Currentzis entstaubt Le Nozze di Figaro

Heute erscheint die erste der drei Da Ponte Opern von Mozart, Le Nozze di Figaro, aufgenommen im russischen Perm, mit dem Ensemble MusicAeterna, unter der Leitung von Teodor Currentzis.

Von Alexandra Grillmeier | Auf Deutsch | 14. Februar 2014
Meinung äußern
Qobuz

Es gibt an die zwei hundert verschiedene Aufnahmen des Figaro von Mozart, davon mehrere historische Mitschnitte aus den Dreißiger- und Vierzigerjahren; es vermag also einer nennenswerten Dosis Mut, oder gar Sturheit, um eine neue Aufnahme auf den Markt zu setzen, insbesondere wenn die Sänger, der Dirigent und die Stadt selbst, in der das Orchester tätig ist, völlig unbekannt sind. Was ist also das Besondere an dieser Version, die Sony dazu drängte mit dem Orchester und seinem Dirigenten eine langfristige Exklusivität zu unterzeichnen? Der Dirigent: Teodor Currentzis; das Orchester: MusicAeterna, von Currentzis selbst zusammengestellt; die Stadt: Perm, 1500 Kilometer östlich von Moskau, am Fuße des Urals. In dieser etwas irrealen Industrie- und Universitätsstadt, unter den Sovjets unter dem Namen Molotov bekannt, hat der lokale Gouverneur die weitreichende Kraft der Kultur als internationales Marketingwerkzeug erkannt und die kulturell wirkenden Unternehmen mit beträchtlichen Mitteln versorgt. Die Auswirkung seiner Politik lässt sich nun sehen und hören: hier ist die erste Aufnahme des Ensembles MusicAeterna im Rahmen der vollständigen Da Ponte-Trilogie, unter der bemerkenswerten Obhut Sonys, und es scheint, als würde sie die Mozartwelt bald stürmen. Womit kann also diese Einspielung die anderen, seit zig Jahren gespielten und bewunderten Aufnahmen, entthronen?

Mehrere Aspekte spielen hier zusammen. Erstens hat Currentzis die Originalmanuskripte unter die Lupe genommen und mehrere eingeschlichene Angewohnheiten des 19. Und 20. Jahrhunderts ausgemerzt, besonders wenn sie Mozarts Musik nutzlos andickten. Seit den Fünfzigerjahren hatten Barockmusiker bereits Unternehmungen dieser Art begonnen, Currentzis setzt diese Arbeit viel weiter fort. Die Recitativos sind hier am historischen Hammerklavier gespielt, so wie es Mozart selbst so oft zu tun pflegte; dazu wird das Hammerklavier auch in den Orchestersätzen eingesetzt, als Art diskretes Continuo. Den Sängern wird es erlaubt, einige Verzierungen zu extemporieren, genauso, wie es zu Mozarts Zeiten üblich war. Die dynamische Palette hat Currentzis stark erweitert, indem er mit hauchdünnen Pianissimi und explodierenden Fortissimi Kontraste schafft. Den Sängern wird das breite romantische Opernvibrato untersagt und die Stimmführungen werden „glatter“ gestaltet, ganz im Gegensatz zu dem seit einem halben Jahrhundert immer mehr anschwellenden „philharmonischen“ Konzept des Operngesangs, dessen Legitimität sich lediglich in den übergroßen Opernsälen findet – in denen aber Figaro kaum seinen Platz hat. Kurz gesagt: Currentzis hat sich die Lehren der modernen Musikologie angeeignet und gleichzeitig jegliches musikologisches Dogma abgelehnt.



Das Ergebniss ist phénomänal. Die ganze Aufnahme strahlt vor Kraft, Jugend, Frechheit und Lebensfreude, begleitet von einer überströmenden Kontrastergiebigkeit, bei der die Tontechnik ganz besonders zugehorcht hat. Currentzis fügt noch einige ungeschriebene Kuriositäten hinzu; außer der schon erwähnte ständigen Präsenz des Hammerklaviers – nicht nur bei den Rezitativen – und der Verzierungen der Sänger, hat der Dirigent auch hier und da eine Laute eingesetzt, um den Pizzicati der Streicher mehr Schwung zu verleihen, sowie eine Leier um – sehr diskret – die Dorfszene zu färben. Das Orchester ist ungemein präzise, was nicht zuletzt auch darauf zurückgeführt werden kann, dass das Ensemble MusicAeterna fast als „Seminar“, oder gar Musikergemeinde, arbeitet, ohne seine Arbeitszeit zu zählen, so wie es, leider, anderswo oft der Fall ist, sogar bei den weltweit angesehensten Orchestern.

Ohne Übertreibung, könnte man sich beinahe vorstellen, dass in absehbarer Zeit Perm zum Status des neuen – und beträchtlich jüngeren – Salzburg gelangen dürfte.

Von Ihnen gelesene Artikel