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Kanye West|ye

ye

Kanye West

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"Loving you is complicated". Diese Kendrick Lamar-Line ging mir in den letzten Wochen sehr oft durch den Kopf. Ich bin Kanye-Fan. Und einmal mehr lässt er nicht einfach die Musik für sich stehen, sondern macht es unnötig kompliziert. Natürlich ist es unmöglich, das Drama um seinen Namen auszublenden, wenn es in den Roll-Out eines neuen Projektes geht, immerhin weiß niemand genauer als er selbst, dass die Persona des "neuen Kanye" ein dynamisches Produkt seines medialen Phänomens ist. Kanye existiert in einer radikalen Wechselwirkung zum Melodrama, das er wieder und wieder verursacht. Es wäre zu leicht, Aussagen wie "Sklaverei war eine freie Wahl" und "Ich und Donald Trump sind Brüder, wir haben beide Drachenenergie" an derselben Stelle seines Herzens zu suchen, von wo aus bereits Sätze kamen wie "George Bush kümmert sich nicht um schwarze Menschen", "Beyoncé hat eines der besten Musikvideos aller Zeiten gedreht" und "Mark Zuckerberg, du musst 50 Millionen Dollar in Kanye-Ideen investieren". Aber es wäre auch zu einfach, das nicht zu tun. Gerade aufgrund der ersten Rapline des Tapes: "I called up my loved ones, I called up my cousins / I called up the Muslims, said I'm 'bout to go dumb". Kanye hat keinen Filter, absolut keine Selbstbeherrschung und lebt die absolute, impulsive Spontaneität. Heißt nicht, dass jeder seiner Gedanken intellektuell oder geistreich ausfällt. Aber es ist ein Testament eines der authentischsten und transparentesten Künstlern unserer Zeit. Das drückt sich auch auf diesem sieben Tracks starken Album aus, das nicht nur einen der intimsten, verwundbarsten Blicke auf Kanye wirft, sondern ihn auch so rap-lastig zeigt wie vielleicht seit "The College Dropout" oder "Late Registration" nicht mehr. Schon die Eröffnung "I Thought About Killing You" kehrt derart schonungslos die finstersten Winkel seiner Gedankenwelt nach außen: "I thought about killing myself, and I love myself way more than I love you / So ... today I thought about killing you". Mit einem verzerrten, fast an Ambient erinnernden Vocal-Sample und einer reduzierten Spoken Word-Delivery entwickelt der Track sich fast zu etwas, das man als invertierten "Ultralight Beam" bezeichnen könnte. Ein Minimalismus, der sich auch durch die zwei kommenden Tracks zieht. "All Mine" und "Yikes" klingen wie eine Synthese der "Yeezus" und "808s & Heartbreak"-Äras. Das Zusammentreffen von schroffen Synthesizer-Betten mit melodischen Hooklines nutzt er, um Kanye nach dem erschlagenden Intro direkt weiter zu dekonstruieren. "Yikes" präsentiert einen inkohärenten Verse über Gedanken und Erfahrungen mit psychedelischen Drogen und setzt sich vage mit psychischer Erkrankung auseinander, während "All Mine" noch dichter und direkter als selbst Songs wie "Famous" Kanyes Verhältnis zu Sexualität und Liebe als etwas animalisches und problematisches darstellt. Auch wenn die schräge Hook von Newcomer Valee und Kanyes höchst absurder Punchline-Rap ("Let me hit it raw like fuck the outcome / Ayy, none of us'd be here without cum") für einen der gewöhnungsbedürftigeren Tracks des Albums sorgen. Der dominante Minimalismus, die unpolierte Produktion und der überraschend radikale Fokus auf eine ungeschönte Selbstdarstellung Kanyes sorgen an dieser Stelle dafür, dass "Ye" einmal mehr alle Erwartungen an ein Album des Mannes über den Haufen wirft. Statt ausuferndem Songwriting, hochkarätigen Features