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Rock - Erschienen am 1. Januar 1996 | DGC

Die Nacht legt sich über die schneebedeckte Dorfsiedlung im japanischen Hochland. Doch statt einer Flöten-Pentatonik ertönt ein Feedback-Fiepen, ein schepperndes Becken zählt vor und dann stolpert der wohl krakeligste aller Weezer-Songs herrlich stümperhaft los. An das Unisono aus Gitarre, stumpf-exaltiertem Keyboard und rohem Gesang schließt sich in "Tired Of Sex" ein ulkiges Solo an, das kurioserweise von Scorpions-Gitarrist Matthias Jabs abgekupfert ist. Die Vorgeschichte zu diesem Prolog ist schnell erzählt. Aus dem Nichts heraus katapultieren "Buddy Holly" und das selbstbetitelte blaue Album Weezer 1994 mit straightem Garage-Sound und poppigen College-Hooks an die Schwelle zum Rock-Olymp. Der Charme und der gelungene Spagat zwischen Eingängigkeit und Eigenständigkeit machen den Erstling zu einem überraschend runden Ganzen. Der sensible Rivers Cuomo, kreative Schaltzentrale des Vierers aus L.A., denkt aber daraufhin nicht an einen Schnellschuss, um im Fahrwasser des Debüts zu schwimmen. Im Gegenteil: Das Rockstar-Leben kommt ihm wie Zeitverschwendung vor. Er fühlt sich nach der ersten großen Tour ausgelaugt und unterfordert zugleich und strebt nach einem erfüllenderen Lebensstil. Voller Erwartungen schreibt er sich daher an der renommierten Harvard-Uni ein, um nicht weiter Abend für Abend "die selben zehn Songs zu spielen". In dem seiner Bewerbung beiliegenden Motivations-Schreiben erklärt er, wie sehr ihn die Oberflächlichkeit seines Band-Alltags betäubt. Bevor er seinen Studienaufenthalt in Cambridge antritt, beginnen die ersten Sessions für "Pinkerton" im Electric Lady Studio. Zunächst noch unter dem Arbeitstitel "Songs From The Black Hole". Erste Skizzen hat Cuomo schon zur Weihnachtszeit 1994 im heimischen Connecticut auf einem Achtspur-Gerät festgehalten. Der Mastermind hat Großes vor und entwirft am Reißbrett eine ganze Oper samt Coda und rezitativer Struktur. Zu dieser Zeit hegt er großes Interesse für Klassik und fühlt sich Komponisten wie Giacomo Puccini verbunden. Komplexere musikalische Schemata abseits der üblichen Parameter der Populärmusik reizen den Schöpfergeist in dieser Trotzphase mehr denn je. Den Intellektuellen begeistert besonders "Madame Butterfly" von 1904, in der auch ein gewisser Marineleutnant namens Benjamin Franklin Pinkerton zu den Protagonisten zählt. Laut dem Sänger verkörpert der Charakter aus David Belascos Literaturvorlage den Lifestyle eines waschechten Rockstars, wenn er mit seinem Schiff exotische Orte ansteuert, dort die flüchtige Liebe erfährt und schließlich wieder zu neuen Ufern aufbricht. Cuomo wirft den Plan eines Albums in drei Akten letztlich über den Haufen, verweist aber in Artwork und Inhalt auf das in Nagasaki spielende Drama. So ziert die Hülle ein an das Original-Setting angelehnter Holzschnitt: 'Night Snow At Kanbara' des japanischen Künstlers Utagawa Hiroshige. Neben weiteren Anspielungen in Songtiteln, wie etwa im untröstlichen Balladen-Finale "Butterfly" stellt sicherlich der Tenor Pinkerton, der für den Album-Namen Pate steht, die zentrale Referenz dar. Denn im Amerikaner auf See spiegelt sich Cuomos Person mehr als deutlich wider. Die kurzlebigen Liebschaften des B.F. entsprechen den One-Night-Stands mit Groupies, die bei Rivers allerdings eher zu sexueller Frustration führen. So gerät "Pinkerton" anstelle des pompösen Rock-Epos fast zur Antithese des klassischen Genre-Images. Der erwähnte Opener "Tired Of Sex" konterkariert direkt das abgewatschte Sujet von 'Sex Drugs And Rock'n'Roll' und zeugt von einer tief liegenden Gleichgültigkeit gegenüber dem Stereotypen des Gitarren-Heroen mit Schlüpferstürmer-Qualitäten. Allein das Amalgam aus atypischem Solo-Gewichse im Mittelteil