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Get Well Soon - Glühender Optimismus

Von Lena Germann |

Mit ‘Amen’ wird Get Well Soon alias Konstantin Gropper seinem Bandnamen wohl zum ersten Mal gerecht. Wie der Sänger, Komponist und Produzent zu dieser neuen, optimistischen Erkenntnis kommt und was das alles mit chinesischen Glückskeksen zu tun hat, erzählt er uns in einem exklusiven Interview…

Wer hätte es gedacht, Konstantin Gropper alias Get Well Soon ist Optimist. Nach seinem schwarzmalerischen Album The Horror (2018) präsentiert er uns nun die geballte Ladung Hoffnung sowie positive Gefühle, von denen er selbst teilweise immer noch ganz überrascht zu sein scheint. Woher kommt also dieser Stimmungswandel? Wir wollten es ganz genau wissen und durften den Sänger, Komponisten und Produzenten über Videokamera aus seinem berühmt-berüchtigten Künstlerkeller treffen. Nun also mal Karten auf den Tisch, lieber Konstantin, ist dieser neue Optimismus wirklich erst durch die Pandemie entstanden, oder war er vielleicht doch schon die ganze Zeit da, nur eben unentdeckt oder vielleicht auch ungewollt…

“Ich glaube wahrscheinlich war der Optimismus schon immer irgendwie da und ich habe nur durch meine persönliche Sozialisation sowie durch Kunst, Filme und Musik, die ich mochte, immer gedacht, es müsste alles düster sein, weil Optimismus ja schon mal per se uncool und unseriös ist und in der Kunst nichts zu suchen hat. Und einerseits waren ja alle irgendwie auch dazu gezwungen, optimistisch zu sein, weil was willst du anderes machen in einer Pandemie als darauf zu hoffen und hinzuarbeiten, dass es irgendwann vorbei ist. Und andererseits habe ich dann festgestellt, dass ich das besser kann als andere.”

Da haben wir es also! Ein Pandemie-Album, welches sich seiner Verantwortung bewusst ist. Und auch wenn wir nicht leugnen können, dass eben diese melancholisch-mystische Aura den ein oder anderen Künstler so interessant macht oder Weltuntergangsthemen extrem tiefgründig und philosophisch sein können - The Horror ist das beste Beispiel dafür - Zeiten ändern sich und Menschen auch: “Und das liegt natürlich schon auch ein bisschen an diese selbstreferentiellen Aspekten, dass eben das letzte Album wirklich der Horror war und was soll ich sagen… das hat sich dann so ein bisschen unzeitgemäß auf einmal angefühlt. Das Album wollte so einen gewissen Zustand beschreiben und danach ging das alles erst los. Und es ist nicht so, das ich jetzt diesem Album grundlegend widersprechen will mit dem neuen Album, aber so ein bisschen das Bild wieder geraderücken, dass ich diese jammermäßige Musik einfach jetzt für den Moment nicht mehr wollte und ja auch einfach ganz ehrlich das Gefühl habe, das will jetzt auch keiner hören.”

© Clemens Fantur

Da können wir nur zustimmen, und wenn wir mal ganz ehrlich zu uns sind, so sind wir doch am Ende des Tages froh, uns nicht im Selbstmitleid und miesepetrigen Launen baden zu müssen. Was die künstlerische Arbeit angeht, so geht Gropper sogar noch einen Schritt weiter: “Ich glaube, ohne dieses Bewusstsein einer Möglichkeit, dass es sich auch irgendwie zumindest nicht zum Schlechteren entwickelt, macht kreative Tätigkeit überhaupt ja keinen Sinn, dann müsste man - ganz nach Schopenhauer - zum Eremiten werden.”

Ein bisschen Eremit steckt aber vielleicht doch in Konstantin Gropper, jedenfalls was den künstlerischen Arbeitsprozess seiner Alben angeht. Nicht nur wie bei seinem Debütalbum Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon von 2008, welches er fast komplett alleine produziert und zu Hause eingespielt hatte, sondern wie fast bei jeder seiner Platten, finden die Get Well Soon-Projekte im Allgemeinen alleine und isoliert im eigenen Keller statt. Ganz unabhängig davon, ob gerade draußen ein Lockdown stattfindet oder nicht. Doch wie genau läuft denn dann dieser Prozess eigentlich ab? “Das große Thema des Albums ist schon länger klar wenn ich anfange, aber die wirklich Arbeit beginnt bei Null. Weil ich auch, gerade bei Alben, nichts davon halte, zwei Sachen gleichzeitig zu machen und mir sowieso nie ständig Notizen mache, sondern versuche, wirklich in einem gewissen Zeitraum alles anzufangen und zu beenden und möglichst nichts anderes zu tun. Ich bin da aber auch so ein bisschen entkoppelt und meine Familie sagt, wenn ich an einem Album schreibe, dann kann man mit mir nichts anfangen.”