und Soul gibt es kalte Synthesizer, höchstens Gäste aus der zweiten Reihe und Aussagen über die eigene Bipolarität. Und gerade, wenn man sich an diesen Zustand gewöhnt hat, wechselt Kanye in wesentlich vertrauteres Fahrwasser. Weg von seiner eigenen Person, hin zu seinen engsten Vertrauten, denn auf "Wouldn't Leave" und "No Mistakes" klingt es so, als würde er sich bei Ehefrau Kim Kardashian für die eigenen Verfehlungen entschuldigen. "My wife callin', screamin', say we 'bout to lose it all / Had to calm her down 'cause she couldn't breathe / old her she could leave me now, but she wouldn't leave/", heißt es da, bevor eine melancholische Jeremih-Hook den Track in altbekanntes Soul-Terrain schickt. Überraschenderweise ist das hinterlassene Gefühl dieser Tracks vor allem eine aufrichtige Dankbarkeit an die Menschen, die dem Rapper auch an seinen drogen- oder krankheitsinduzierten Tiefpunkten nicht den Rücken gekehrt haben. Ein versöhnlicher Moment für den vermeintlich so egozentrischen Kanye, der prompt darauf noch einen drauflegt: "Ghost Town" ist der intensive Höhepunkt der Platte, eine Nummer, die problemlos mit den höchsten Höhen von "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" mitspielt. Eingeleitet von PARTYNEXTDOOR und Kid Cudi trifft hier Kanyes vielleicht beste Gesangs-Performance seiner Karriere auf einen ergreifend gesungenen Gänsehaut-Part von Newcomerin 070 Shake, die kurz zuvor von GO:OD Music aus der halben Obskurität gesignt wurde. "I put my hand on a stove, to see if I still bleed, yeah / And nothing hurts anymore, I feel kinda free / We're still the kids we used to be": Das ist Chance The Rapper auf "Ultralight Beam"-Level, Nicki Minaj auf "Monster"-Level, Rick Ross auf "Devil In A New Dress"-Level und ein unwiderrufliches Zeugnis davon, dass Kanye seinen magischen Touch, Musikern eine 200-Prozent-Performance abzuringen, immer noch nicht verloren hat. Mit "Violent Crimes" endet "Ye" mit einer einfühlsamen Ballade an die eigenen Töchter und die damit einhergehende Veränderung des eigenen Frauenbilds. Nicht das originellste Konzept und ein bisschen patriarchalisch, aber auch ein bisschen süß und von Herzen glaubhaft. In Sachen Zugänglichkeit unterbietet dieses neue Album vielleicht sogar noch einmal das schon sehr chaotische "The Life Of Pablo". Nach dem TMZ-Interview habe Kanye große Teile des Albums noch einmal komplett überarbeitet, gerade einmal 24 Minuten Spielzeit bringt es auf die Waage. Und dazu noch eine sehr eigenwillige, unterkühlte und auf Themen wie Drogenmissbrauch, Bipolarität und Sexismus fokussierte Einleitung in ein Projekt, das erst in der zweiten Hälfte zu einem wirklich warmherzigen und optimistischen Blick auf sein Leben avanciert. Gerade dank der kurzen Spielzeit und der großen Palette an Ideen und Sounds, die sich erst nach und nach wirklich offenbaren, entwickelt sich "Ye" zu einer der interessantesten und vielschichtigsten Erfahrungen des bisherigen Jahres. Gewissermaßen zu einer Synthese des alten und neuen Kanyes. Gleichzeitig der Superstar, das Medienphänomen, aber auch die Introspektion, die Soul-Samples und die entwaffnende Verwundbarkeit. Highlights wie "Yikes", "Violent Crimes" und allen voran das unglaubliche "Ghost Town" stehen für sich – und auch die eigenwilligeren Tracks wachsen mit jedem Hören verdammt schnell. Ob die Platte Kanyes fragwürdige Aussagen in Perspektive rückt oder vielleicht sogar entschuldigt, entscheidet letztlich jeder Hörer für sich.
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Kanye West

