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Joan Armatrading

Fans im Rock- wie auch im Soul-Lager zu sammeln, war anfangs kaum beabsichtigt von Joan Armatrading. Wenn sie als Jugendliche Liederskizzen am Klavier komponierte, prägte eher Folk die 1950 geborene Britin. Später assoziiert man mit ihr zwar die Akustikgitarre, bei ihren Eltern zuhause steht aber erst mal der Flügel. "Das Klavier war nur als Möbelstück platziert", urteilt Armatrading bei France24 über das mangelnde Kunstverständnis ihrer Mama Beryl. "Am Piano klingt in meinen Ohren selbst ein disharmonischer Akkord schön", beschreibt Joan ihre ersten Kompositonsansätze. Die von den kolonisierten 'British Leeward Islands' (Antigua, Barbuda, Saint Christopher & Nevis, Virgin Islands, etc.) eingewanderte Familie schlägt sich im Nachkriegsengland in Birmingham mit der kleinen Joan und ihren beiden älteren Brüdern gerade so durch. Drei jüngere Geschwister wachsen so, wie Joan selbst, lange fernab bei der Oma in Antigua auf. In der Wohngegend in Birmingham, die Joan mal als Slum beschrieb, wird sie eingeschult. Dort wird an allem geknappst, bis eine echte Schnäppchengitarre für drei Pfund ins Haus kommt. "Ohne diese Gitarre, wer weiß was passiert wäre?" fragt sich Joan im Interview mit ITV News. Dabei gab es zuhause eine. Außerhalb von Kinderreichweite. "Mein Vater hat seine Gitarre vor mir versteckt", erzählt Armatrading im Interview mit laut.de. "Ich konnte sie also nicht spielen, nicht einmal anfassen — und genau deswegen wollte ich Gitarre spielen. Irgendwann habe ich in einem Pfandleihhaus eine Gitarre gesehen und mein Mutter angebettelt, sie mir zu kaufen. Das war meine erste Gitarre." Schon bald sorgt die rustikale Sechssaitige für Ärger. Joan ist 15, als sie in die Arbeitswelt einsteigt. Als Datentypistin verdingt sie sich mit einfachen Abschreibearbeiten und Eingaben in eine Rechenmaschine. In den Sechziger Jahren quasi 'state of the art', bevor digitale Taschenrechner aufkamen. "Heute in diesem Technologie-Zeitalter macht mich das schnell, weil ich damals gelernt habe, zügig zu tippen. Das hab ich heute vielen voraus", reflektiert sie 2018 im Gespräch mit dem Daily Telegraph. Die junge Schulabgängerin ahnt keine Gefahr, als sie in Arbeitspausen ihre Gitarre auspackt und spielt. Doch das wird nicht gerne gesehen, und als sie auf dieser Art der Pausengestaltung besteht, wird sie gefeuert. Gitarrenunterricht nimmt sie nie, und versucht jeden Moment zum autodidaktischen Üben zu nutzen. Der nächste Job ergibt sich, als das Musical "Hair" durch England tourt. Sie ergattert eine eigene Rolle, macht die Erfahrung, dass man mit Musik durchaus einige Zeit ein bisschen was verdienen kann, auch wenn sie nicht recht daran glaubt. Sie knüpft Kontakte. Einer hilft besonders: zur gut zwei Jahre älteren Pamela Nestor. Joan und Pam hoffen darauf, als erfolgreiches Songwriter-Duo vom damaligen Zeitgeist zu profitieren und häufen eine Menge eigenes, gemeinsam komponiertes Material auf: über 100 Songs in vier Jahren. So etwas wie die englischen Carole King und Gerry Goffin zu werden - das scheint ihr Ziel, als Hitlieferantinnen für andere. Die Songs sind wohl in der Tat so gut, dass Manfred Mann's Earth Band kurze Zeit später einen davon covert, "Visionary Mountains". 80 Prozent des Materials erscheint aber überhaupt nie. Kollegin und Freundin Pam hatte zwar den Kontakt zu einem Verlagshaus hergestellt, das die Songs gut fand und nach einer Plattenfirma suchte.  