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Die Andere Seite - Tom Schilling und die Sehnsucht

Von Lena Germann |

“Es gibt keine Zeit für Verwirrung” erklärt uns Tom Schilling und deshalb heißt seine neue-alte Band auch nicht mehr Tom Schilling & The Jazz Kids, sondern Die Andere Seite. Kurzer Spoiler: Es hat sich nie um Jazz gedreht und wird es auch wahrscheinlich nicht. Mit dem neuen Namen kommt nun auch eine neue Platte: “EPITHYMIA” ist zwar kein Debütalbum, fühlt sich aber ein bisschen so an. Im Vergleich zum ersten Album “Vilnius” (2017) scheint Tom Schilling mehr das gefunden zu haben, was er mit seiner Musik aussagen möchte. Eine Art Konzeptalbum, das sich vor allem um eines dreht: Sehnsucht - was gleichzeitig auch ein zentrales Lebensthema für Tom Schilling darstellt. Wir durften im Gespräch mit dem Musiker (und Schauspieler) erfahren, was “EPITHYMIA” musikalisch und inhaltlich geprägt hat und ob Tom Schilling seinem Verlangen ein Stückchen näher gekommen ist…

Seit deiner Kindheit bist du als Schauspieler tätig - Wann kam das Interesse und die Leidenschaft zur Musik?

Ich hatte einen sehr direkten Zugang zur Musik, besonders durch Leonard Cohen. Ich weiß, dass mich immer die Sachen, die vermutlich so ein bisschen trauriger, molliger oder schwermütiger waren, irgendwie total getröstet, fasziniert und angezogen haben. Meine Eltern spielen keine Instrumente, deswegen war Musik nie so richtig Teil unseres Haushalts. Ich habe dann irgendwann angefangen Keyboard zu spielen, aber nur kurz (weil wir kein Klavier hatten), das ist dann aber versandet. Mit 20 habe ich angefangen Gitarre zu spielen, was ich mir selbst beigebracht habe, und dann habe ich mir auch ein Klavier gekauft und angefangen Klavier zu üben, alles alleine. Und dann dachte ich mir irgendwann, ah das klingt ja super, und wenn ich danach den Akkord spiele, dann klingt es ja noch besser und wenn ich da diese Melodie drüber singe, dann klingt es superschön! Ja, so hab ich angefangen Lieder zu schreiben, also ganz kindlich, ganz einfach durch Ausprobieren.

Tom Schilling & The Jazz Kids - Kannst du uns erzählen, wie es zur Bandgründung kam?

Ich hatte zwischen 20 und 30 Lieder geschrieben und wollte eine Platte machen, aber nicht so eine Singer-Songwriter-Platte. Und deshalb war ich auf der Suche nach guten Partnern und hatte bereits auch eine andere Konstellation verworfen. Und dann hatten die Jungs und ich uns über den Filmdreh von Oh Boy kennengelernt und angefreundet und als ich ihnen erzählt habe, dass ich Songs schreibe, fingen wir an, bei ihnen im Jazzinstitut - deswegen hießen wir auch die ‘Jazz Kids’ - zu proben und zu arrangieren. Und irgendwann haben wir dann beschlossen, dass wir dazu bereit sind, die Musik zu veröffentlichen.

Trotz des Namens ‘The Jazz Kids’ hatte eure Musik und auch das erste Album Vilnius erstmal nichts mit Jazz zu tun. Kann man dann den Namen daher ironisch betrachten?

Mir ist offen gestanden nichts Besseres eingefallen und die Musik und die Lieder, die ich geschrieben habe, fand ich eher traurig und aus der Zeit gefallen und gar nicht jazzig. Und deshalb dachte ich irgendwie, das ist der größtmögliche Etikettenschwindel und dass es vielleicht insofern ein interessanter Name sein könnte, weil es so wirklich gar nichts mit dem tatsächlichen Klang oder mit dem Inhalt zu tun hat. Nur wurden wir dann immer auf Jazzfestivals eingeladen, was mich dann doch irgendwie hat zweifeln lassen, wie sehr die Menschen sich eigentlich überhaupt mit etwas befassen. Ich dachte irgendwie, dass die Zuhörer da draußen viel mehr Zeit haben, sich mit Sachen zu beschäftigen - haben sie aber gar nicht, weil es einfach viel zu viele Sachen gibt, die täglich auf einen einprasseln, an Informationen oder an neuer Musik, Filmen oder Büchern, die an den Mann oder die Frau gebracht werden wollen und da ist keine Zeit für Verwirrung.