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1
I Thought About Killing You Explicit
00:04:34

Mike Dean, Producer, Mixer, Engineer, Additional Producer, StudioPersonnel, ComposerLyricist - Richard Cowie, ComposerLyricist - Dexter Mills, ComposerLyricist - Malik Yusef, ComposerLyricist - Benny Blanco, Producer, ComposerLyricist - Kanye West, Producer, MainArtist, ComposerLyricist - Jess Jackson, Mixer, StudioPersonnel - Andy C, Producer, Additional Producer - Joseph Adenuga, ComposerLyricist - Cydel Young, ComposerLyricist - Mike Malchicoff, Engineer, StudioPersonnel - Francis Starlite, ComposerLyricist - Aaron Lammer, Producer, Additional Producer - Francis and the Lights, Producer - Terrence Boykin, ComposerLyricist - Zack Djurich, Engineer, StudioPersonnel - Sean Solymar, Asst. Recording Engineer, StudioPersonnel - Kenneth Pershon, ComposerLyricist

℗ 2018 Getting Out Our Dreams II, LLC, distributed by Def Jam, a division of UMG Recordings, Inc., 1755 Broadway, New York, New York 10019.

2
Yikes Explicit
00:03:08

Mike Dean, Producer, Mixer, Engineer, Co-Producer, StudioPersonnel, ComposerLyricist - Dexter Mills, ComposerLyricist - Malik Yusef, ComposerLyricist - Kanye West, Producer, MainArtist, ComposerLyricist - Aubrey Graham, ComposerLyricist - Andrew Dawson, Engineer, Programmer, StudioPersonnel - Noah Goldstein, Engineer, StudioPersonnel - Ayub Ogada, ComposerLyricist - Jess Jackson, Mixer, StudioPersonnel - Cydel Young, ComposerLyricist - Mike Malchicoff, Engineer, StudioPersonnel - James Mbarack Achieng, ComposerLyricist - Danielle Balbuena, ComposerLyricist - Terrence Boykin, ComposerLyricist - Jordan Jenks, ComposerLyricist - Apex Martin, Producer, Additional Producer - Zack Djurich, Engineer, StudioPersonnel - Asten Harris, ComposerLyricist - Pi'erre Bourne, Producer, Additional Producer - Jorden Thorpe, ComposerLyricist - Sean Solymar, Asst. Recording Engineer, StudioPersonnel - Kenneth Pershon, ComposerLyricist

℗ 2018 Getting Out Our Dreams II, LLC, distributed by Def Jam, a division of UMG Recordings, Inc., 1755 Broadway, New York, New York 10019.

3
All Mine Explicit
00:02:25

Mike Dean, Producer, Mixer, Engineer, Co-Producer, StudioPersonnel, ComposerLyricist - Dexter Mills, ComposerLyricist - Malik Yusef, ComposerLyricist - Kanye West, Producer, MainArtist, ComposerLyricist - Jeremy Felton, ComposerLyricist - Jess Jackson, Mixer, StudioPersonnel - Uforo Ebong, ComposerLyricist - Cydel Young, ComposerLyricist - Ty Dolla $ign, Vocals, AssociatedPerformer - Mike Malchicoff, Engineer, StudioPersonnel - Scott Carter, Producer, Additional Producer - Danielle Balbuena, ComposerLyricist - Francis Starlite, ComposerLyricist - Francis and the Lights, Producer, Additional Producer - Terrence Boykin, ComposerLyricist - Zack Djurich, Engineer, StudioPersonnel - Tyrone William Griffin, Jr, ComposerLyricist - Anthony Clemons, ComposerLyricist - Jorden Thorpe, ComposerLyricist - Sean Solymar, Asst. Recording Engineer, StudioPersonnel - Ant Clemons, Vocals, AssociatedPerformer - Kenneth Pershon, ComposerLyricist

℗ 2018 Getting Out Our Dreams II, LLC, distributed by Def Jam, a division of UMG Recordings, Inc., 1755 Broadway, New York, New York 10019.

4
Wouldn't Leave Explicit
00:03:25

Mike Dean, Producer, Mixer, Engineer, Additional Producer, StudioPersonnel, ComposerLyricist - Malik Yusef, ComposerLyricist - Kanye West, Producer, MainArtist, ComposerLyricist - Noah Goldstein, Producer, Additional Producer, Recording Engineer, StudioPersonnel, ComposerLyricist - Jeremy Felton, ComposerLyricist - Jeremih, Vocals, AssociatedPerformer - Justin Vernon, ComposerLyricist - Reverend W. A. Donaldson, ComposerLyricist - Jess Jackson, Mixer, StudioPersonnel - Ty Dolla $ign, Producer, Co-Producer, Vocals, AssociatedPerformer - PARTYNEXTDOOR, FeaturedArtist - Mike Malchicoff, Engineer, StudioPersonnel - Jahron Brathwaite, ComposerLyricist - Francis Starlite, ComposerLyricist - Terrence Boykin, ComposerLyricist - Zack Djurich, Engineer, StudioPersonnel - Tyrone William Griffin, Jr, ComposerLyricist - Jorden Thorpe, ComposerLyricist - Sean Solymar, Asst. Recording Engineer, StudioPersonnel - Kenneth Pershon, ComposerLyricist