überzeichnet possenhaft die besagte Schablone. Die Platte erzählt vom Lebens-Taumel eines Emos mit fast pubertärem Phlegma. Nicht selten erinnert das Narrativ flapsiger Beschreibungen kleiner zwischenmenschlicher Sentimentalitäten an Holden Caulfield aus J.D. Salingers Entwicklungsroman "Der Fänger im Roggen". Der Nerd mit der Hornbrille laboriert in der Entstehungsphase des Zweitlings an den Folgen einer OP, die seinen Geburtsfehler zweier ungleich langer Beine korrigieren soll und ihn über mehrere Monate lähmt. Mit ein Grund für die wachsende Isolation des Musikers, dessen Gesellschaft in Harvard in erster Linie aus Büchern besteht. Seine Band-Kollegen Matt Sharp, Patrick Wilson und Brian Bell widmen sich derweil ihren Neben-Projekten. Der Aufprall nach dem wohl größtmöglichen Sprung aus dem Lotterleben in die höchste Etage scheint hart und bietet keinen Ausweg aus der Sinnkrise. So lässt Cuomo die Einsamkeit in Songs und Texte einfließen, die, in der Ich-Perspektive verfasst, das Innenleben des Muster-Studenten ungefiltert preisgeben. Berührend beklemmende Bekenntnisse wie "my girl's a liar but I'll stand beside her, she's all I've got and I don't want to be alone" in "No Other One" machen aus dem lyrischen Ich in unmissverständlicher Art eine Identifikationsfigur aller introvertierten Außenseiter. Die stets gniedelige Gitarre teilt sich in mehrere Spuren und durchläuft spielerisch Powerchord-Folgen, gibt sich dann wieder ganz scheu an die Vokale geklammert und steckt im aufopferungsvollen Refrain auf die Silben "No, There Is No Other One" das Herzblut des Interpreten in jeden Anschlag. Als Fremdelnder im regen Campus-Gewimmel, traut sich der Protagonist nicht, seinen Schwarm anzusprechen und schreibt die Hemmungen im illustren "El Scorcho" nieder. Einem Paradebeispiel für die musikalische Hemmungslosigkeit, in die sich fast eine Art Phantom-Fröhlichkeit mischt, wenn Bell und Sharp grölend wie ein Matrosenchor mit zig Promille im Blut Cuomos Liebes-Geständnis mal im Kanon und mal mit krude eingeworfenen Falsett-Japsern begleiten. Die Begründung, warum es sich bei der Herzdame um die richtige handelt, ist auch schnell abgehandelt: "I asked you to go to the Green Day concert. You said you'd never heard of them - how cool is that". Weit weniger Überwindung kostet es den damals 25-Jährigen, einem weiblichen japanischen Fan mit "Across The Sea" auf ihren Liebesbrief zu antworten :"I've got your letter, you've got my song". Auf die begrenzten Englischkenntnisse der Verfasserin lässt die liebevoll gemeinte erste Zeile "you are 18 year old girl, who live in small city in Japan" schließen, die ihren Wortlaut aufgreift. Der Song könnte gut und gerne als Pamphlet für die platonische Liebe eines scheuen Anti-Rockstars durchgehen ("I could never touch you, I think it would be wrong") und zeugt zugleich von der seelischen Verfassung des im Chorus nach Hilfe schreienden: "I need help and you're way across the sea". Die Unerreichbare kann natürlich auch als moderne Version der Geisha Cio-Cio-San interpretiert werden, der bei Puccini Pinkertons Herz gehört. Auch hier trennt das Meer die beiden Liebenden voneinander. Punkig in Pixies-Manier und mit gedimmter Gitarre aber umso fetterem Bass und Schlagzeug-Sound versehen, mündet "Across The Sea" schließlich in eine Bridge, die von breitbeiniger Solo-Ekstase in kindliches Wimmern kippt. Eine der vielen ergreifenden Seiten dieser Scheibe zeigt sich in der Direktheit, mit der jede dieser Episoden den Hörer trotz all der konstruierten Intertextualität anstößt: Diese mitunter an Dilettantismus grenzende Unbedarftheit, mit der die Herren kreuz und quer durcheinander plärren, kreischen, mal synkopisch versetzt, mal albern dazwischen buhlend. Auf einen Spielverderber in Person eines Produzenten