Nach der Verwirrung mit den Jazz Kids ist aber der Name ‘Die Andere Seite’ jetzt Programm, oder?

Klanglich war das alles schon bei dem ersten Album bei einigen Songs so angelegt. Die erste Platte ist auch im Proberaum entstanden, wir haben alle arrangiert und zu fünft mitgeredet und ich konnte mich auch noch nicht so gut verständlich machen. Das war bei dem zweiten Album jetzt anders, weil ich das einfach viel besser zu Hause vorbereitet und auch nur mit unserem neuen Gitarristen arrangiert habe und dadurch ist es vielmehr so geworden, wie ich auch schon beim ersten Album klingen wollte.

Hat der Namenswechsel auch was damit zu tun, dass du ihn von deiner schauspielerischen Karriere unter Tom Schilling trennen wolltest?

Ja, auf jeden Fall. Ich mach es mir natürlich aus Booker und Plattenfirmen-Sicht ein bisschen schwer, weil auch viele Leute gekommen sind, die dachten, “oh, den kenn ich aus dem Film, wie klingt denn der, was macht der für Musik?” Aber eigentlich möchte ich dahinter zurücktreten und, dass die Musik und Lieder für sich selbst sprechen. Und wenn das dazu führt, dass wir weniger Publikum haben, dann nehme ich das gerne in den Kauf. Ich denke, die Musik ist auch für ein anderes Publikum gemacht, als für die Leute, die zu einem Konzert gehen, weil sie den Schauspieler aus einem Film kennen.

Es handelt sich ja bei EPITHYMIA um eine sehr düstere Platte. Hat die Pandemie dabei eine Rolle gespielt?

Also das meiste habe ich vor der Pandemie geschrieben. Und warum die Platte so düster ist? Ich glaube, ich war zu der Zeit vielleicht nicht so auf der “sunny side of life”. Und das hat mir Halt und Sinnhaftigkeit gegeben, weil diese mir ein bisschen abhanden gekommen sind. Und dann habe ich wahrscheinlich auch einfach viel düstere Musik gehört, viel Nico, die späten Alben, und ich wollte auch ein von vorne bis hinten radikal düsteres Album machen. Es fällt einem auch irgendwann schwer, so Ausreißer-Songs zu schreiben. Es ist dann fast so, als müsste der nächste Song, den man schreibt, noch düsterer und noch abgründiger sein. Und so ist es dann zu einer Art Konzeptalbum zu solchen Themen geworden. Themen wie Entfremdung, Zweifel, Verzweiflung, Depression vielleicht, das Sterben von Städten, eine Überreizung der Gesellschaft… und dann kommt so eins zum anderen und dann wird es halt so düster. Hatte aber nichts mit der Pandemie zu tun. Ich fand die Welt eigentlich vorher und auch nachher - jetzt sind wir ja mit dem Krieg völlig aus der Bahn geworfen - genauso krank.

Was die musikalische Arbeit und das Texten angeht, ist das für dich ein Prozess, den du mit dir selbst ausmachst oder gehst du viel in den Austausch mit anderen?