℗ 2018 Getting Out Our Dreams II, LLC, distributed by Def Jam, a division of UMG Recordings, Inc., 1755 Broadway, New York, New York 10019.

5
No Mistakes Explicit
00:02:03

Mike Dean, Producer, Mixer, Engineer, Additional Producer, StudioPersonnel, ComposerLyricist - Ricky Walters, ComposerLyricist - Edwin Hawkins, ComposerLyricist - Malik Yusef, ComposerLyricist - Kanye West, Producer, MainArtist, ComposerLyricist - Charlie Wilson, Vocals, AssociatedPerformer - Kid Cudi, Vocals, AssociatedPerformer - Jess Jackson, Mixer, StudioPersonnel - Che Pope, Producer, Co-Producer, ComposerLyricist - Caroline Shaw, Producer, Co-Producer, Vocals, AssociatedPerformer - Cydel Young, ComposerLyricist - Mike Malchicoff, Engineer, StudioPersonnel - William J. Sullivan, Engineer, StudioPersonnel - Terrence Boykin, ComposerLyricist - Zack Djurich, Engineer, StudioPersonnel - Sean Solymar, Asst. Recording Engineer, StudioPersonnel - Eric Danchick, Producer, Additional Producer - Kenneth Pershon, ComposerLyricist

℗ 2018 Getting Out Our Dreams II, LLC, distributed by Def Jam, a division of UMG Recordings, Inc., 1755 Broadway, New York, New York 10019.

6
Ghost Town Explicit
00:04:31

Mike Dean, Producer, Mixer, Engineer, Co-Producer, StudioPersonnel, ComposerLyricist - Dexter Mills, ComposerLyricist - Malik Yusef, ComposerLyricist - Carmen Reece, ComposerLyricist - Benny Blanco, Producer, Additional Producer - Carole Bayer Sager, ComposerLyricist - Kanye West, Producer, MainArtist, ComposerLyricist - Kid Cudi, Vocals, AssociatedPerformer - Trade Martin, ComposerLyricist - Mauricio Iragorri, Recording Engineer, StudioPersonnel - Noah Goldstein, Producer, Engineer, Additional Producer, StudioPersonnel, ComposerLyricist - Jess Jackson, Mixer, StudioPersonnel - Cydel Young, ComposerLyricist - PARTYNEXTDOOR, FeaturedArtist - Mike Malchicoff, Engineer, StudioPersonnel - Shirley Ann Lee, ComposerLyricist - Jahron Brathwaite, ComposerLyricist - 070 Shake, Vocals, AssociatedPerformer - Danielle Balbuena, ComposerLyricist - Francis Starlite, ComposerLyricist - Francis and the Lights, Producer, Additional Producer - Terrence Boykin, ComposerLyricist - Zack Djurich, Engineer, StudioPersonnel - Jorden Thorpe, ComposerLyricist - Kenneth Pershon, ComposerLyricist

℗ 2018 Getting Out Our Dreams II, LLC, distributed by Def Jam, a division of UMG Recordings, Inc., 1755 Broadway, New York, New York 10019.

7
Violent Crimes Explicit
00:03:35

Mike Dean, Mixer, Engineer, StudioPersonnel, ComposerLyricist - Irving Lorenzo, ComposerLyricist - Malik Yusef, ComposerLyricist - Kanye West, Producer, MainArtist, ComposerLyricist - Irv Gotti, Producer - Andrew Dawson, Engineer, Programmer, StudioPersonnel - KEVIN PARKER, ComposerLyricist - Nicki Minaj, Voice, AssociatedPerformer - 7 Aurelius, Producer, ComposerLyricist - Jess Jackson, Mixer, StudioPersonnel - Ty Dolla $ign, Vocals, AssociatedPerformer - Mike Malchicoff, Engineer, StudioPersonnel - 070 Shake, Vocals, AssociatedPerformer - Danielle Balbuena, ComposerLyricist - Zack Djurich, Engineer, StudioPersonnel - Tyrone William Griffin, Jr, ComposerLyricist - Jorden Thorpe, ComposerLyricist - Mike Snell, Assistant Remix Engineer, StudioPersonnel

℗ 2018 Getting Out Our Dreams II, LLC, distributed by Def Jam, a division of UMG Recordings, Inc., 1755 Broadway, New York, New York 10019.