Die Probleme beginnen, als eine gefunden ist: Pamela und Joan schlingern und stolpern fortan durch ein fremdbestimmtes Netzwerk rund um den Labelinhaber Angus Dungeon in der Rolle des Produzenten und Mike Stone, US-Plattenpromoter, in der Rolle des selbst ernannten Managers. Mike und 'Gus' drängen Pam zur Seite. Sie möchten die erste Platte als Joan Armatrading-Release rausbringen. Von den Songs der beiden wollen die Leute beim Firmenknäuel Cube Records - Tuesday Productions nichts wissen, sondern Joan alleine etliches covern lassen. Letztlich landen doch elf Stücke aus der Kollabo Pam/Joan auf dem Album "Whatever's For Us", ohne Pamela einmal zu erwähnen. Ein Foto von der Mietwohnung der Alleinerziehenden nimmt man trotzdem für die LP-Hülle. Cube Records retuschiert dann ganz dreist Pams Gesicht aus dem Cover-Foto. Ihr Name taucht nirgends auf. Sie dreht durch und zerstreitet sich voller Misstrauen mit Joan, die sich wiederum mit Verleger und Plattenlabel überwirft. Da auch Joan selbst nicht ohne weiteres aus dem Vertrag aussteigen kann und Cube ein starker Player im Folk-Pop-Geschäft damals ist, dauert es eine ganze Weile, bis von den über hundert fertigen Songs noch eine kleine nächste Portion erscheint. Zwei Überarbeitungen ehemaliger Gemeinschaftslieder nimmt die nun alleine dastehende Joan mit zur nächsten Firma, A&M.  Dort produziert man zwischen 1975 und '92 ein Dutzend schöner Alben mit ihr. Jedes hat seinen eigenen, deutlich anderen Charakter als die jeweils anderen. Alles stilistische Unikate. Beim ersten Album bestechen afrikanische und lateinamerikanische Percussion-Patterns und -Instrumente sowie die indische Tabla in ungehörter Kombi mit Moog-Synthesizer. Manche Kritiker reagieren begeistert. Auch John Peel, der sie vom ersten Ton an gefördert hatte und halbjährlich in seine Sendung einlud, hält an ihr fest und fördert die 'erste britische dunkelhäutige weibliche Singer/Songwriterin', als die sie eine Zeitlang gilt. Den Käufern schmeckt der Sound ihres zweiten Tonträgers nicht, und von "Back To The Night" distanziert sich auch Armatrading selbst. Öffentlich nennt sie die Platte später Müll und Zeitverschwendung. Für ihre Karriere ist sie dennoch wichtig. Vor Veröffentlichung gibt es auch hier wieder harte Verhandlungen über die Gestaltung des Plattencovers. Eine Meinungsverschiedenheit mit ihrem Produzenten führt zur Erkenntnis, dass es doch eine Option wäre, auf Dauer alleine zu singen. Denn Armatrading hat nun mal auch keinen anderen Beruf oder Job, als sie bereits 24 ist. Aus dem "Müll" soll sich später in Deutschland "Cool Blue Stole My Heart" zu einem recht berühmten Song Armatradings entwickeln. Denn das Publikum des WDR-Rockpalasts nimmt ihn erstaunlich gut an. Vor allem dafür, dass es ein Jazzrock-Tune in ziemlich schiefer Tonlage ist und sich in den Strophen wenig an Melodie ereignet. Dennoch geht das synkopisch vertrackte Lied mit seinem durchdringenden Bass, mit seinem Cowboy-Ritt-Rhythmus und filigraner, weicher Percussion als einer der ewigen und unsterblichen Live-Songs der 70er in die Geschichte ein, wenngleich er freilich erst durch den "Rockpalast" und durchs "Steppin' Out"-Livealbum im Konzertkontext an Popularität gewinnt. Klavier-Solo, dezenter Moog-Einsatz und Falsett-hohe Background Vocals geben dem Lied Schliff. Hier und immer wieder werden Stücke Armatradings durch so extensive wie intensive Tourneen zu informellen Hits, auf die sich das Fan-Publikum einigen kann. Das Rezept hinter diesen Tunes verrät Joan im Gespräch mit Livingnorth: "Es ist gar nicht so einfach, eine Emotion in vier, fünf, sechs Minuten zu verpacken. (...) Es mag sich jetzt strange anhören, aber ... Du musst das Publikum an den Punkt führen, wo es spürt: Da muss man weinen." Das zweite Studioalbum bei A&M, also das insgesamt dritte, wartet mit