Was ich auch auf den meisten Songs behandel, ist, dass ich von meinem eigenen Perfektionismus sehr getrieben bin. Also vor allem auf so einem Stück wie Das Lied vom Ich geht es ja darum, dass man Angst hat, nicht perfekt zu sein, Angst davor hat, Fehler zu machen. Ich glaube, ich habe schon mein ganzes Leben lang ein großes Problem, “vermeintliche” Fehler - es gibt ja keine Fehler, es ist ja auch nichts dabei, irgendwas nicht zu können - zu machen. Also wenn ich ganz ehrlich bin, dann mache ich solche Sachen, wie das Album, lieber im stillen Kämmerlein allein. Das geht soweit, dass ich auch nie wirklich einen Lehrer hatte. Ich habe Schauspiel nicht studiert, ich habe Musik nicht studiert, ich habe keine Instrumente, wie Klavier oder Gitarre, mit Lehrern gelernt, ich habe mir alles irgendwie immer alleine beigebracht, so weit, wie ich es kann. Und ich habe auch die Lieder, die Texte und die Musik zu Hause so weit abgeschlossen, dass ich sie präsentieren konnte. Ich wusste, dass ich jetzt alles getan habe und es nicht besser kann und nun folgende Ideen für das Arrangieren habe oder wie es klingen soll. Das sind eigentlich die Moment, die am schmerzhaftesten sind, vor denen ich am meisten Angst habe, aber lieber so, als vorher so halbfertige Sachen in den Raum zu werfen. Ich bin keiner, der mit jemanden zusammen schreiben könnte oder sich die Bälle zuwirft.

Woher kommt deine musikalische Inspiration?

Von den Sachen, die mich mein ganzes Leben lang begleitet haben. Ich fühle mich zu einer gewissen Musik hingezogen, schwermütige Musik. Ich mag portugiesischen Fado, Franz Schubert hab ich viel gehört, aber auch viel The Doors und Nico. Das ist meine Inspiration und was die Texte angeht, habe ich einen gewissen inneren Kompass, dass ich weiß, wann er fertig ist oder jedenfalls für meine Ansprüche und meinen Geschmack gut genug.

Bei dir stehen die Texte vor allem im Vordergrund. Lyrisch klingst du sehr bewandert, ist dir das leicht gefallen?

Also ich fühle mich lyrisch eigentlich so gar nicht bewandert, weil ich in meiner Jugend auch gar nicht so viel gelesen habe. Mittlerweile mag ich Sprache, aber ich habe das jetzt nicht studiert. Ich habe, glaube ich, einfach nur einen gewissen Geschmack und bin da in den Sachen, die ich mir selber aussuche, auch sehr genau und streng und verwerfe ganz viele Sachen, wenn ich sie zu platt finde oder wenn ich das Bild zu abgegessen finde. Ich stecke viel Arbeit rein und es fällt mir nicht leicht.

Das Sehnsuchtsmotiv zieht sich wie ein roter Faden durch das Album. Konnte aber im Laufe des Albums die Sehnsucht etwas gestillt werden?

Nein, es hat sich eher verstärkt. Sehnsucht ist ja ein total ambivalentes Gefühl, weil es auch so schön sein kann, aber eben auch lähmend und belastend. Es ist auch ein sehr intimes Gefühl, weil es etwas ist, was man wirklich mit keinem teilt. Ich habe einfach gemerkt, dass es irgendwie mein Lebensthema ist. Und wahrscheinlich werden all diese Arbeiten, die ich mache - was auch immer das ist - immer dieses Sehnsuchtsmotiv haben. Keine Ahnung, warum das so ist bei mir, ich muss da mal drüber nachdenken, ich bin jedenfalls noch zu keinem Schluss gekommen.

HÖREN SIE "EPITHYMIA" VON DIE ANDERE SEITE AUF QOBUZ


Tom Schilling von Die Andere Seite hat exklusiv für Qobuz eine Playlist erstellt, die Sie hier entdecken können.

Die Andere Seite gehen im Mai 2022 mit EPITHYMIA auf Tour:

17. Mai 2022 Salzwedel
18. Mai 2022 Hamburg
19. Mai 2022 Frankfurt
25. Mai 2022 Berlin
29. Mai 2022 Dresden
30. Mai 2022 Leipzig
31. Mai 2022 Köln

Das Interview wurde von Lena Germann geführt, 6. April 2022.
Visuals © William Minke

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