Albumbeschreibung

"Loving you is complicated". Diese Kendrick Lamar-Line ging mir in den letzten Wochen sehr oft durch den Kopf. Ich bin Kanye-Fan. Und einmal mehr lässt er nicht einfach die Musik für sich stehen, sondern macht es unnötig kompliziert. Natürlich ist es unmöglich, das Drama um seinen Namen auszublenden, wenn es in den Roll-Out eines neuen Projektes geht, immerhin weiß niemand genauer als er selbst, dass die Persona des "neuen Kanye" ein dynamisches Produkt seines medialen Phänomens ist. Kanye existiert in einer radikalen Wechselwirkung zum Melodrama, das er wieder und wieder verursacht. Es wäre zu leicht, Aussagen wie "Sklaverei war eine freie Wahl" und "Ich und Donald Trump sind Brüder, wir haben beide Drachenenergie" an derselben Stelle seines Herzens zu suchen, von wo aus bereits Sätze kamen wie "George Bush kümmert sich nicht um schwarze Menschen", "Beyoncé hat eines der besten Musikvideos aller Zeiten gedreht" und "Mark Zuckerberg, du musst 50 Millionen Dollar in Kanye-Ideen investieren". Aber es wäre auch zu einfach, das nicht zu tun. Gerade aufgrund der ersten Rapline des Tapes: "I called up my loved ones, I called up my cousins / I called up the Muslims, said I'm 'bout to go dumb". Kanye hat keinen Filter, absolut keine Selbstbeherrschung und lebt die absolute, impulsive Spontaneität. Heißt nicht, dass jeder seiner Gedanken intellektuell oder geistreich ausfällt. Aber es ist ein Testament eines der authentischsten und transparentesten Künstlern unserer Zeit. Das drückt sich auch auf diesem sieben Tracks starken Album aus, das nicht nur einen der intimsten, verwundbarsten Blicke auf Kanye wirft, sondern ihn auch so rap-lastig zeigt wie vielleicht seit "The College Dropout" oder "Late Registration" nicht mehr. Schon die Eröffnung "I Thought About Killing You" kehrt derart schonungslos die finstersten Winkel seiner Gedankenwelt nach außen: "I thought about killing myself, and I love myself way more than I love you / So ... today I thought about killing you". Mit einem verzerrten, fast an Ambient erinnernden Vocal-Sample und einer reduzierten Spoken Word-Delivery entwickelt der Track sich fast zu etwas, das man als invertierten "Ultralight Beam" bezeichnen könnte. Ein Minimalismus, der sich auch durch die zwei kommenden Tracks zieht. "All Mine" und "Yikes" klingen wie eine Synthese der "Yeezus" und "808s & Heartbreak"-Äras. Das Zusammentreffen von schroffen Synthesizer-Betten mit melodischen Hooklines nutzt er, um Kanye nach dem erschlagenden Intro direkt weiter zu dekonstruieren. "Yikes" präsentiert einen inkohärenten Verse über Gedanken und Erfahrungen mit psychedelischen Drogen und setzt sich vage mit psychischer Erkrankung auseinander, während "All Mine" noch dichter und direkter als selbst Songs wie "Famous" Kanyes Verhältnis zu Sexualität und Liebe als etwas animalisches und problematisches darstellt. Auch wenn die schräge Hook von Newcomer Valee und Kanyes höchst absurder Punchline-Rap ("Let me hit it raw like fuck the outcome / Ayy, none of us'd be here without cum") für einen der gewöhnungsbedürftigeren Tracks des Albums sorgen. Der dominante Minimalismus, die unpolierte Produktion und der überraschend radikale Fokus auf eine ungeschönte Selbstdarstellung Kanyes sorgen an dieser Stelle dafür, dass "Ye" einmal mehr alle Erwartungen an ein Album des Mannes über den Haufen wirft. Statt ausuferndem Songwriting, hochkarätigen Features und Soul gibt es kalte Synthesizer, höchstens Gäste aus