mindestens drei solcher Publikumslieblinge auf, dem langen "Tall In The Saddle", "Down To Zero" und dem Chart-Hit "Love And Affection". "Tall In The Saddle" ist ein verhaltener, bluesiger Titel, der still beginnt und sich geschickt im Laufe der sechs Studio- und oft noch mehr Live-Minuten steigert. Hier merkt man Armatrading den karibischen Background ihrer Eltern an; zumindest spielt sie rhythmisch absolut keinen europäischen Standard. Die hüpfenden Keyboard-Betonungen werden sich im Laufe von Joans Schaffen noch oft als Markenzeichen und einziger roter Faden herausstellen, so etwa bei "Willow" von der vierten LP "Show Some Emotion". Damit enttäuscht sie jedoch etliche wohlwollende Musikjournalisten in England, die den mitunter simplen Liebes-Stories textlich wenig abgewinnen. "Liebe ist alles", verteidigt die Künstlerin später bei ITV ihren Fokus. Bis zu diesem Zeitpunkt Ende 1977 ist Armatrading noch ein regionaler Act in Irland und dem UK. Dabei klingt "Show Some Emotion" eher wie in Chicago oder Atlanta entstanden, ein Soul-Album höchster Güteklasse. Bemerkenswert ist u.a. Georgie Fames durchgängiger Einsatz an den Fender Rhodes; das E-Piano aus dem Hause Rhodes erlebt zu dieser Zeit - unter anderen dank Steely Dan - seine Blüte, Joan trifft einen Nerv. Das Folgealbum steigt mit dem Bild 'Barfuß und schwanger' ein. Der Song wird als feministische Hymne (miss)verstanden. Doch "Mit "Barefoot And Pregnant" wollte ich gar keine feministischen Standpunkte vertreten", erläutert Joan im Interview mit DLF Kultur, wie das Lied über einen Kontrollfreak und seine unglückliche Partnerin entstand. "Ich hab den Song einfach geschrieben, weil ich (...) von jemandem gehört hatte (...), der genau das seiner Frau angetan hatte. Sie hat alles bekommen, was sie wollte: Ein Auto, Schmuck und so weiter, aber sie durfte keine Freunde haben, kein Sozialleben ohne ihn. Sie hatte also eigentlich gar kein richtiges Leben – sie war einfach immer nur schwanger! (...) So was passiert; die Menschen ändern sich nur langsam. Und letztendlich beherrschen immer noch Männer die Welt, obwohl Frauen ja eigentlich mindestens ebenso stark und fähig sind, in jeglicher Hinsicht. Aber die Männer haben eben dieses überbordende Selbstbewusstsein." Armatrading selbst gibt über ihre Erlebnisse und Partnerschaften wenig preis. Für Kinder engagiert sie sich öffentlich. Aufgrund ihrer eigenen Biographie, ist sie Mitglied von Camfed, einem NGO-Programm, das Mädchen in spärlichen Verhältnissen und im Südosten Afrikas den Zugang zu Bildungschancen finanziert. Bekannt ist noch, dass Armatrading ein Faible für Zeitgeschichte hat, dem sie in einem Fernstudium nachgibt. "Ich bin studierte Historikerin. Das habe ich vor allem deshalb gemacht, weil ich frühzeitig die Schule abgebrochen habe und immer einen Abschluss haben wollte", sagt sie dem WDR. Sonst verrät Joan ihre Karriere hindurch zwar wenig über ihr Leben, zeigt sich beim fünften Longplayer aber immerhin erstmals komplett und ohne sich im Fotoschatten zu verstecken, auf der Coverabbildung. Besondere Merkmale der Scheibe "To The Limit" sind der Einsatz von Querflöte und einer Art zweitem Blasinstrument (mit Klarinetten-Mundstück), dem Lyricon. Der Track "Bottom To The Top" referiert wiederum auf die Karibik und fügt einen dezent poppigen Calypso-Reggae ins Album ein, der stilistisch ins Horn der zeitgleich aufkommenden britischen Band Steel Pulse bläst. "Is It Tomorrow Yet?" übt sich in Funkrock und betont das neue Jahrzehnt: Immer fett die Basstrommel in den Vordergrund ziehen. Während "Me Myself I" dagegen sowohl an den Anfang Armatradings im Folk erinnert, als auch die Brücke zum