen die Ukraine haben wir noch eine zweite Schiene eröffnet, in dem wir, auf ziemlich komplizierte Weise, ukrainische Musiker:innen, die noch in der Ukraine sind, mit verschiedenen Fundraising-Programmen oder Konzerten unterstützen. Wir haben schon ziemlich große Beträge sammeln können und inzwischen über 150 Musiker:innen erreicht, aber im Vergleich zu dieser Katastrophe ist es natürlich nur ein Tropfen Wasser. Man fühlt sich so hilflos und nutzlos in dieser Situation, aber im Moment hilft es mir, dass ich wenigstens einen kleinen Beitrag für die Menschen leisten kann, die jetzt einfach alles verloren haben.

Dein politisches Engagement ist jedoch nicht erst vor ein paar Monaten entstanden, sondern besteht schon seit langer Zeit. Du hast beispielsweise schon früher in berühmten Zugaben das “Requiem for Ukraine” gespielt. Woher kommt diese Motivation?

Hauptsächlich natürlich durch meine Herkunft und vielleicht besonders seit dem fünftägigen Krieg 2008, wo auch ein Teil Georgiens wieder von Russland okkupiert worden ist und die Welt eigentlich so gut wie gar nicht reagiert hat. Der Krieg war so kurz, dass die Ausmaße nicht wie jetzt in der Ukraine waren, aber natürlich haben wir wieder einen wichtigen Teil verloren und diese Spannungen und Provokationen gehen immer weiter. Wenn du als wachsamer Mensch - und du brauchst wirklich kein großer Kenner der Politik sein - versuchst zu verstehen, was da wirklich alles passiert, und was von einer Großmacht alles getan wurde und wird, um die wirtschaftliche und kulturelle Freiheit sowie eine Entwicklung für eine bessere Zukunft für die nächste Generation zu vermeiden und zu verhindern, dann hast du natürlich als internationale Künstlerin das Gefühl, du musst etwas dagegen tun und versuchen, der Welt ein bisschen die Augen zu öffnen.
© Peter Adamik

Für mich ist das, was heute passiert, eine Konsequenz der letzten 10 bis 20 Jahre, in denen einfach viel zu viel übersehen worden ist. Meistens natürlich in der Politik, aber auch generell in der Gesellschaft. Ich komme aus einem ganz kleinen Land, das von heute auf morgen verschwinden könnte. Und andererseits ist es ein Land, das jahrhundertelang überlebt hat. In diesem Volk gibt es eine gewisse Kraft, die ich selbst nicht mal verstehen kann, einen Willen, ihre Identität mit einer eigenen Sprache, Religion und Schrift zu behalten, obwohl es so viele Kriege gab. Ich sehe Musik als meine Sprache nach außen und meinen Weg, mit den Menschen zu kommunizieren, aber auch aufgrund meiner Position, da ich Wurzeln an einem Ort habe, in dem diese Erfahrungen gemacht worden sind. Und ich denke, je mehr Informationen die Menschen bekommen, desto adäquater reagiert die Gesellschaft auf diese Probleme.

Wir haben in sehr vielen Fällen verstanden, dass Kunst und Kultur sehr wohl eng mit der Politik zusammenhängen. Und auch wenn man kein aktiver Politiker ist, sind wir ein Spiegel und Sprachrohr der Gesellschaft und aktueller Situationen. Wir sollten nicht davon weglaufen, sondern uns darüber bewusst sein und diese Möglichkeit schätzen, über die Musik zu den Menschen zu sprechen.


Das Interview wurde geführt von Lena Germann, 18. Oktober 2022.


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