der zweiten Reihe und Aussagen über die eigene Bipolarität. Und gerade, wenn man sich an diesen Zustand gewöhnt hat, wechselt Kanye in wesentlich vertrauteres Fahrwasser. Weg von seiner eigenen Person, hin zu seinen engsten Vertrauten, denn auf "Wouldn't Leave" und "No Mistakes" klingt es so, als würde er sich bei Ehefrau Kim Kardashian für die eigenen Verfehlungen entschuldigen. "My wife callin', screamin', say we 'bout to lose it all / Had to calm her down 'cause she couldn't breathe / old her she could leave me now, but she wouldn't leave/", heißt es da, bevor eine melancholische Jeremih-Hook den Track in altbekanntes Soul-Terrain schickt. Überraschenderweise ist das hinterlassene Gefühl dieser Tracks vor allem eine aufrichtige Dankbarkeit an die Menschen, die dem Rapper auch an seinen drogen- oder krankheitsinduzierten Tiefpunkten nicht den Rücken gekehrt haben. Ein versöhnlicher Moment für den vermeintlich so egozentrischen Kanye, der prompt darauf noch einen drauflegt: "Ghost Town" ist der intensive Höhepunkt der Platte, eine Nummer, die problemlos mit den höchsten Höhen von "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" mitspielt. Eingeleitet von PARTYNEXTDOOR und Kid Cudi trifft hier Kanyes vielleicht beste Gesangs-Performance seiner Karriere auf einen ergreifend gesungenen Gänsehaut-Part von Newcomerin 070 Shake, die kurz zuvor von GO:OD Music aus der halben Obskurität gesignt wurde. "I put my hand on a stove, to see if I still bleed, yeah / And nothing hurts anymore, I feel kinda free / We're still the kids we used to be": Das ist Chance The Rapper auf "Ultralight Beam"-Level, Nicki Minaj auf "Monster"-Level, Rick Ross auf "Devil In A New Dress"-Level und ein unwiderrufliches Zeugnis davon, dass Kanye seinen magischen Touch, Musikern eine 200-Prozent-Performance abzuringen, immer noch nicht verloren hat. Mit "Violent Crimes" endet "Ye" mit einer einfühlsamen Ballade an die eigenen Töchter und die damit einhergehende Veränderung des eigenen Frauenbilds. Nicht das originellste Konzept und ein bisschen patriarchalisch, aber auch ein bisschen süß und von Herzen glaubhaft. In Sachen Zugänglichkeit unterbietet dieses neue Album vielleicht sogar noch einmal das schon sehr chaotische "The Life Of Pablo". Nach dem TMZ-Interview habe Kanye große Teile des Albums noch einmal komplett überarbeitet, gerade einmal 24 Minuten Spielzeit bringt es auf die Waage. Und dazu noch eine sehr eigenwillige, unterkühlte und auf Themen wie Drogenmissbrauch, Bipolarität und Sexismus fokussierte Einleitung in ein Projekt, das erst in der zweiten Hälfte zu einem wirklich warmherzigen und optimistischen Blick auf sein Leben avanciert. Gerade dank der kurzen Spielzeit und der großen Palette an Ideen und Sounds, die sich erst nach und nach wirklich offenbaren, entwickelt sich "Ye" zu einer der interessantesten und vielschichtigsten Erfahrungen des bisherigen Jahres. Gewissermaßen zu einer Synthese des alten und neuen Kanyes. Gleichzeitig der Superstar, das Medienphänomen, aber auch die Introspektion, die Soul-Samples und die entwaffnende Verwundbarkeit. Highlights wie "Yikes", "Violent Crimes" und allen voran das unglaubliche "Ghost Town" stehen für sich – und auch die eigenwilligeren Tracks wachsen mit jedem Hören verdammt schnell. Ob die Platte Kanyes fragwürdige Aussagen in Perspektive rückt oder vielleicht sogar entschuldigt, entscheidet letztlich jeder Hörer für sich.
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