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Es war einmal Jessye Norman...

Ob deutsches Lied, französische Mélodies oder Opern von Wagner und Strauss – die große amerikanische Sopranistin war atemberaubend! Sie ist im Alter von 74 Jahren gestorben...

Von Marc Zisman | Video des Tages | 4. Oktober 2019
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Ihre üppige, tiefe und kraftvolle Stimme und ihre beeindruckende Statur verliehen ihr eine majestätische Erscheinung. Jessye Norman war eine der beliebtesten Sängerinnen des ausgehenden Jahrhunderts. Ihre mutigen politischen Stellungnahmen, ihre Auftritte vor gekrönten Häuptern und den Präsidenten der Vereinigten Staaten, ihre Teilnahme an der Zweihundertjahrfeier der Französischen Revolution auf den Champs-Élysées und die Einweihung des Ehrenmals zum Gedenken an die Opfer des 11. September 2001 sind bereits in die Geschichte eingegangen. Norman wurde in Augusta, Georgia, in eine musikliebende Familie geboren. Von ihrer Mutter ermutigt lernte sie schon in sehr jungen Jahren Klavierspielen. Im Alter von neun Jahren entdeckte sie in den wöchentlichen Radiosendungen der Metropolitan Opera die Welt der Oper. Die Stimmen von Marian Anderson und Leontyne Price waren für sie eine echte Offenbarung, die ihr neue Perspektiven eröffnete.



Mit 16 Jahren gab sie ihr Projekt auf, Medizin zu studieren und nahm an einem Gesangswettbewerb in Philadelphia teil, wo sie ein Stipendium für ein Studium in Washington gewann. Nachdem sie in verschiedenen Chören gesungen hatte, arbeitete sie an den Konservatorien von Baltimore und Michigan. Mit ihrem Diplom in der Tasche machte sie sich auf den Weg nach Europa. An der Deutschen Oper Berlin erhielt sie einen dreijährigen Vertrag und debütierte in der Rolle der Elisabeth in Tannhäuser mit großem Erfolg. Kritiker und Theaterregisseure wurden sofort auf sie aufmerksam. Sie sang in Deutschland und Italien und wurde oft mit den Rollen von Prinzessinnen und Adligen betraut.



Dank ihrer außergewöhnlichen Begabung etablierte sich Jessye Norman schnell in der weltweiten Musikszene. Der Tonumfang ihrer Stimme war enorm und reichte vom höchsten Register eines dramatischen Soprans bis in die Tiefe einer Altstimme. Sie beherrschte eine solche Bandbreite an Nuancen, dass sie Verdi (Aida), Wagner (Sieglinde), Strauss (Ariadne) wie auch die überwältigende Rolle der Leonore in Beethovens einziger Oper Fidelio singen konnte. Jessye Norman war aber ebenso in der Lage, französische Mélodies und deutsche Lieder sowie Opern von Händel und Mozart mit unendlicher Feinfühligkeit zu interpretieren.



Auf ihren zahlreichen Plattenproduktionen nahm sie neben bekannten Opern auch vergessenes Repertoire und Negro-Spirituals auf, die sie mit ihrer großzügigen Stimme ausschmückte. Sie imponierte auch durch ihre Interpretationen der großen Gesangs- und Melodiezyklen (Das Lied von der Erde von Mahler, Vier letzte Lieder von Strauss, Schönbergs Gurrelieder, Poème de l'amour et de la mer von Chausson oder Ravels Shéhérazade).


Am Ende ihrer Karriere widmete sich Jessye Norman dem Crossover, arbeitete mit dem Choreographen und Tänzer Bill T. Jones zusammen, sang Lieder von Michel Legrand und nahm an Jazzkonzerten teil. Sie drehte mit André Heller einen ihr gewidmeten Dokumentarfilm, in dem sie ihre Kämpfe für die Musik, ihre Inspirationen und Träume sowie ihre sozialen und politischen Anliegen zugunsten der afroamerikanischen Bevölkerung und Künstler erzählt.



Im Jahr 2003, als die Regierung die Mittel für Kunstschulen kürzte, gründete die Sängerin die Jessye Norman School of the Arts, ein kostenloses und umfassendes außerschulischen Kunstprogramm für benachteiligte Schüler in ihrer Heimatstadt Augusta. Sie hat das Projekt, das Kurse in Tanz, Theater, Bildender Kunst, Instrumental- und Vokalmusik anbietet, in seiner Anfangsphase weitgehend finanziert und sich lange daran beteiligt. Mit dieser großzügigen Geste wollte Jessye Norman zweifellos der Vorsehung danken, die über ihr eigenes Schicksal gewacht hat.

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