zeitgeistigen Poser-Disco-Rock schlägt. Der Song "Ma Me O Beach" passt mit seinen Rock'n'Roll-Anleihen gut zu den Dire Straits jener Phase. Mark Knopfler wird Joan acht Jahre später auf zweien ihrer Songs beehren, Alan Clark von den Dire Straits auf einigen weiteren. Fürs Album "Walk Under Ladders" beauftragt die eklektische Künstlerin sowohl Thomas Dolby, zu dieser Zeit als Synth- und Keyboard-Experte schwer angesagt, als auch Robbie Shakespeare und Sly Dunbar aus Jamaika, deren Schlagzeug- und Bassspiel für dubbige Mysteriösität steht. "I Can't Lie To Myself" wird eine schnieke Kreuzung aus Psychedelic Rock und New Wave-Dub. Armatrading traut sich was, ihre Alben - und das gilt auch für alle folgenden - tappen nie in die Falle der Vorhersehbarkeit. Bei Aufnahmen zu "The Key" (1983) läuft Joan in einem Studioflur der Band Queen über den Weg und singt Background auf deren "It's A Kind Of Magic". Klein ist die Welt. Dem "The Key"-Album hört man auch vom ersten Schlag an den Einfluss des New Wave an. Folgerichtig trommelt Stewart Copeland auf einem Track. Der Hit der Platte und Joans größter überhaupt wird "Drop The Pilot". Die Nachfolge-LP "Secrets Secrets" überzeugt trotz Engagement Joe Jacksons als Kompagnon an den Tasten nicht so recht. Ab der sich anschließenden LP "Sleight Of Hand" spielt die Britin bei uns lange keine große Rolle mehr, dafür reißt der nunmehr smash-rockige Ansatz endlich das US-Publikum mit. "Aber ich denke, meine Platten liefen über all die Jahre ziemlich gut, ich kann mich nicht beklagen (...) und es sind immer genug Leute zu meinen Konzerten gekommen", resümiert Joan, die sich als "jemand-der-das-Glas-halbvoll-sieht" einschätzt, als sie 2007 mit dem WDR spricht. Die zwischenzeitlichen Stationen im Schnelldurchlauf: Zusammenarbeit mit Manu Katché, Gospel, Jazz, Mandoline spielen, Plattenfirma wechseln, Streicherorchester, lange Pause, mit Nelson Mandela in London tanzen, wieder Plattenfirma wechseln, Konzertmitschnitt von ihrer 2003er-Tour, lange Pause, dann eine Blues-CD. Längst hat sie sich eine riesige Gitarrensammlung zugelegt. Sonderanfertigungen von Tom Anderson-Modellen, Fender Stratocasters und E-Gitarren von Gibson zählen dazu. Mit "Into The Blues" kehrt Armatrading 2007 in die erste Reihe zurück, wird für ausufernde Tourneen gebucht, teils im Schlepptau von Cyndi Lauper, und findet auch im deutschsprachigen Raum ein treues und dankbares Publikum. Das ihr in ihren Gitarrenrock auf "This Charming Life" folgt, ebenso in ihre Jazz-Ausflüge auf "Starlight". Diese drei Alben beim Label Hypertension stellen eine Trilogie dar, um sich mal jeweils puristisch in drei Lieblings-Genres zu zeigen. Die Tourneen werden zum Stress, Armatrading kann die Nachfrage nicht mehr bedienen und kündigt an, kürzer zu treten. Viele verstehen das als Abschied von der Bühne und kaufen Tickets für die vermeintlich letzte Tour. Dem englischen Publikum will sie dann aber für einzelne Gigs erhalten bleiben. Zumal sie wieder mit neuem Material übersprudelt. BMG wird zur neuen Label-Heimat der Rock-Seniorin. 2018 und 2021 erscheinen mit "Not Too Far Away" und "Consequences" Spätwerke, die viel Lob einheimsen. Wenige Künstler*innen weltweit, von Paul Simon abgesehen, bewegten sich je so sicher durch so viele unterschiedlichen Rhythmusmuster und Instrumentierungen. Joan Armatradings niedliche Art, auf der Bühne so aufzutreten, als unterhalte sie ein Pfadfinderlager abends am Feuer, wird unvergessen bleiben. Das Ergebnis ist eine pralle Diskographie an ausgesprochen zeitlosen und detailverliebten Aufnahmen, die ihresgleichen suchen.
© Laut
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