verzichteten Weezer daher auch bewusst. Ebenso auf den Klick im Ohr von Drummer Patrick Wilson. Nichts sollte die Live-Atmosphäre und die Unvermitteltheit stören, wenn sich die drei (ausgenommen Wilson) vor einem Raum-Mikrofon im One-Take-Modus die Seele aus dem Leib singen. Diesem Ideal des Unperfekten verdanken sich die genialen Ritardandi, die unfassbaren Fill-Ins, die den Lo-Fi-Riffs so viel Spontaneität und Virtuosität verleihen. "The Good Life", das die Sehnsucht nach einem wilderen Dasein schildert, bricht aus der Form, indem das Tempo gegen den Strich munter entschleunigt und gerafft wird. Insgesamt koppeln sich, wo man hinhört C- und-D-Teile aus, in denen sich kleine Raffinessen wie Miniaturen verkappter Doppel-Soli verstecken. So wie in "Pink Triangle". Darin hat unser Liebesritter die Eine endlich ausfindig gemacht, leider fühlt sich diese aber eher zum anderen Geschlecht hingezogen: "I'm done she's a lesbian, I thought I had found the one". Auf die Ouvertüre mit Xylophon und den ungeniert vorgetragenen Vers: "When I´m stable long enough, I start to look around for love" senkt sich der Song irgendwann in eine von Slide-Gitarre angeschobene Passage, die schließlich in einem schmerzlich schönen Gitarren-Dialog ausfasert, den man sich am liebsten einrahmen möchte. Das Gerüst all dessen schuf Rivers auf seiner Akustischen im stillen Kämmerlein. Erst im Januar 1996 wurde das Rohmaterial in den Semesterferien in Van Nuys neu arrangiert und eingespielt. Herausgekommen ist dabei eine Produktion, die vor Mut strotzt und dabei paradoxerweise die Geschichte eines Mutlosen vertont. Die wiederholten letzten zwei Worte des tragischen Abgangs "Butterfly" lauten: "I'm sorry". Davor erzählt Cuomo in einem Flashback, wie er in Mamas Einweckglas einen Schmetterling fängt und ihn am nächsten Morgen leblos darin auffindet. Nur von den zarten Pulsschlägen der Percussions unterlegt, gerät der Album-Abspann mit Cuomos unnachahmlich trübseligem Gesang zu den tapfersten drei Minuten in Weezers Band-Historie. Der letzte Seufzer, der die melancholische Magie dieser Platte in einer unschuldigen Melodie bündelt. Die Rezeption des Albums bei Anhängerschaft und Schöpfer könnte unterschiedlicher kaum ausfallen. Während Fans einen Kult um "Pinkerton" erschaffen und die knappen 35 Minuten als die hellste halbe Sternstunde der Amerikaner ansehen, betont der Urheber, wie peinlich ihm das Ganze sei. Als das Schmerzhafteste in seinem Leben beschreibt er 2001 besagten Kult um den Langspieler. Denn es sei "einfach nur ein krankes Album, krank im Sinne von ungesund. Es ist eine solche Quelle von Angst, weil alle Fans, die wir gerade haben, uns nur deswegen folgen. Und ganz ehrlich, ich will diese Songs nie wieder spielen und nie wieder hören". Ein genialer Ausrutscher, die Schönheit des Makels, das schwarze Schaf unter all den Bunten ("Green Album", "Red Album")? Es entwickelt sich in der Folge eine Eigendynamik, in der "Pinkerton" sich wie ein pickeliger Teenager gegen die fürsorgliche Liebe sträubt. Fast so tragisch wie "Madame Butterfly" erzählt diese Fabel vom Scheitern, auch wenn Rivers viele Jahre später seine damaligen Aussagen ein Stück weit relativiert. Seinerzeit empfand er es als "unfassbar großen Fehler, der vor den Augen hunderttausender Menschen passierte. Als wäre man auf einer Party total besoffen gewesen und hätte der Menge sein Herz ausgeschüttet und das als total erlösend empfunden und am nächsten Morgen aufgewacht und hätte festgestellt, dass man sich total blamiert hat". Genau diese Entblößung macht das Werk zum wahren Husarenstück einer bestandenen Mutprobe und einem zeitlosen Zeugnis für intuitiven und gleichsam intelligenten Garagerock. © Laut
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Rock - Erschienen am 1. Januar 2008 | Geffen