Zum Leid Groppers Familie, zum Vorteil seiner Fans! Innerhalb von weniger als drei Monaten - im Frühjahr 2021 - bastelt, schraubt und sägt Gropper also komplett autonom an Amen herum, bevor das (fast) vollständige Album überhaupt irgendjemandem das erste Mal präsentiert wird. Die Überwindung ist groß und außenstehende Meinungen werden dementsprechend mit Vorsicht behandelt, denn: “Ich glaube ich bin sehr beratungsresistent, was den Austausch mit anderen angeht, aber das hat auch damit zu tun, dass ich zu dem Zeitpunkt, an dem ich das Album zeige, eigentlich auch schon fertig bin. Also ich komme ja mit so einem Ding aus dem Keller, da ist ja schon eigentlich alles da. Natürlich ist da schon noch ein kreativer Spielraum und dass sich dann auch andere noch einbringen und Ideen haben, die das Ganze besser machen. Doch letztendlich ist das nicht Teil der Planung von so einem Album, dass ich das irgendwann Leuten zeige und dann eine Feedbackrunde mache und noch mal in den Keller zurückgehe. Das ist für mich einfach so, das Ding ist meins und ich habe mal gesagt: Wenn ich den Karren an die Wand fahre, dann will ich auch am Steuer sitzen.”

© Clemens Fantur

Doch keinen Grund zur Sorge, von einem Unfall sind wir jedenfalls weit entfernt… Die Fahrt, die Konstantin Gropper hier auf sich nimmt, funktioniert - wie hätten wir es auch anders erwartet - verdammt gut. Und auch wenn der Arbeitsprozess weitgehend alleine im heimischen Keller stattfindet, so holt sich Gropper doch allerlei musikalische und lyrische Inspiration dazu. Wer großer Anhänger seiner melancholischen Balladen à la Leonard Cohen oder dem Sound der Italowestern, kombiniert mit Tango und Folklore-Einflüssen, ist, der wird auf Amen vielleicht etwas enttäuscht werden. Dafür erleben wir eine Klangpalette an Krautrock-Rhythmen, Synth-Pop, Hi-NRG und 80s-Klängen vom Allerfeinsten: “Der Hintergrund, warum das Album so vielseitig ist, im Gegensatz zu den anderen Alben davor, ist, dass ich ja irgendwie diese emotionale Idee hatte, welche Musik ich jetzt hören wollen würde, wenn es um Optimismus geht und habe dann eben wirkliche eine Playlist erstellt. Das ist eben auch sehr unterschiedliche Musik und ich würde sagen, dass ich jetzt sowieso ein bisschen Disco für mich entdeckt habe.”

Elton John, Pet Shop Boys, Whitney Houston und Britney Spears - eine Happy Place-Playlist vom Allerfeinsten, die Gropper durch seinen Keller tanzen lässt und die er auch für Qobuz zusammengestellt hat: Get Well Soon hört...
Und neben seinen musikalischen Einflüssen wäre Get Well Soon nicht das, was es wäre, ohne die sehr durchdachten, lyrischen und philosophischen Texte, die sich bei Amen vor allem um eines drehen: Hoffnung, das Streben nach Glück, Fragen des Individualismus sowie der Selbstfindung. “Die Recherchearbeit ist auf jeden Fall der größte Teil an so einem Album. Und die Texte sind zwar sehr lyrisch, aber tatsächlich auch voller Zitate. Zusammengeklaut könnte man sagen. Aber es ist schon so, dass wenn ich mich mit so groß hochtrabenden Themen beschäftige, dann will ich auch wissen, worüber ich rede und dann gibt es immer viel schlauere Menschen, die dazu schon mal was gesagt haben und bei denen man sich dann Inspiration holen kann.”

© Clemens Fantur

Von Schopenhauers Eremiten zur Utopie bei Ernst Bloch - Konstantin Gropper lässt nichts aus und wandert auf philosophischen Pfaden, gepaart mit Coaching-Büchern, die uns am Ende zu Glückskeksen führen. Der Schlusstrack des Albums Accept Cookies ist eine Hommage an die Weisheit der chinesischen Nachspeise: “Das war auch klar, dass dies der letzte Song sein muss, weil der so eine gewisse Unvoreingenommenheit hat und eben gerade nicht dreimal um die Ecke denkt, sondern einfach Glückskekse akzeptiert in ihrer Einfachheit. Es geht genau darum zu sagen, okay, nimm diese Dinger und akzeptiere sie halt mal kurz ohne jetzt gleich schon wieder in die Bibliothek zu gehen.”

Nach den tiefen Emotionen auf Love sowie den Schauergeschichten von The Horror - wird denn jetzt das neue Album dem Bandnamen Get Well Soon auch nach Gropper endlich mal gerecht? “Absolut! Als eigentlich war ja wirklich die Idee, so ein selbst-titled Album daraus zu machen und ich verstehe das auch immer noch so. Ursprünglich wollte ich ein Ausrufezeichen setzen und Amen versteht sich auch als Get Well Soon-Amen, nicht nur als ‘Amen’ im affirmativen Sinne. Der Bandname hat schon genügend von dieser Message drin.”

Lieber Konstantin, diese Message ist auf jeden Fall bei uns angekommen!

HÖREN SIE "AMEN" VON GET WELL SOON AUF QOBUZ

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